Berlin - Jaroslav Rudis, 1972 in Turnov geboren, ist einer der bekanntesten tschechischen Schriftsteller – und das insbesondere in Deutschland. Denn er lebt im Land der Preußen, begreift sich hier als Staunender und Wanderer zwischen den Welten, dem Brutalen und Schönen, Strengen und Saloppen, West- und Osteuropa, Prag und Berlin (na ja, wenn denn gerade keine Pandemie herrscht). 

Apropos Pandemie: Kürzlich ist ein Comic erschienen, den der Schriftsteller Jarolsav Rudis mit dem Illustrator Nicolas Mahler gestaltet hat. Er heißt „Nachtgestalten“ und zeigt nicht zufällig zwei Freunde dabei, wie sie nachts durch die Stadt wandern und sich von Bier zu Bier und von Kneipe zu Kneipe hangeln. Die Graphic Novel ist halb Ode an das pandemische, dann wieder halb Ode an das virologisch völlig unbekümmerte Leben.

„Mir reichen die Stadt, die Bücher, das Bier“

Denn einerseits beherrschen die beiden melancholischen Kneipenfreunde nichts besser, als die Großstadt im Dunkeln als großen Käfig – oder Bühne – ihres Sinnierens über das Leben zu betrachten (und darin sind wir jetzt in Zeiten von Covid-19 ja bestens geschult). Andererseits geht die Versuchsanordnung ihrer langen, tiefsinnigen Spaziergänge nur auf, wenn die lebendigen Gedanken später am Tresen in einer Bar wieder entschärft und mit Alkoholdunst und Zigarettenrauch kontaminiert werden. Und das ist ja durchaus etwas, was wir Stadtmenschen momentan schmerzlich vermissen. 

Deshalb liest sich dieser Comic so leicht und schwerelos und macht auch so glücklich: Er erinnert an ein Kneipenleben, das wir hoffentlich bald wieder zurückhaben werden. Zugleich ist es eine Hommage an die Stadt und das Spazierengehen im Großstadtdickicht, wenn alle Menschen schlafen und nur Nachtgestalten sich im schwermütigen Flanieren üben. Es ist eine eigene Zunft von Menschen, die das Wandern in der Natur als billigen Ersatz begreift. Wie sagt einer der Protagonisten so schön: „Nur die Menschen, denen nichts anderes einfällt, die leer sind, die keine Fantasie haben, gehen in die Berge wandern. Mir reichen die Stadt, die Bücher, das Bier.“ Ja, ja und nochmals ja!

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Jaroslav Rudiš, Nicolas Mahler: Nachtgestalten. Luchterhand Verlag, München 2020. 144 S., 18 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.