Berlin - Am vergangenen Wochenende wurde an dieser Stelle über Leben und Werk des Architekten Josef Kaiser berichtet, anlässlich seines 111. Geburtstages. Thema war besonders die „Kaiserliche Achse“ entlang des II. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee. Und was liegt eine Woche später – am Tag der Befreiung beziehungsweise des Sieges der Alliierten samt Sowjetunion über Nazideutschland – näher, als über das einstige Nationalitätenrestaurant, also das Restaurant Moskau, zu schreiben?

Benjamin Wolter, Marketingmanager der Betreiberfirma des heutigen Café Moskau, hat zu einer Führung durch den legendären Bau gebeten, der gegenüber vom Kino International liegt. Immer schon wollte ich einmal hinter diesen gläsernen und eher unscheinbaren Eingangskubus kommen, denn bislang kannte ich das Café Moskau nur von außen. Bei all meinen bisherigen Besuchen bin ich stets schnöde einmal drumherum gelaufen; die Fotos, die ich machte, egal aus welcher Perspektive, waren immer irgendwie gleich. Im Sommer 2010 gab es dann doch einmal die Chance, den Bau von innen zu sehen, nämlich als Kuehn Malvezzi Architekten dort die Ausstellung „Das ungebaute Berlin“ planten.

Die Schau im Café Moskau präsentierte eine Auswahl von insgesamt 15 Holzmodellen mit Visionen von Albert Speer, Le Corbusier und Daniel Libeskind sowie den Entwurf von Rem Koolhaas, aus dessen Rotterdamer Büro ich ein Jahr zuvor zurückgekehrt war. Die Größe der egozentrischen Entwürfe für Berlin standen in absolut keinem Verhältnis zur Feingliedrigkeit der Raumstruktur des Moskau, zum sensiblen Einsatz der Materialien dort und zu dem fast wohnlichen Gesamtgefühl dieses Ausstellungsortes.

Martin Maleschka
Vor dieser Kulisse ließ man sich einst vom Orchester beschallen: Ausblick auf das Kino International, ein weiteres Werk des Architekten Kaiser.

Das Restaurant Moskau ist ein zweigeschossiger, in seiner Kubatur recht flach wirkender Baukörper mit innenliegendem Hof. Das Grundschema basiert auf acht zu fünf Achsen – dem Goldenen Schnitt. Der Bau liegt an der Südflanke der mehrspurigen Karl-Marx-Allee, weshalb man sich für eine Atriumssituation zur Schaffung heller und doch ruhiger Räume entschied. Nach dem ehemaligen Hotel Berolina und dem Kino International gilt dieser Eckbau an der Einmündung der Schillingstraße als dritter bedeutender Teil des Ensembles.

Entwurf, Konzeption und Planung stammen vom siebenköpfigen Architektenkollektiv Kaiser des VEB Berlin-Projekt, das unter der federführenden Leitung von Josef Kaiser den kleinen Gastronomie-Komplex im Zeitraum von 1959 bis zu seiner Fertigstellung am 15. Januar 1964 errichtet und ausgestaltet hat.

In der Mitte die Allee, beidseitig flankiert von Nationalitätenrestaurants

Die Grundidee, eine Parade der Nationalitätenrestaurants befreundeter Länder entlang der Karl-Marx-Allee fortzusetzen, war der ausdrückliche Wunsch von SED-Chef Walter Ulbricht. Zuvor waren in den 1950ern im I. Bauabschnitt die HO-Restaurants des Hauses Budapest, des Hauses Warschau sowie in der Rathausstraße das des Hauses Bukarest eröffnet worden.

Platziert wurde man in diesen Restaurants nur, wenn man lange im Voraus reserviert hatte. Die Chance auf einen der heiß begehrten und zugleich teuren insgesamt 822 Plätze im Restaurant-, Salon- oder Barbereich des Moskau tendierte gen null. Das Moskau war unterdessen auch dafür bekannt, ein Treffpunkt für geheime Absprachen zu sein, und nicht zuletzt für West-Berliner immer eine stadtinterne Reise wert. Von den insgesamt sieben einst so beliebten Einrichtungen an der Allee mit ihren besonderen, weil immer landestypischen Speisenangeboten hat übrigens kein Restaurant die Wende von 1990 überlebt.

Eva Brüggmann/Bundesarchiv
So sah das Interior Ende 1963 aus. Die einstige Möblierung verschwand in den Wirren der Nachwendezeit.

Auch das heute unter dem Namen Café Moskau firmierende Konferenz- und Tagungszentrum macht dabei keine Ausnahme. So wild und turbulent, wie es im Berlin der 90er-Jahre zuging, ging es offenbar auch im Moskau zu, berichtet Wolter, der mit mir wenig später geduldig Raum für Raum durchwandern wird. Er kennt die Räumlichkeiten und weiß viel vom Hörensagen der Anwohnerinnen und Anwohner, aber auch von Paaren, die hier Goldene Hochzeit feierten, um noch einmal das Gefühl von damals aufleben zu lassen, als das Moskau ein lebendiger, belebter Ort war.

Was mir zuerst beim Betreten des Foyers auffällt, ist das Fehlen der originalen Bestuhlung. Aus den Erzählungen Wolters schließe ich, dass in den wilden Jahren nach der Wende wohl doch einiges in den umliegenden Häusern gelandet sein dürfte. 2007 kaufte die Nicolas Berggruen Holdings GmbH das 1989 unter Denkmalschutz gestellte Moskau für eine öffentlich nicht genannte Summe von der Treuhand. Die Holding besitzt in Berlin zahlreiche Mietshäuser, Gewerbehöfe sowie Spezialimmobilien. Die Immobilien werden saniert, modernisiert und anschließend neu vermietet. An dieses Prozedere hat man sich nach 30 Jahren so langsam gewöhnt, im positiven wie auch im negativen Sinne.

Gut, dass beim Renovieren viele originale Baudetails erhalten blieben

Doch was ist mit dem Moskau? Ist seine umnutzungsbedingte Renovierung gut oder weniger gut gelungen? Einen geschärften Blick fürs Detail – das kann ich an dieser Stelle vorwegnehmen – hatte zu meiner Freude das Architekturbüro HSH Hoyer Schindele Hirschmüller, das von der Holding 2008 mit der Kernsanierung des Moskau beauftragt wurde. Zwei Jahre lang arbeitete HSH eng und intensiv mit dem Landesdenkmalamt zusammen. Die Gebäude der Ostmoderne kommen schließlich zusehend in die Jahre, ganz gleich, ob sie in den Sechzigern, Siebzigern oder Achtzigern erbaut wurden.

Dies ist nicht mehr bloß eine Frage des Umgangs mit dem baukulturellen Erbe der DDR, sondern verbindet sich direkt mit der Umdeutung dieser Gebäude, die ihre Ursprungsfunktion vielfach verloren haben. Die Neukonzeption des Café Moskau sah nicht nur die Wiederherstellung eines höchstmöglichen Anteils von bauzeitlicher Materialästhetik vor, sondern auch eine neue Raumorganisation, neue Gebäudetechnik und eine neue Glasfassade. Aus denkmalpflegerischer Sicht problematisch war hier außerdem, dass bereits zu DDR-Zeiten Umbaumaßnahmen und Veränderungen vorgenommen wurden.

Imago
So haben auch Vorübergehende etwas davon: Ausschnitt aus Bert Hellers anmutigem Mosaik „Aus dem Leben der Völker der Sowjetunion“ neben dem Eingang.

Nun stehe ich mit Wolter im Foyer, sehe die erhaltene und aufgearbeitete Zweiholmtreppe und kann über den Innenhof bis zum grundstücksbegrenzenden Betonstrukturzaun in den Rosengarten blicken. Selbst Fritz Kühns kugelige Strukturskulptur aus Flachstahl von 1965 dort ist transparent und bekräftigt so alle meine Erwartungen: Dem Architekten Kaiser ging es um Durchsicht, um visuelle Beziehungen innerhalb des Gebäudes, das bestätigt sich gleich zu Beginn unserer Tour und setzt sich beim Besichtigen weiterer Räume fort. Gleichartige Betongitter finden sich als raumbildende und gebäudekantenschließende Zierde wie schwebend über dem Haupteingang wieder. Sie suggerieren fremdländische Folklore und liegen auf Stahlprofilen, die in einer Betonstütze über Eck zusammenlaufen.

Die Betonstütze selbst wurde statisch ertüchtigt, die bauzeitliche Betonummantelung blieb erhalten. Ebenso erhalten ist deren markante Bekrönung – ein in den Kosmos weisender kugelrunder Sputnik. Der Gast wurde außerdem angemessen empfangen mit dem von Bert Heller entworfenen Wandmosaik „Aus dem Leben der Völker der Sowjetunion“ und dem damals allseitig umlaufenden Schriftsatz von Klaus Wittkugel auf Deutsch und Kyrillisch.

Lineares Holz statt der einstigen abstrakten Akustikdecken

Das Wandbild wurde durch die akribisch arbeitende Mosaizistin Elisabeth Jeske von der Mosaikwerkstatt Heinrich Jungebloedt akkurat restauriert. Die Smalten sind aus Naturstein, an prägnanten Stellen gibt es golden schimmernde Akzente. Eine äußerst hochwertige Arbeit, die nicht nur im Außenbereich präsent ist, denn das Mosaik ragt auf beiden Etagen etwa zwei Meter in den Innenraum hinein. Dort schmückte es einst das russische Restaurant und das Konzertcafé im Orchesterbereich.

Durch die grundlegende räumliche Neukonzeption beider Ebenen wurden sämtliche Salons (mit den Namen Leningrad, Riga, Ukraine, Minsk und Grusinisches Zimmer) rückgebaut und die tragende Konstruktion wurde entsprechend dem Lastabtrag verändert. Nur der Salon Tallinn, der erst 1982 durch eine gesamtgestalterische Neuausrichtung des Café Moskau durch Gerd Pieper entstand, wurde restauriert und ins Erdgeschoss versetzt. Bedauerlich ist jedoch der Verlust dreier rundlich-amorph gestalteter Akustikdecken; sie bestimmten einst die Raumwirkung des Konzert- und Tanzcafés im Obergeschoss. Ersetzt wurden sie durch eine Ahorndecke beziehungsweise im Obergeschoss durch eine aus Eschenholz, in die neue Lüftungs-, Beleuchtungs- und Lastschienensysteme integriert wurden.

Martin Maleschka
Charmanter „Fehler“: Ein Teil des Außenmosaiks ragt auf beiden Etagen ins Innere hinein.

Positiv hingegen ist, dass das ursprüngliche Farbkonzept wiederhergestellt wurde und sämtliche Heizkörper im Boden eingelassenen Konvektoren gewichen sind, um maximale räumliche Flexibilität zu gewährleisten. Das Grusinische Zimmer ist in einen weiteren Veranstaltungsraum verwandelt worden. Seine aufwendig gefertigten Majolikamalereien mit städtischen und floralen Motiven von Lothar Scholz oder die Stadtsilhouette Moskaus in Meißener Porzellan von Peter Strang und Volkmar Bretschneider wurden indes in ihrer Präsentationsweise übersteigert.

Schon durch die DDR-Umgestaltung in den Achtzigern wurde das Moskau insgesamt dunkler und warmtöniger entgegen dem Kaiserschen Konzept von hell und leicht. Im starken Kontrast zu dieser ursprünglichen Vision zieht sich ein roter Marmorboden mit aufpolierter weißer Äderung durch das gesamte Erdgeschoss, im Außen- wie im Innenbereich.

Abschließend muss ich sagen, dass das Gebäude aus gestalterischer Sicht an Charme verloren hat. Es ist aber festzuhalten, dass der baukünstlerische wie architektonische Charakter mit allem Für und Wider irgendwo zwischen Denkmalschutz, Bauherrenanspruch, Rentabilität, Machbarkeit und Umnutzung immer noch spürbar ist. Und wer weiß, vielleicht macht die Holding das Café Moskau ja wieder zu einem gastronomischen Flaggschiff, für mich durchaus auch mit einer Mischnutzung vorstellbar.

Am Ende unseres Spaziergangs beichte ich Benjamin Wolter, dass ich Stunden brauchen werde, um diese durchkomponierten Sichtbeziehungen, Perspektiven, Ein- und Ausblicke fotografisch einfangen zu können. Sowieso muss ich wohl wiederkommen – der wunderbare Bau hat es mir angetan.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.