Berlin - Wenn sich der kanadische Premierminister Justin Trudeau vor der Presse zeigt, schauen die meisten Journalisten nach unten. Genauer gesagt auf den Bereich, der sich zwischen Schuhen und Hose öffnet, wenn Trudeau Platz nimmt. Der Politiker ist für seine flamboyante Socken-Mode bekannt, mit der er Schwung in blasse Kongresse und fade Gipfel bringt. Ob gute Laune durch gelbe Enten und bunte Geometrie, Schriftzeichen zum islamischen Opferfest oder patriotisches Ahornblatt, der Mann spricht mit den Fesseln. Und es bringt ihm Sympathiepunkte auf der ganzen Welt. Ganz schön clever.

Doch Journalisten können grausam sein – und Socken das Image ruinieren. Wehe, ein Politiker vertut sich mal im Farbschema oder zeigt sich nicht ganz tadellos. So geschah es dem ehemaligen Weltbankpräsidenten Paul Wolfowitz, als er im Januar 2007 beim Betreten der Selimiye-Moschee in Edirne seine Schuhe auszog. Als nämlich seine Socken den Teppich der heiligen Stätte berührten, wurde die Welt zweier großer Löcher gewahr. Durch das wollige Grau lugten rechts und links die großen Zehen des Repräsentanten hervor, eine Peinlichkeit sondergleichen. Natürlich war die Häme in den Medien groß, das Bild galoppierte um die Welt.

Foto: Imago
Der kanadische Premierminister Justin Trudeau 2018 mit Entensocken auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos.

Der arme Mann! Wahrscheinlich war er eines Abends nach langem Verhandeln todmüde nach Hause gekommen, hatte sich bei Funzellicht seiner Kleidung entledigt und direkt ins Bett begeben. Das Hauspersonal hatte am nächsten Tag die Wäsche gemacht und die Socken frisch gereinigt in den Schrank gelegt, ohne deren Schadhaftigkeit zu bemerken. In morgendlicher Hast hatte sich Wolfowitz dann die Socken Tage später übergestreift und war hinaus gehastet. Weiß man’s? Und hatte nicht jeder von uns schon einmal ein Loch im Strumpf? Genau an dieser Stelle? Eins ist deshalb sicher: Die Sollbruchstelle der Socke befindet sich am großen Zeh. Früher legte man die Socken dann auf den „Nähhaufen“, heute landen sie verschwenderisch im Müll.

Vielleicht sollten überarbeitete Politiker mit nachlässigen Angestellten Abstand nehmen vom sensiblen Zwirn fein gewirkter Strumpfwaren – und stattdessen die Möglichkeiten robuster Tennissocken ausloten, denn die haben ihre Hipster-Nische längst verlassen. Frottee zum Anzug? Momentan noch schwer vorstellbar. Aber wenn wir eins von der Mode gelernt haben, dann: Was nicht ist, kann noch werden. Die Langlebigkeit von Tennissocken spricht jedenfalls sehr für ihren Einsatz im Alltag. Das innen aufgeraute Modell war ja ursprünglich für den Sportbereich erdacht worden und ist auf hohe Belastungen ausgelegt.

Foto: Louis Vuitton
Von Kopf bis Socke im Logo-Look: Virgil Ablohs Louis-Vuitton-Kollektion für den Herbst 2021.

Nachdem vor allem weiße Socken und Söckchen in den 80er- und 90er-Jahren aus der Popkultur kaum wegzudenken waren, wurde es in den 2000er-Jahren ruhig um sie. Man könnte sogar von einer Phase der Socken-Verleugnung sprechen. Don Johnson gilt als ein Vorreiter des sockenlosen Looks. Was jedoch in seiner Rolle als Sonny Crockett in „Miami Vice“ funktionierte, war nur mit hochwertigen, atmungsaktiven Lederschuhen umsetzbar. Schon am gummilastigen Sneaker scheiterte der Barfußtrend kläglich. Das feuchte Mikroklima, das sich vor allem bei sommerlichen Temperaturen bildete und Nasen zum Rümpfen brachte, verhalf alsbald dem unseligen Füßling zu großer Popularität. Dieser war optisch ganz und gar kein Fußschmeichler, jedoch ein Garant für frischen Duft.

Foto: 032c, Miu Miu, Vertere Berlin 
Tennissocken belegen auf der Trendscala derzeit die obersten Plätze. Von links: 032c korallfarben und reflektierend (29 Euro), Miu Miu mit Blümchen (550 Euro) und Vertere Berlin direkt aus dem Club (15 Euro).

Heute darf der Sockenschaft wieder aus dem Halbschuh herausschauen. Und wer richtig trendy sein will, der trägt Logo-Socken. Am besten gleich von Gucci, Prada, Dior oder Louis Vuitton. Die Preise für diese Luxusmodelle bewegen sich zwischen 150 und 250 Euro. Günstiger ist die Ware der schwedischen Firma Happy Socks, im Onlineshop bekommt man das Paar schon ab rund zehn Euro. Die Marke ist allseits bekannt für ihre schrillen Designs, die auch dem eingangs erwähnten kanadischen Premier gefallen dürften. Trudeau ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie ein Mann von Rang allein durch bunte Socken Sympathiepunkte bei Kollegen und potenziellen Wählern sammeln kann. Wären lustige Virussocken vielleicht die Rettung für Jens Spahn?


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.