Berlin - Wir alle erinnern uns an den Moment aus „Black Panther“ (2018): Killmonger flaniert im britischen Museum mit der Direktorin durch die ethnologische Sammlung. „Das hier werde ich Ihnen abnehmen“ sagt er, auf eine antike Axt aus Afrika deutend. „Das Werk steht nicht zum Verkauf!“, protestiert die Direktorin. Darauf Killmonger: „Was glauben Sie, wie Ihre Vorfahren daran gekommen sind?“ Er schnappt sich die Axt. Ein süffisantes Johlen ging damals durch den Berliner Kinosaal – jahrzehntelang in trockenen Seminarräumen und institutionellen Zusammenhängen geführte Debatten um die Restitution von Raubkunst aus Kolonialkontexten schienen endlich im Mainstream angekommen zu sein. Dass diese Debatten nicht neu sind, zeigt das jüngste Buch, das die Historikerin Bénédicte Savoy jetzt geschrieben – man möchte fast sagen, „gedroppt“ – hat. 

Savoy ist Professorin für Kunstgeschichte an der TU Berlin und inzwischen eine der bekanntesten und auch kritischsten Stimmen kulturpolitischer Raubkunst-Debatten. Im Auftrag von Präsident Emmanuel Macron erarbeitete sie 2018 mit dem Sozialwissenschaftler Felwine Sarr einen Bericht, der die Umsetzung der Rückgabe afrikanischer Kulturgüter aus französischen Museen an die Ursprungsländer auslotete. Sie brachte frischen Wind in eine Debatte, die in Deutschland viel zu lang zwischen bürokratischer Abwiegelung, mangelnder Achtsamkeit für die Provenienzforschung und geschichtspolitischer Ignoranz vergraben war.

Savoys Buch ist der Versuch einer Aufarbeitung der Restitutionsdebatte

Savoys Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“ könnte nun zeitgemäßer kaum sein: Es erscheint wenige Monate nach Eröffnung des Humboldt Forums, dessen Auseinandersetzung mit der eigenen kolonialen Verwicklung gelinde gesagt inkonsequent (anders gesagt: scheinheilig) ist. So kamen die Benin-Bronzen aus dessen außereuropäischer Sammlung – die, wie Savoy oft betont hat, seit 1972 von Nigeria zurückgefordert werden – in der digitaler Eröffnung des Humboldt Forums überhaupt nicht zur Sprache. Savoy zeigt in ihrem Buch: Rückgabeforderungen afrikanischer Länder existieren seit den 60er-Jahren. Dafür hat sie für die Jahre 1965 bis 1985 Akten­konvolute und Pressearchive durchforstet. Savoy zeigt, dass der Präsident der SPK Hermann Parzinger, wenn er 2017 in einem Interview sagt, die Frage der Provenienz völkerkundlicher Bestände sei ein relativ neues Thema, sich einer glatten Lüge bediente.

Savoys Buch ist der Versuch einer Aufarbeitung der Restitutionsdebatte; und auch der Versuch zu zeigen, dass die Idee, Kulturgüter zurückzugeben, die in der Kolonialzeit in europäische Museen gelangten, alles andere als radikal ist – sondern überfällig. Verstünde man das Buch als Frage, wie es sein kann, dass das Restitutionsthema erst jetzt eine breitere Öffentlichkeit erreicht, dann beantwortet sie diese gewissermaßen selbst. „Restitutionen, Dekolonisie­rung, die Frage des Rassismus und der sozialen Gerechtigkeit gehen Hand in Hand.“ Keine Frage, dass in all diesen Bereichen erst langsam ein aufrichtig gemeinter Sinneswandel spürbar wird. Das Tollste an Savoys Buch ist, dass sie die oft sehr emotional geführten Debatten auf eine sachliche Ebene manövriert. Alle, die sich hierzu Gedanken machen, sollte es lesen.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.