Berlin - Ich bin Jahrgang 1987. Bei meiner Geburt war ich kein Wunschkind, sondern ein Unfall. Genauso geht es dem Schaumwein aus meinem Geburtsjahr, den ich gerade trinke. Er schmeckt so herrlich nach frischer Meeresluft, Algen und ein bisschen nach Schwarzbrot. Überhaupt nicht muffig. Und er perlt sogar noch etwas. Dabei sieht er ramponiert aus. Sein Flaschenhals ist voll mit Rost.

33 Jahre hat er in einem düsteren Sektkeller mehr als 30 Meter unter der Erde im Staub gelegen. Irgendwo versteckt hinter Millionen von Flaschen, Holzwänden und durchgeschimmelten Pappkartons. Der Mann, der ihn dort einst dort vergessen hat, ist schon vor Jahren gestorben. Er hat das Geheimnis um die alten Flaschen mit ins Grab genommen. Seine Vergesslichkeit ist heute mein Glück.

Denn wäre der vergessene Schaumwein – bei Entdeckung waren es bei meinem 1987er weniger als 800 Flaschen – ein Champagner und kein Winzersekt aus Ayl von der Saar, wäre er für mich mit meinem Einkommen unbezahlbar gewesen. Denn richtig alter Champagner gilt als absoluter Goldstandard für Gourmets. Und das obwohl die meisten Weinkenner – übrigens auch Sommeliers – überhaupt keine Ahnung davon haben, wie diese Weine überhaupt schmecken. Wäre mein Sekt ein Champagner aus dem Hause Dom Pérignon, würde er jetzt in einer Online-Auktion wohl weit mehr als 4000 Euro bringen. Und er würde in den nächsten Jahren wahrscheinlich nicht getrunken, sondern mehrmals in alle Welt weiterverkauft werden.

Gereifte Champagner sind unbezahlbar

Enya Mommsen
Rostig am Hals. ein Vintage von 1984.

Der Grund: solche Schaumweine sind nicht nur extrem selten, man muss bei der Lagerung eben auch genau über sie Buch führen und darf im Keller nicht die Übersicht verlieren. Denn die meisten flaschengereiften Champagner und Schaumweine werden früh verkorkt und jung getrunken. Man kann diese Weine zwar auch lange auf dem Korken liegen lassen (oxidative Reife). Die edelste Variante der Reifung – und genau so eine Flasche habe ich gerade aufgemacht – ist aber die auf der Hefe ohne Sauerstoffzufuhr (reduktive Reife).

Das alte Lager des Großvaters durch Zufall entdeckt

Man zögert dafür das Öffnen des Kronkorkens und das Herausschießen des Hefedepots – das degorgieren ist der Clou der Champagner-Methode – so lange heraus wie möglich heraus. Zehn, zwanzig, 33 Jahre oder eben auch mal mehr als 100 Jahre. Heraus kommen keine fruchtigen und spritzigen Aperitiv-Weine, sondern rassige Geschmacksbomben, die nach Kräutern, Nüssen oder eben wie nach Meer und Urlaub schmecken. Und das Beste: solche Weine ändern einmal geöffnet ihren Charakter immer wieder. Man kann sie manchmal wochenlang geöffnet aufheben und entdeckt jedes mal was Neues.

Was die renommiertesten Champagner-Häuser seit Jahren kontrolliert und nicht als Unfall herstellen, war bis vor kurzem in den Sektkellereien an Mosel, Saar oder im Rheingau völlig unbekannt. „Ich kenne niemanden, der in Deutschland Sekte mehr als 30 Jahre auf der Hefe reifen lässt“, sagt Winzer Florian Lauer, Enkel des Mannes, der meinen 1987er damals einfach vergessen hatte.

Bei Aufräumarbeiten 2006 entdeckte Lauer – der neben Sekt auch hervorragende andere Weine produziert – das alte Lager des Großvaters. Die ältesten Sektflaschen die er fand waren von 1977. Mit dem 1988er Jahrgang fing er an. Nach und nach entkorkte er die ersten Flaschen und kippte „das alte Zeug“ in einen großen Plastikeimer um daraus später Schnaps zu brennen. Doch der Geruch der aus dem Eimer aufstieg war so betörend, dass er merkte: „Das hier ist was ganz besonderes.“

Ein Unfall wird zur Methode

Und so rüttelt und degorgiert der Familienbetrieb seitdem jeden Monat im Sektkeller ein paar Dutzend Flaschen der vergessenen Jahrgänge von 1977 bis 1999 und gibt sie behutsam in den Handel. Und die ausgefallenen Réserve Bruts sind so beliebt, dass heute fast alle alten Schaumweine wieder ausverkauft sind. „In 20 Tagen gibt es neue“, sagt Lauer. Die kleinen Absatzmengen seien auch keine PR-Masche oder eine künstliche Verkleinerung des Angebots, um den Preis in die Höhe zu treiben. Die Erklärung sei weniger spektakulär. „Das ist einfach Handarbeit. Wir müssen uns ja auch um unsere anderen Weine kümmern“, erklärt Lauer.

Für seine freak show, wie er seine Reservé Sekte nennt, wünscht er sich nur eins: „Das sie restlos getrunken werden!“ Sie sollen nicht wie die schillernden Verwandten aus der rund 250 Kilometer südwestlich gelegenen Champagne mit extremer Rendite verkauft werden. Deshalb kann man sich Lauers Sekte auch (zum Beispiel wie ich an Ostern) leisten. Knapp 50 Euro kostet eine Flasche. Egal welcher Jahrgang.

Dom Pérignon für tausende von Euro 

Nicht nur das locke inzwischen auch Käufer aus dem Ausland an, sagt Lauer. Die Hongkong Post habe über seine alten Schaumweine berichtet. Die größten Abnehmer säßen heute in Shanghai, London, Los Angeles oder New York und bestellen immer wieder nach. Dort sollen sie den Gourmets ein wenig Abwechslung und verschaffen, erzählt Lauer. Am besten habe ihm sein eigener Wein – übrigens ein 1987er – in einem Restaurant im Hafen von Boston in den USA geschmeckt. „Der ging perfekt zu Austern mit Ketchup.“

Und jetzt wollen Sie von mir wahrscheinlich auch noch wissen: Kann man Lauers alte Schaumweine mit einem 33 Jahre auf der Hefe gereiften Dom Pérignon für tausende von Euro vergleichen? „Ja das kann man vollkommen“, sagt Florian Lauer und tut dabei ein bisschen geheimnisvoll. Herausfinden müssen Sie und ich es also selber. Nur eines sei gesagt. Inzwischen ist der Unfall des Großvaters nicht nur im Weingut Peter Lauer zu Methode aufgestiegen. Dem Vorbild der Lauers eifern sie nämlich in fast allen Sektkellereien inzwischen hinterher.

Weingut Peter Lauer, Trierer Straße 49, 54441 Ayl, besonders zu empfehlen sind: Brut Réserve Brut Natur 1984 und Réserve 1987 Zero Dosage. Preis je Flasche: 49,50 Euro.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.