Berlin -  Kürzlich machte mein Herz einen Hüpfer bei der Aussicht, gleich im Supermarkt ein paar Runden zu drehen. Hätte mir jemand vor ein paar Monaten gesagt, dass der Supermarkt mein begehrtes Wochenend-Ausflugsziel würde, ich hätte laut gelacht. Supermärkte waren für mich, wie für die meisten, immer ein notwendiges Übel. Viel lieber kaufe ich im Vorbeigehen beim Fleischer ein Huhn, beim Gemüsehändler am Stand oder gleich auf dem Markt ein. Wer jedoch eine Familie zu versorgen hat, endet zwangsläufig irgendwann beim Wochenend-Einkauf im Großformat, um den Grundstock für die Woche zu schaffen.

Allerdings ertappe ich mich seit Corona tatsächlich dabei, dass ich mich samstags länger als nötig etwa bei Real aufhalte, weil es da auch Lockenwickler, Strumpfhosen und Spiele zu kaufen gibt. Alles Dinge, die ich weder brauche noch je in den Einkaufswagen legen werde, aber die ich mir wenigstens anschauen kann. Schien im ersten Lockdown der Konsumverzicht noch wohltuend, fällt er mir immer schwerer. Ich bekenne: Gerne würde ich mal wieder richtig shoppen – und zwar ohne Registrieren und Zeitbeschränkung. Vor allem aber will ich wieder verreisen.

Ferien in fremden Welten

Falls also auch Sie keine Tickets für Mallorca ergattern konnten oder solidarisches Zuhause-Bleiben wie ich praktizieren, habe ich nun einen Tipp, wie man trotzdem in diesen Frühlingsferien in fremde Welten eintauchen kann – und zwar hier in Berlin. Denn auch hierfür sind Supermärkte fantastisch, wie ich gemerkt habe. Sie können sogar ein wenig das Reisen ersetzen.

Kürzlich etwa, ich schwöre, fühlte ich mich wie in Italien. Dank Centro Italia, dem Supermarkt für italienische Lebensmittel und Weine, den es gleich dreimal in der Hauptstadt gibt. Meine nächste und also liebste Filiale liegt kurz vor der S-Bahnbrücke Greifswalderstraße, ein äußerlich trister Flachbau auf einem ebenso tristen ehemaligen Industriehof.

Doch einmal drinnen, duftet es gleich wie an der Autobahnraststätte Autogrill, wenn der Brenner gerade hinter einem liegt und man am ersten Espresso nippt. Die Caffeteria im Centro Italia ist derzeit zum Sitzen geschlossen. Doch ziemlich solide Pasta al Salmone oder Gnocchi zum Mitnehmen gibt´s fast immer. Und ein Espresso im Stehen läuft hier auch immer durch die „macchina“, weshalb im Centro Italia der Kaffeegeruch zur Luft zum Atmen gehört.

Sehr italienisch auch die Geräuschkulisse: Manchmal dudeln italienische Schlager. Und quer durch den Supermarkt schreit das Personal ausnahmslos auf Italienisch.

Unmengen regionaler Tomaten-Varianten

Als erstes steuere ich stets durch die Gänge mit den Tomatenprodukten. Kaum vorstellbar, wie viele Konserven, Gläser und Tuben es allein hiervon gibt: Pasata, also passiert, und pelati, geschält, klar. Hinzu kommen Unmengen regionaler Varianten, je nach Tomatenart und Zutaten der fertigen Sugos. Insgesamt führt das Centro Italia übrigens über 3000 italienische Produkte. Viele Gastronomen kaufen hier ein.

Am Kühlregal mit frischer Pasta nehme ich gerne Ravioli mit Radicchio und Speck mit. Dann geht es jedoch schnell zur Salumeria, wofür man wie in Italien eine Nummer zieht, um sich dann zwischen rund 40 verschiedenen Schinken-Salami-Spezialitäten sowie allerlei eingelegten Antipasti, Pesti und Oliven zu entscheiden. Besonders liebe ich die herrlich öligen Riesen-Artischocken und die stets frisch hergestellten Salsiccias aus gewolftem Nackenfleisch und Bauchfett mit Kräutern. Die mit Fenchel kann ich besonders empfehlen. Fantastisch ist übrigens auch das hausgemachte Vitello Tonnato, ohne das ich hier nie rausgehe: Hauchdünn wird das in Gemüsebrühe und Weißwein geschmorte Kalbfleisch abgeschnitten, dazu wird ein Töpfchen mit der cremigsten Thunfisch-Mayo abgefüllt, für deren vollmundige Salzigkeit bekanntermaßen Sardellen und Kapern sorgen.

Gerne würde ich Sie jetzt weiter durch die Gänge mit Ölen, Kaffeesorten, Salz- und Keksgebäck sowie Weinen nehmen. Doch ich habe noch eine andere Reise vor, die nicht verschiedener sein könnte.

Der Osten – ein auf Haltbarkeit getrimmtes Paradies

In Lichtenberg an der Landsberger Allee findet sich, in einem mindestens ebenso hässlichen Flachbau, Berlins erster echter russischer Supermarkt: Intermarkt Stolitschniy. Es ist eine ehemalige DDR-Kaufhalle, die vor mehr als 20 Jahren von Aussiedlern übernommen wurde. Nahe des Eingangs empfangen einen schon mal Blumenkübel-große Gläser mit eingelegten Gurken. Überhaupt scheint mir der Osten ein auf Haltbarkeit getrimmtes Paradies: Gemüse, Obst, Fleisch und Fisch, alles gibt es massenweise eingelegt, getrocknet, gefroren und in der Konserve. Worte wie „Bio“, „vegan“ oder „ohne Zusatzstoffe“ erscheinen den überwiegend männlichen Einkäufern hier wohl so rätselhaft wie mir die kyrillischen Aufschriften auf den Riesenpackungen. Richtung Kasse wird´s kleinteiliger – hier ist eine Selbstbedienungswand mit losem russischem Konfekt und Bonbons aufgebaut, glückliche pausbäckige Kinder grinsen vom Einwickelpapier. Auch hängt hier etwas, was ich unbedingt einmal ausprobieren will, mich aber noch nie getraut habe: große Tüten, die an Gummibärchen gemahnen, allerdings mit getrocknetem und gesalzenem Fisch zum Lutschen drin.

Zwischen Ein- und Ausgang verliert man sich im Gängegewirr und den langen Tiefkühlreihen, in denen man zwischen dutzenden verschiedenen Pelmeni, Blini und Pfannkuchen wählen kann, doch kaum welche ohne Fleischfüllung findet. Fleisch scheint hier überhaupt als Währung für Glück zu gelten, in den Kühlregalen drängeln sich rosafarbene, braune und dunkelrote Würste aneinander, manche kiloschwer. Und in der Fleischtheke selbst türmen sich Schweinsleber, -lunge und -herzen.

Wenn Sie Ihren russischen Kochkünsten ebenso wenig vertrauen wie ich den meinen, empfehle ich einfach die Theke mit frisch gebackenen Pirogen in Kassennähe anzusteuern. Süß oder herzhaft, hier gibt es alles, und ich finde die mit Kartoffelfüllung ganz besonders hervorragend. Die sind allerdings so fettig, dass es tropft. Nicht zu süß und richtig gut schmecken auch die mit Füllung aus Quark mit Rosinen. Und beim Rausgehen gucken Sie ruhig auf den lutschbaren Trockenfisch, vielleicht wagen Sie es ja eines Tages. Ansonsten ist er auch ein hübsches Mitbringsel von ihrer lokalen Urlaubsreise.

Preisbeispiele:

Vitello Tonnato für 4 Personen um 14 Euro; Mittagsgerichte zwischen 9 und 15 Euro; Pirogen von 99 Cent bis 1,79 Euro

Adressen der besuchten Supermärkte:

Intermarkt Stolitschniy; Landsberger Allee 116, 10369 Berlin; Mo-Sa: 8 bis 21 Uhr

Centro Italia Prenzlauer Berg; Greifswalder Str. 80C, 10405 Berlin; Mo-Fr: 10-19 Uhr, Sa: 10-16 Uhr