Berlin - Das Jahr 2021 ist innenpolitisch sowohl für China und als auch für Deutschland ein bedeutsames. In China feierten wir das hundertjährige Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas und haben mit der Überwindung der absoluten Armut in China eine epochale Leistung vollbracht – und das in einem Land mit über 1,4 Milliarden Einwohnern. In Deutschland fand die Bundestagswahl statt, und nach 16 Jahren Kanzlerin Merkel wird nun ein neuer Nachfolger in das Kanzleramt einziehen. Obwohl die Pandemie der Weltwirtschaft und dem internationalen Austausch nach wie vor zusetzt, ist es erfreulich zu sehen, dass sich die Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland in verschiedenen Bereichen als sehr robust erweist. Das bilaterale Handelsvolumen wuchs in den ersten drei Quartalen 2021 um 27 Prozent auf über 170 Milliarden US-Dollar und dürfte im ganzen Jahr ein weiteres Rekordhoch erreichen.

Im Jahr 2022 jährt sich die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Deutschland zum 50. Mal. Vor fast einem halben Jahrhundert haben die Politiker beider Länder politische Weitsicht und Mut bewiesen, um auf dem eurasischen Doppelkontinent den historischen Handschlag zwischen zwei Ländern zu ermöglichen, die sich hinsichtlich Geschichte, Kultur, Gesellschaftssystem und Entwicklungsstand in großem Maße unterschieden. In den letzten fünfzig Jahren hat Deutschland den Kalten Krieg und die Teilung des Landes hinter sich gelassen und eine zunehmend wichtigere Rolle auf der Weltbühne eingenommen. Auch China hat einen den dortigen Gegebenheiten entsprechenden Entwicklungspfad eingeschlagen und ist im „chinesischen Tempo“ zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufgestiegen.

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Die Wochenendausgabe

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Am 20./21. November 2021 im Blatt: 
Unser China-Spezial: Der chinesische Botschafter in Deutschland äußert sich zur Zukunft der deutsch-chinesischen Zusammenarbeit und plädiert dafür, „politische Korrektheiten“ beiseite zu lassen. Außerdem: Ein Interview mit der China-Spezialistin Genia Kostka

Lehrreich oder Voyeurismus: Was haben Touristen von einem Besuch in Tschernobyl?

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Vor fünfzig Jahren hätte man trotz ausgeprägter Vorstellungskraft nicht voraussagen können, dass die chinesisch-deutschen Beziehungen eine solche Intensität entwickeln würden. Heute gibt es zwischen den beiden Ländern über 80 Dialogmechanismen, unter anderen in den Bereichen Politik, Justiz, Sicherheit, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Umwelt. Allein in diesem Jahr haben sich die führenden Politiker beider Länder sieben Mal zum Austausch zusammengefunden. Auch wurden die 6. chinesisch-deutschen Regierungskonsultationen im virtuellen Format durchgeführt. Das bilaterale Handelsvolumen ist mittlerweile an nur einem Tag mehr als doppelt so hoch wie in einem ganzen Jahr zu Beginn der diplomatischen Beziehungen. Innerhalb von Europa hat Deutschland das größte Export- und Investitionsvolumen nach China.

Umgekehrt ist China der weltweit wichtigste Handelspartner Deutschlands geworden. Vor Corona fanden jährlich über eine Million Reisen zwischen China und Deutschland statt. Obwohl die Pandemie den umfangreichen grenzüberschreitenden Personenfluss in den „Standby-Modus“ versetzt hat, hat China, entgegen den Äußerungen in einigen Medien, keinesfalls die Absicht sich abzuschotten. Nach der Pandemie heißen wir selbstverständlich wieder Menschen aus aller Welt in China willkommen.

Dass die chinesisch-deutschen Beziehungen heute in einem solch guten Zustand sind, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Errungenschaft der jahrelangen gemeinsamen Bemühungen der Regierungen und Vertreter verschiedenster Bereiche aus beiden Ländern, die es zu würdigen gilt. Die wichtigste Erkenntnis mit Blick auf die Entwicklung der bilateralen Zusammenarbeit seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen ist, dass systemische Unterschiede und ideologische Differenzen nie ein Grund dafür waren, Kooperation auszuschließen oder abzulehnen. So war es in der Vergangenheit und so sollte es auch in Zukunft bleiben. Unsere Unterschiede sollten auch zukünftig kein Hindernis für die Weiterentwicklung der bilateralen Beziehungen und die Annäherung der Menschen beider Länder darstellen. Solange wir es schaffen, eine rationale und pragmatische Haltung, den Dialog auf Augenhöhe, gegenseitigen Respekt, Toleranz und Wertschätzung aufrechtzuerhalten, können wir die systemischen Differenzen überwinden und eine gute Zusammenarbeit erreichen, von der beide Seiten profitieren.

Vor tausenden Jahren nutzte man in China die Redewendung „Ein und derselbe Baum trägt im Süden Mandarinen und im Norden Bitterorangen“, um die Anpassungsfähigkeit von Systemen an unterschiedliche Rahmenbedingungen zu veranschaulichen. Entsprechend würde man in Europa sagen, dass eine Rebsorte, die in Frankreich Rotwein produziert, sich in Deutschland lediglich für die Herstellung von Weißwein eignet. Dennoch bringt sie in beiden Ländern Qualitätsweine hervor, die jeweils guten Absatz finden. Die Güte eines Gesellschaftssystems lässt sich primär daran messen, inwiefern es sich für die tatsächlichen örtlichen Gegebenheiten in einem Land eignet. Zahlreiche Beispiele untermauern, dass der Export eines Systems in andere Länder zum Scheitern führt. Unsere Welt strotzt doch geradezu vor Vielfalt. Sie ist eine Welt, in der verschiedene Kulturen, Religionen und Gesellschaftssysteme friedlich koexistieren, sich austauschen und gegenseitig wertschätzen sollten, und in der es nicht darum gehen sollte, wer wem überlegen ist, wer wen verändert oder wer wen ersetzt.

Seit einiger Zeit sind Misstöne zu vernehmen, die im chinesisch-europäischen bzw. chinesisch-deutschen Verhältnis verstärkt das uns Trennende in den Vordergrund rücken und dies sogar als systemische Rivalität beschreiben. Aus meiner Sicht sind jedoch die heutigen Meinungsunterschiede und Differenzen keineswegs größer als vor fünfzig Jahren. Im Gegenteil, es gibt indes erheblich mehr Kooperationsbereiche und unsere Interessen sind deutlich verflochtener. Der Kern des Problems sind nicht die Differenzen an sich, sondern die Denkhaltung, die wiederum unsere Wahrnehmung bestimmt. Die kürzlich im Magazin Focus aufgeworfene Frage, „Ist Chinas relative Armut tatsächlich die Grundvoraussetzung für eine westliche Sicherheitsarchitektur im 21. Jahrhundert?“, regt zum Nachdenken an. Angst ist kein guter Ratgeber. Der wahre Wettbewerbsvorteil liegt immer darin, sich immer wieder selbst zu übertreffen. Auch der Erfolg von „Made in Germany“ beruhte zu keinem Zeitpunkt auf der Unterdrückung anderer.

Die Unterschiede zwischen China und Europa sind objektiv vorhanden, müssen aber nicht unbedingt zu Konfrontation oder Rivalität führen. Die systemische Rivalität ist ein Produkt des Kalten Krieges. Nur weil wir jetzt durch eine längere Periode von Frieden und Wohlstand gehen, darf das Leid der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten. China strebt eine schnellere Entwicklung an, um den Menschen in China ein besseres Leben zu ermöglichen, und nicht um andere herauszufordern, zu übertreffen oder zu ersetzen. Mit Blick auf das sich rasch entwickelnde China und die sich verändernde Welt ist mehr vernünftiges Denken gefragt, statt sich von der „politischen Korrektheit“ leiten zu lassen.

Im vergangenen August fanden in Berlin zahlreiche Gedenkfeiern anlässlich des Baus der Berliner Mauer vor sechzig Jahren statt. Sie weckten in mir Erinnerungen an die Zeit vor dreißig Jahren, als ich als junger Diplomat in Berlin arbeitete. Als Zeuge dieses traurigen Abschnitts der Geschichte freue ich mich aufrichtig für die Deutschen, ihre Wiedervereinigung erreicht zu haben. Genauso sehe ich der baldmöglichsten vollständigen Wiedervereinigung meines Landes entgegen. Obwohl sich das Rad der Geschichte bereits ins 21. Jahrhundert gedreht hat und die sichtbare Berliner Mauer längst abgebaut ist, verdient es dieser Teil der Geschichte weiterhin, im Gedächtnis der Welt zu verbleiben und dort eine mahnende Wirkung auszuüben, insbesondere im Hinblick auf die unsichtbare Berliner Mauer – das Gespenst der systemischen Rivalität, das nicht wieder geweckt werden sollte. Die Welt braucht mehr Brücken-, anstatt Mauerbauer.

Eine friedliche Welt, so Präsident Xi Jinping, müsse Zivilisationen verschiedenster Art beherbergen können. Angesichts wachsender globaler Herausforderungen braucht die Menschheit eine Welt der Solidarität, Zusammenarbeit und Vielfalt. Heute sollten China und Deutschland bzw. China und Europa Seite an Seite zusammenarbeiten, um den Frieden und die Stabilität der Welt aufrecht zu erhalten, die Herausforderungen der Menschheit anzugehen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wir freuen uns darauf, die gemeinsamen Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und Deutschland zum Anlass zu nehmen, unsere Zusammenarbeit mit der neuen Bundesregierung fortzusetzen, damit sich die chinesisch-deutschen und die chinesisch-europäischen Beziehungen stabil weiterentwickeln können.

Dies ist ein Beitrag aus unserer Reihe „Open World“. Sie finden weitere Interviews und Gastbeiträge von Botschafterinnen und Botschaftern auf unserer Website: www.berliner-zeitung.de unter dem Reiter „Open world“.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.