Stellen Sie sich einen Samstagnachmittag vor, Berlin im Winter, wahrscheinlich regnet es wieder. Das Flutlicht erhellt das Spielfeld, Hertha BSC erkämpft sich gerade drei Punkte gegen, sagen wir mal, Eintracht Frankfurt. Sie sitzen nur wenige Meter vom Spielfeld entfernt, hören die taktischen Anweisungen des Trainers, sehen die Grasflecken auf den Trikots der Spieler und das alles in einem vollen, reinen Fußballstadion, das bei jedem Tor schier ausrastet. Hätten Sie nicht auch Lust auf diese Stadionatmosphäre?

Fußballfans sind unverbesserliche Traditionalisten, oft Romantiker. Sie setzen sich aus verschiedenen Teilen der Gesellschaft zusammen und sind sich dennoch in einem einig: Der Verein ist Teil der Familie und das Stadion, liebevoll „Wohnzimmer“ genannt, gehört zum häuslichen Umfeld. Und will nicht jede Familie ein schönes Zuhause, in dem sich alle wohlfühlen?

Das Berliner Olympiastadion ist leider kein wohliges Wohnzimmer. Zu groß. Zu zugig. Und auch akustisch nicht auf dem neuesten Stand. Es ist ein Mietstadion, in dem Hertha an jedem Spieltag alles auf- und abbauen muss, was an den Klub erinnert. Das ist mit großen Kosten verbunden. Kein Wunder also, dass die Klubführung schon lange den Wunsch hat, ein eigenes Stadion zu bauen. Dieser Wunsch ist auch aus einem anderen Grund verständlich. Aktuell liegt die Stadionmiete bei gut fünf Millionen Euro pro Jahr. Der Ausgang der Verhandlungen über eine Verlängerung des bestehenden Ankermietvertrags ist jedes Mal schwer zu kalkulieren, birgt immer wieder das Risiko einer Mieterhöhung.

Die Finanzierung eines neuen Stadions in Berlin, so verspricht es der Klub, ist vollständig durch Privatinvestitionen gedeckt, der Steuerzahler muss für nichts aufkommen. Das größte Hindernis ist daher die Standortfrage, auf die es immer noch keine Antwort gibt. Auf der Mitgliederversammlung an diesem Sonntag, die wegen der Pandemie erneut online stattfinden wird, sollte das Thema eigentlich besprochen werden. Zwei Mitglieder, eines von ihnen ist Klaus Teichert, ehemaliger Geschäftsführer der Hertha BSC Stadion GmbH, hatten zwei Anträge eingereicht, welche im Kern fordern, eine Standortsuche in Brandenburg wieder zu ermöglichen und zu forcieren. Die Anträge wurden jedoch zurückgestellt und sollen gegebenenfalls auf einer Präsenzversammlung erneut besprochen werden. Die Antragssteller wollen eine lebendige Diskussion und sahen die verringerten Interaktionsmöglichkeiten einer digitalen Veranstaltung.

Traditionell wurde erst einmal gemeckert

Bereits im Herbst 2017 beschäftigten sich die Mitglieder mit der Standortfrage. Damals votierten sie klar gegen Brandenburg. Ein Satzungsänderungsantrag hatte das Ziel, den Spielort Berlin in Herthas Satzung aufzunehmen. Der Antrag hätte eine Dreiviertelmehrheit benötigt, welche mit gut 60 Prozent Zustimmung verfehlt wurde. Dennoch sagte Klubpräsident Werner Gegenbauer den Mitgliedern zu, dass man dieses Ergebnis respektieren werde. Wohl auch deshalb, weil der Antrag nicht aus Zustimmung zum Standort Brandenburg das nötige Quorum verfehlte, sondern weil einige sich das Druckmittel Brandenburg nicht aus der Hand nehmen lassen wollten.

Die neuen Anträge sind nicht gänzlich überraschend. Wir sehen, dass in den vergangenen Monaten immer häufiger der Standpunkt artikuliert wurde, man könne in der Stadionfrage nur vorankommen, wenn man wieder Brandenburg als Option zulässt. Diese Unzufriedenheit vieler Fans und Mitglieder ist natürlich auch etwas, was uns beschäftigt. Doch woher kommt diese Unzufriedenheit?

Für ein Projekt dieser Art gilt es zunächst, die Entscheidungsträger der Politik sowie die eigenen Fans zu begeistern. Doch auch die Berliner sind Traditionalisten. Traditionell wurde also erst einmal gemeckert oder noch berlinischer, das Stadionthema wurde ignoriert. „Die sollen einfach besser spielen, dann wird das Stadion auch voll“, sagten die einen. Den anderen fehlte einfach die Vorstellungskraft, was mit dem Olympiastadion ohne den Ankermieter passieren solle.

Hertha Bsc
Plan BB: So hätte Herthas Stadion in Ludwigsfelde aussehen können. Der Bauplatz ist inzwischen weg.

Dazu passte, dass Hertha und die Berliner Landespolitik die Vielseitigkeit unserer Stadt auf ihre eigene Art und Weise widerspiegelten. Sie sprachen offensichtlich verschiedene Sprachen. Es wurde mehr übereinander, statt miteinander gesprochen. Das eigentliche Thema, der Bau eines neunen Stadions in Berlin, geriet daher aus dem Fokus. Schnell wurde klar, Hertha und die Landespolitik benötigten dringend mediationskundige Dolmetscher. Die Faninitiative war geboren.

Die Faninitiative „Blau-weißes Stadion“, das sind Herthaner aus Berlin und Brandenburg, Jung und Alt, Männer und Frauen. Stadtplaner, Historiker, Projektmanager, Erzieherinnen, Krankenpfleger oder Kneipenwirte. Ein wunderbarer, weil typischer Querschnitt der gesamten Fanbasis.

Eines der Kernanliegen war es, die Befindlichkeiten der eigenen Fans zu erfragen, die Interessen zu bündeln und alle beteiligten Parteien zu spiegeln. In vielen Gesprächen, die wir mit offiziellen Fanclubs, der aktiven Fanszene, mit Stadiongängern und in Online-Foren führten, war die überwältigende Mehrheitsmeinung: Hertha BSC ist ein Berliner Verein und ein eigenes Stadion muss in Berlin stehen. Diesen Standpunkt vertreten auch wir als Initiative. Deshalb hängten wir zum ersten Heimspiel des Jahres unser Banner „BLAU-WEISSES STADION“, ergänzt um den Zusatz „IN BERLIN!“, sichtbar in der Gegengerade des Olympiastadions auf. Es sollte ein klares Zeichen für unseren Standpunkt setzen, ein klares Zeichen aber auch an die Politik, an die neu gewählte Regierung, welche ihren Worten nun Taten folgen lassen muss.

Wegen der Pandemie fanden fünf Gesprächsrunden virtuell statt

Uns ist klar, dass einige Fans in dieser Fokussierung auf Berlin einen taktischen Fehler sehen. Wir empfinden es aber als richtig. Die konfrontative Art, mit der die Stadiondebatte von allen Seiten zu Beginn geführt wurde, hat zu Gräben geführt, die wir in mühsamer Arbeit zuschütten mussten. Wir stehen für einen ehrlichen Kurs: Das Olympiastadion wird niemals das geeignete Wohnzimmer sein, nach dem sich Hertha sehnt. Ein Spielen auf Zeit wird dieses Problem nicht lösen.

Als dieser Standpunkt klar war, wurden viele Gespräche mit Vertretern der Berliner Stadtgesellschaft geführt. Wir haben Brückenbauer, Visionäre und offene Menschen kennengelernt, aber auch Menschen, die das Thema lediglich verwalten wollten.

Wir sprachen mit Senatorinnen und Senatoren, mit sport- und stadtentwicklungspolitischen Sprechern, mit Landesvorsitzenden, Staatssekretären, mit der IHK, dem Landessportbund, der Tegel-Projekt GmbH, mit dem Denkmalschutz und natürlich auch mit unserem Verein. Wir bekamen alle genannten Personen und Gruppen an einen Runden Tisch, der sieben Mal tagte und im Februar, dann mit teils neuen Akteuren, zum achten Mal zusammenkommen wird. Wegen der Pandemie fanden fünf Gesprächsrunden virtuell statt. Für die Auftaktveranstaltung konnten wir das Bernhard-Lichtenberg-Haus des Erzbistums Berlin nutzen. Zudem fand eine Ortsbegehung auf dem Olympiagelände statt.

Am Runden Tisch wurde eine gemeinsame Sprache gefunden, es wurden rote Linien definiert. Alle Teilnehmenden sprachen sich nicht nur für einen Verbleib des Klubs in Berlin aus, es waren sich auch alle einig, dass Herthas Wunsch nach einer eigenen Spielstätte legitim ist und ein zwanghafter Verbleib keine langfristige Lösung sein kann. Im Verlauf wurden alle möglichen Standorte von Grund auf diskutiert und auf Machbarkeit untersucht, beispielsweise die Avus-Kurve oder das Tempelhofer Feld. Die Gespräche waren sehr produktiv, sachlich und vor allem lösungsorientiert.

Weil Beharrlichkeit sich am Ende auszahlen wird

Wir sind stolz darauf, dass das Thema nicht zum Spielball der Parteien wurde. Verantwortliche der meisten Parteien haben unabhängig davon, ob sie zur Regierung oder zur Opposition gehören, die sportpolitische Dimension erkannt und sich konstruktiv positiv zum Thema geäußert.

Uns ist bewusst, dass dieser Prozess von außen nicht immer sichtbar war. Der Grundsatz der Verschwiegenheit des Runden Tisches war notwendig, um in der Sache weiterzukommen. Wir alle erinnern uns, wie zerfahren die Stadiondebatte war. Das wollten wir ändern. Und sind wir jetzt da, wo wir sein wollen? Nein, natürlich noch nicht.

Die Nichtberücksichtigung der Stadionfrage im Koalitionsvertrag des neuen Berliner Senats war enttäuschend. Da ein Stadionbau aber kein Sprint ist, sondern ein Marathon, ist es für uns entscheidender, dass sich bei den Protagonisten einiges getan hat. Mit der aktuellen Senatorin für Inneres und Sport, Iris Spranger, sprachen wir bereits vor zwei Jahren. Die Zusammensetzung in den zuständigen Ausschüssen, die neuen Staatssekretärinnen und Staatssekretäre und die Veränderungen innerhalb der Parteien sorgen für eine Verschiebung hin zu einer Einstellung, dieses Thema im Sinne aller Beteiligten zu lösen und einen Standort innerhalb Berlins zu finden.

Wir sind überzeugt, dass wir noch in diesem Jahr gemeinsam die entscheidenden Schritte gehen können. Nicht, weil wir unendlich naiv und blauäugig sind. Sondern, weil uns die bereits erzielten Fortschritte Mut machen. Weil das Bewusstsein für die sich bietende Chance größer ist als ein problemorientiertes Denken. Weil Beharrlichkeit sich am Ende auszahlen wird. Und wenn alle Protagonisten an einem Strang ziehen, stehen blau-weißen Fußballfesten in einem eigenen Stadion schon bald nichts mehr im Wege. Wir freuen uns auf unser neues „Wohnzimmer“ – in Berlin!

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.