Berlin - Erst mal: Trigger-Warnung! Junge Männer können beim Pinkeln ohnmächtig werden. Ist wirklich so. Nennt sich Miktionssynkope. Und das passiert: wach werden, volle Blase, also ab in die Keramik zum Stehanschlag, dann plötzlich Blutdruckabfall, zu wenig Sauerstoff im Gehirn, Schwindel, schwarz vor Augen, plumps. In der Seefahrt eher: Mann über Bord! Es wurden jedenfalls schon einige leblose Segler mit offener Hose aus dem Wasser gefischt. Kann man darüber lachen?

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Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

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Aurel Mertz kennt den Extremfall der Blasenschwäche aus eigener Erfahrung: fünf Uhr nachmittags, raus aus dem Bett, „was soll ich machen, ich bin Comedian?“, rein ins Badezimmer. „Oh, oh, was ist das denn? Bäääm!“ Und als er dann wieder zu sich kam, hing er mit dem Kopf in der Toilettenschlüssel, mit der Nasenspitze knapp vor Tauchstation. Die Frage, die Mertz sich nun stellte: „Soll ich mich mit den Händen abstützen oder erst die Hose hochziehen?“ Mertz wählte die Würde. Er hatte schließlich die Absicht, im Stehen und mit offener Tür zu pinkeln. Die vom Bäääm! aufgeschreckte Freundin stand bereits hinter ihm. Ist das lustig?

Aurel Mertz sitzt auf einer Wiese am Urbanhafen: Kreuzberg, zwei Schlauchboote auf dem Landwehrkanal, von links startende, nach rechts landende Schwäne, der Frühling macht halbstark auf Sommer. Mertz, 31, geboren in Stuttgart, von Frank Elstner entdeckter Comedian, Schauspieler, inzwischen auch Influencer, natürlich Podcaster und noch einiges mehr mit Medien, trägt kurze Hose. Auf seinem Shirt zwei Botschaften: „Enjoy yourself.“ Und: „Be happy.“ Gefällt dem obdachlosen Zeitungsverkäufer, der sich hier plötzlich ins Bild drängt.

Shit, der Grillkäse brennt!

Mertz kramt einen Euro aus dem Geldbeutel, bedankt sich und sagt: „Am Anfang habe ich Comedy über mich selbst gemacht. Haha, guck mal, das ist mir wieder passiert, oder: Daran bin ich gescheitert.“ Sachen wie: Grillkäse brennt an, Rauchmelder fängt zu piepen an, muss mit Besen zum Schweigen gebracht werden. Oder: am Geburtstag angeschissen werden, ins Gesicht, soll sich nach Möwe angefühlt haben. Und: der andere Zwischenfall im Bad, dazu später mehr. „Aber das war schnell auserzählt.“

Mertz wollte also politischer werden, seine Comedy relevanter machen. Zwei Sätze, die wie Leitplanken im Boden stecken: „Gegen alle ein bisschen schießen.“ Verschwörungserzähler, Impfultras, Allesdichtmacher. „Aber nie nach unten treten.“ Lieber denen da oben zeigen, was schiefläuft.

Zwischen den Lockdowns postete Mertz ein Video, das er für die öffentlich-rechtliche Jugend-Content-Plattform Funk gedreht hatte: Zwei Streifenpolizisten halten eine Person of Color für einen Fahrraddieb, vorher schließen sie anhand einer Farbpalette Schlimmeres aus: „Er ist auf jeden Fall zu hell für einen Drogendealer.“ Um es hier abzukürzen: Erst nachdem ein hinzugezogener Scharfschütze abdrückte, bemerken die Polizisten ihren Irrtum. Der Erschossene wollte keine Waffe aus der Tasche ziehen, sondern nur seinen Fahrradausweis. Und: Er war ein Deutscher. Er trug sogar Tennissocken zu Sandalen.

Alte Gleichung: Comedy auf eigene Kosten = Candystorm. Die neue: Satire auf Kosten von Autoritäten = Shitstorm. Aber eben auch: „Es ist ein Kompliment, als Satiriker beschimpft zu werden.“ Mertz ist nicht ganz schmerzfrei in diese Gewichtsklasse gewechselt.

Die Bild titelte etwa: „Hass-Video gegen Polizei.“ Der Innenminister von Baden-Württemberg sagte: „Wer den Eindruck erweckt, bei der Polizei gäbe es besonders viele Rassisten, begeht einen schweren Fehler.“ Eine Studie hätte die Debatte versachlichen können. Doch Bundesinnenminister Horst Seehofer hielt eine Untersuchung zu rassistischen Polizeikontrollen für nicht angemessen. Deswegen hatte Mertz das Video überhaupt erst gedreht. Dafür hat er Morddrohungen bekommen.

„Wir finden dich! Deine Leiche landet im Gebüsch!“ All das hat ihn nicht besonders getroffen, sagt er, er hatte keine schlaflosen Nächte, ging nur kurz mal nicht ins Internet. Und: „Ich habe großes Glück, dass ich immer gute Laune habe.“ Gute Laune als Schutzschild. Wobei: „Ich mache mir nichts vor, gute Laune ist ein fragiles Konstrukt, das jeden Tag in sich zusammenbrechen kann.“ Aber nicht heute. Die Sonne scheint gerade so schön.

Nti

Ist pandemiefreies Leben noch geil?

In Zeiten der Ansteckung, Spaltung und Ausweglosigkeit tat es gut, einen wie Aurel Mertz in der Timeline zu haben. Einen Witzbold und Sprücheklopfer auf Twitter und Instagram, der nicht brüllt, nicht rumprollt, nicht erklärt oder verstanden werden will. Lebenseinstellung: „Ach, lachen wir drüber!“

Mein persönliches Best of Aurel Mertz der vergangenen Wochen, Nummer drei: „Wir werden wahrscheinlich über Jahrhunderte auch an Karfreitag ausgehen müssen, um das viele ausgefallene Tanzen des letzten Jahres nachzuholen.“ Nummer zwei: „Ich träume von einer Welt, in der ich Essen am selben Ort bestelle, an dem ich es esse.“ Die eins: „Meine größte Angst ist, dass pandemiefreies Leben gar nicht so geil ist, wie ich es in Erinnerung habe.“ Ist doch lustig, oder?

Als die Pandemie kam, wollte Mertz zum ersten Mal auf Tournee gehen. Drei Jahre lang hatte er an seinem Programm geschrieben, nach zwei Shows war Schluss. „Alles für die Tonne.“ Er hebt den Arm, zeigt nach da (KussKuss Komedy in Neukölln), da (Punch Line Comedy in Mitte) und da (Kotti Komedy in Kreuzberg), alles Stand-up-Bühnen, wo er am liebsten aufgetreten ist, seine Bits ausprobiert hat. Die Badgeschichten zum Beispiel.

Die andere: allein in der Wohnung, vor dem Schlafengehen noch Zähne putzen, Mertz hört noch, wie das Fahrrad im Flur umfällt, denkt: „Jetzt ist das Ding bestimmt so gefallen, dass ich nicht mehr rauskomme, haha.“ Dann erster Versuch: Tür geht nicht auf. Akku auf vier Prozent, „also hey, erst mal Fotos machen, Story posten“, dann wollte er wirklich raus, ging aber wirklich nicht. Mit dem Reststrom den Hausmeister angerufen, war bei seiner Freundin, keine Zeit. Und um es abzukürzen: Nach ein paar Stunden kam ein Kumpel mit seinem schlafenden Kind vorbei, musste sich reinklingeln ins Haus, mit dem Kleiderbügel die Tür aufbrechen. „Stell dir vor“, sagt Mertz, „mein Akku wäre früher abgeschmiert, ich würde heute noch im Badezimmer leben.“

Sein neues Programm müsse eigentlich mit den Fragen beginnen: „Wo bin ich? Was ist passiert? What the fuck?“ Die Welt ist doch eine andere geworden. Irgendwie fremd. Wo bleibt der Spaß? Worüber werden wir nach der Pandemie lachen? Oder wird alles einfach noch absurder? Eine Zeit lang dachte Mertz ja: „Jetzt kommt der Auftritt der Aliens.“ Und das wäre dann die finale Steigerung gewesen: Hey, ihr lieben Menschen, wir sind es, hier ist der Impfstoff, werdet erst mal alle gesund. „Und dann werden wir euch fressen.“ Aliens haben da keinen Humor.