Berlin - Es gibt etwas, das können die Franzosen viel besser als wir Deutschen: über unsere Gesellschaft schreiben – und zwar aus dem Dreck. Nehmen wir etwa Virginie Despentes und ihre Trilogie „Das Leben des Vernon Subutex“, eine literarische Offenbarung aus der Grande Nation, die hier am Beispiel eines ehemaligen Plattenhändlers die Abstiegsangst der französischen Mittelschicht als Sozialpanorama illustriert und es dabei schafft, vor allem lustig zu sein.

Darin finden sich Sätze wie dieser: „Wenn man über 40 ist, gleicht die ganze Welt einer bombardierten Stadt.“ Despentes’ Protagonist hangelt sich, nachdem er seine Miete nicht mehr zahlen kann und aus seiner Wohnung rausfliegt, von einer zur nächsten Couch beliebiger Facebook-Bekannter, bis er die Obdachlosigkeit nicht mehr vermeiden kann. „Angesichts der Katastrophe hält sich Vernon an einen Grundsatz“, heißt es bei Despentes: „So tun, als ob nichts wäre.“ Ein Motiv, mit dem – und nun springen wir in die deutsche Gesellschaft – man auch unsere Mittelschicht seit geraumer Zeit beschreiben könnte.

So schrieb etwa der Soziologe Ulf Kadritzke in seinem Essay „Kein Platz mehr im letzten Flugzeug“ bereits Ende 2006 über die „Mittelklasse in der Verwundbarkeit“. Er eröffnet diesen Text an den Ereignissen rund um den Börsenkrach im Jahr 1987: „Nach und nach strömten Tausende von Menschen aus allen möglichen Ecken von New York in die Wall Street. Verwirrt sahen die Polizisten, wie die Menschenmasse einfach dastand und nach oben starrte. Bis die Sache klar wurde: Alle warteten darauf, dass die ersten verzweifelten Broker sich aus den Fenstern stürzen, … keiner wollte das live event verpassen, den fröhlichen Augenblick, da die verfluchten Yuppies endlich auf den Asphalt prallen.“

Konturen einer polarisierten Gesellschaft

Was lässt sich davon ableiten? Sehen wir uns zunächst an, was Kadritzke daran anschließt: „Nun warteten sie und warteten sie, aber nichts geschah.“ Er fragt dann, warum sich die Menschen in dieser Situation aufs Gaffen kapriziert hätten und will wissen, wer diese Menschen waren, die so schadenfroh an den Fassaden der Wall-Street-Büros standen. „Zu den Geschädigten zählten neben den Rednecks der Handarbeiterklasse, die um ihre Pensionsfonds bangten, auch viele Angehörige der Middle Classes, die nunmehr Teile ihres Einkommens verspekuliert hatten.“ Kadritzke lehnt sich sicher weit aus dem Fenster, wenn er dann fortfährt: „Deutet irgendetwas darauf hin, dass sie den Börsenkrach als Menetekel empfanden und am Ende des Goldenen Kapitalistischen Zeitalters die Konturen einer polarisierten Gesellschaft erahnten?“

Was Kadritzke im Weiteren ausführt, ist ein Motiv, dem wir spätestens mit den Identitätspolitiken unserer Gegenwart wieder begegnen – vergangenes Jahr zum Beispiel im Buch „Die Elenden“ der Journalistin Anna Mayr. Darin beschreibt Mayr ihre Kindheit in einer Hartz-IV-Familie, über die Verunmöglichung des sozialen Aufstiegs in den Strukturen des deutschen Sozialsystems, vor allem aber auch über ein Moment, das auch Kadritzke bereits erkannt hat: die Verachtung der „Leistenden“ gegenüber den Armen als Selbsterhaltungsprinzip der Mittelschicht.

Bei Kadritzke liest sich das so: „Mit den Unterschichten will man eher nichts zu schaffen haben. Aber auch der Zutritt zur notorisch schmalen Elite bleibt verwehrt.“ Irgendwo dazwischen würde die Mittelschicht versuchen, ihre unproletarische Daseinsform in den Kapitalismus hinüberzuretten. Leistung gilt ihr als letzte Versicherung gegenüber den Kapitalrenditen der Vermögenden: „Ich leiste, also bin ich.“

Das Leistungsprinzip – und daran gekoppelt politische Teilhabe, aus der sich ergibt, welche Leistung sich lohnt – ist hierzulande für sich ein eigenes Thema. Historiker sprechen dahingehend gerne vom „Deutschen Sonderweg“. Die Entwicklung demokratischer Strukturen fand hier im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn später statt. Preußen, auf Karl Liebknecht zurückgehend, galt den Deutschen als „fürstliche Versicherungsanstalt gegen die Demokratie“. Auf deren Tugenden beziehen wir uns nichtsdestotrotz bis heute gerne. Der Übergang zu den „deutschen Tugenden“ wie Pünktlichkeit, Fleiß, Ordnung scheint nahtlos bis in die Gegenwart hinein. Dass auch die Nationalsozialisten sich jener preußischen Tugenden bedienten, um damit den Holocaust zu organisieren, wird selten erwähnt. Der französische Historiker Johann Chapoutot veröffentlichte vor kurzem mit „Gehorsam macht frei“ ein Buch, in dem er schildert, wie im Dritten Reich von den Preußen antizipierte Riten ihren Einzug in das Nachkriegs-Management vieler deutscher Unternehmen fanden.

„YOLO Economy“

Aber springen wir noch einmal: Jenseits der hier angeführten Beschreibungen zur Mittelschicht und deren Versuch, sich von den Armen abzugrenzen, lässt sich seit ein paar Jahren ein weiterer Konflikt beobachten: der zwischen den Generationen. Da wird in Diskussionen etwa zur Frage, ob sich Arbeit eigentlich noch lohnt, immer gerne auf die sogenannte Boomer-Generation verwiesen. Es geht dabei darum, wie es für heute unter 40-Jährige per se nicht mehr möglich wäre, mit dem Wohlstand ihrer Eltern gleichzuziehen. Das Leistungsprinzip scheint als Diktum einer Welt, in der Vermögen vor allem als durch Renditen von leistungslos entstandenen Kapitalbergen der „1%“ erlebt werden, spätestens unter Millennials nicht mehr zu ziehen. Und so ruft die New York Times bereits die „YOLO Economy“ aus. Eine Wirtschaft, in der die früher in Banken, Rechtsanwaltskanzleien oder Tech-Companies arbeitenden High Potentials der zähen Lohnarbeit den Rücken kehren und als Entrepreneure lieber „etwas Eigenes“ machen, das mehr Ertrag verspricht. 

Frei nach den Thesen des Soziologen Heinz Bude ließe sich diese von der New York Times beschriebene – sehr gut ausgebildete und aus gut aufgestellten Haushalten stammende – Klientel im aktuell sehr aufgeregten Zeitgeist zwischen Pandemie, Klima- und daraus folgender Existenzangst vielleicht als „entspannte Systemfatalisten“ beschreiben. Bude charakterisiert letztere in seinem Buch „Das Gefühl der Welt“ so: „Sie haben die Idee eines vernünftigen Ganzen mit ehrbaren Kaufleuten, sozial verantwortlichen Unternehmern und starken Volksparteien längst aufgegeben.“ Systeme würden, so beschreibt Bude die Fatalisten weiter, „nun mal auf der Willkür von Einzelnen und der Zufälligkeit von Effekten“ beruhen, „weil nur so die verrückten Ideen und kühnen Projekte zustande kommen, die dem System insgesamt seine Reaktionsfähigkeit auf wechselnde Umstände und unvorhersehbare Ereignisketten sichern“. Der Blick zurück im Zorn würde allerdings den Blick nach vorn, zum Überleben verstellen.

Zornig sind bei Bude wiederum jene, die er „heimatlose Antikapitalisten“ nennt: „Man vertraut nicht auf die eigene Kraft im Kollektiv, sondern misstraut dem teuflischen System.“ Die Angehörigen dieser Misstrauensgesellschaft fühlten sich in einem geschlossenen System allseitiger Abhängigkeit gefangen. Dessen Teile ergäben aber kein irgendwie vernünftiges Ganzes, sondern seien jeweils durch selbstsüchtige Willkür und bloße Zufälligkeit bewegt. „Gegen diese ungeheure Haltlosigkeit der Welt“, so Bude, „richtet sich die universelle Empörung, die sich mal an diesem, mal an jenem Gegenstand entzündet.“

Ein wenig liest sich das so, als hätte Bude mit seinem Buch 2016 die sozialen Dynamiken auf Twitter vorweggenommen. Und da wären wir bei einem weiteren und letzten Sprung. Worauf Bude in diesem Buch im Wesentlichen nämlich hinaus will, ist, dass unsere Welt vor allem Spiegel unserer Stimmungen ist. Für ihn sind Stimmungen die Gefühle der Gesellschaft. Sie bündeln im privaten Raum, was in der Öffentlichkeit gedacht und gesagt wird. Sie lenken den Blick auf ganz bestimmte Erfahrungen und drängen andere in den Hintergrund. 

Kapital als soziales Konstrukt

Nun sind Stimmungen auch für einen anderen „Spiegel“ unserer Gesellschaft ausschlaggebend: Wenn wir meinen, dass der Kapitalmarkt mit seinen Rendite-Vermögenden an der Gesellschaft vorbei galoppiert, immer weniger Menschen von den Erträgen profitieren, die Unternehmen erwirtschaften – dann verpassen wir einen ganz wesentlichen Punkt: Der Kapitalmarkt ist ein soziales Konstrukt. An ihm werden Zukunftserwartungen gehandelt. Ob Tesla-CEO Elon Musk nun Multi-Milliardär ist oder Billionär, ist eigentlich unerheblich. Letztlich könnten Musk oder Amazon-Gründer Jeff Bezos noch so viele Vermögenswerte besitzen, es wäre egal, wenn wir ihnen damit nicht – und das ist, worüber es eigentlich nachzudenken gilt – auch Macht zusprechen würden. In den USA ist sehr deutlich am Beispiel des Bundestaates Nevada zu beobachten, was passiert, wenn wir meinen, dass vermögende Unternehmer wie Musk ohne oder unter wenig staatlicher Aufsicht ihr Ding machen können: Nach einem Bericht der Plattform Heise will Nevadas Gouverneur Steve Sisolak Firmen erlauben, neue Städte in seinem Bundesstaat zu bauen. Die Firmen wären dort Regierung, Schulbehörde, Polizei und Justiz in einem.

Unsere Zeiten mögen chaotisch anmuten. Aber es könnte die beste Zeit gewesen sein. Eine Zeit, in der nicht nur in der Identitätspolitik alles zu Recht auf dem Kopf steht, sondern auch Räume in der Wirtschaft offen sind, sie zu gestalten. Wir erleben letztlich gerade, wie Entwicklungen, die die Kapitalmärkte in ihrer Abstraktheit vorweggenommen haben, einen ganz erheblichen Schub erfahren – Automatisierung, Dezentralisierung, Globalisierung. Sie erfordern neue Rahmenbedingungen. Um auf den Geist des 18. und 19. Jahrhunderts abzustellen: Wirtschaft wurde damals nicht nur von Unternehmern und Ökonomen geprägt. Adam Smith, der viel zitierte Vater der Nationalökonomie, war ein Moralphilosoph. Den „freien Markt“ sah er mit Einschränkungen im Sinne des Gemeinwohls. Eine Alternative zum Status quo ist möglich. Aber aus der Verachtung den Armen gegenüber oder ihrer Reaktion, dem Hass gegen die Reichen, entsteht sie nicht.

Virginie Despentes, Das Leben des Vernon Subutex, Kiepenheuer und Witsch, 2007.

Ulf Kadritzke, Kein Platz mehr im letzten Flugzeug, Le Monde diplomatique, 2006.

Anna Mayr, Die Elenden, Hanser, 2020.

Johann Chapoutot, Gehorsam macht frei, Ullstein, 2021.

Andrea Chronopoulos, Welcome to the YOLO Economy, New York Times, 2021.

Heinz Bude, Das Gefühl der Welt, Hanser, 2016.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.