Berlin - Dieses Bild hätte niemand für möglich gehalten: Der liberale Oppositionsführer Yair Lapid, der rechtsextreme Hardliner Naftali Bennett und der Kopf der islamistischen Raam-Partei Mansour Abbas setzten sich diese Woche pressewirksam an einen Tisch, um einen Koalitionsdeal zu unterzeichnen. Der kleinste gemeinsame Nenner, der es vermochte, diese grundverschiedenen Politikertypen zusammenzubringen: das geteilte Ziel des Sturzes des (noch) amtierenden Premiers Netanyahu.

Die neue Einheitskoalition ist eine fragile und auch etwas unbeholfen wirkende Allianz aus acht Parteien, die ein unüberbrückbar scheinendes Weltanschauungsspektrum vertritt: Sie reicht von Nitzan Horowitz von der linksliberalen Meretz über teils offen homophobe Vertreter der Raam-Partei und die von manchen als feministische Stimme Israels gehandelte Merav Michaeli von Avodah bis hin zu Naftali Bennett von der Partei Die Neue Rechte. Bennett steht noch weiter rechts als Netanyahu. Der ehemalige Chef des Yesha Council, einer Dachorganisation für Siedler, und Netanyahus Ex-Verteidigungsminister spricht sich offen dafür aus, dass Israel die besetzte Westbank annektiert, und spart auch sonst nicht mit provokanten Bemerkungen wie der, dass er bereits viele Palästinenser getötet und kein Problem damit habe.

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Laut der Rotationslösung, auf die Lapid und Bennett sich jetzt geeinigt haben, soll Bennett als Erster bis 2023 Ministerpräsident werden, Lapid soll später übernehmen. Würde man diese Koalition als loses Gedankenexperiment auf Deutschland übertragen, wäre das so, als würden Annalena Baerbock, Olaf Scholz, Christian Lindner und die Freien Wähler koalieren – mit Alexander Gauland als Bundeskanzler. Während manche die neue Koalition als Spiegel einer komplexeren Lebensrealität in Israel begrüßen, fürchten andere, das Bündnis sei wegen der offensichtlichen Inkompatibilität seiner Vertreter von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Wie dem auch sei: Die Koalition wird wohl den vorläufigen Endpunkt der scheinbar nie enden wollenden Ära Netanyahus bedeuten, die drohte, die demokratischen Strukturen Israels zu unterlaufen und eine Art politische Entropie und Verdrossenheit hervorzurufen. Letztlich befeuerte die Machtstarre auch Netanyahus autokratische Züge. Er hielt nicht zuletzt auch deswegen so sehr an seiner Position als Premier fest, um einem Prozess wegen Korruptionsverdachts zu entgehen, der ihn ins Gefängnis bringen könnte. Nach drei ergebnislosen Wahlen 2019 und 2020 klammerte sich Netanyahu verbissen an die Macht, indem er die Spaltungen zwischen politischen Parteien und auch innerhalb der israelischen Gesellschaft verschärfte.

Der jüngste Gaza-Krieg hätte Netanyahu – so zynisch das im Angesicht getöteter Zivilisten auf palästinensischer wie israelischer Seite klingen mag – politisch nutzen sollen: Nach den letzten Wahlen im März war Netanyahu mit der Regierungsbildung gescheitert. Seine kriegstreiberische Racherhetorik muss (auch) das strategische Kalkül verfolgt haben, ein Bündnis zwischen Juden und Arabern in der Opposition zu verhindern und somit erneut der Entmachtung zu entgehen. Dieses Kalkül ging letztlich nicht auf. Netanyahu wird nun wohl nach zwölf Jahren sein Amt abgeben müssen. Ob dies allerdings eine hoffnungsvollere, friedlichere Zukunft für Israelis und Palästinenser bedeutet ist bislang unklar.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.