Berlin - Das Ende der Karriere von Julian Reichelt als Chefredakteur der Bild-Zeitung ist ein schwerer Rückschlag für den Springer-Konzern und dessen Ambitionen, im Fernsehgeschäft mitzumischen. Reichelt wird bescheinigt, dass er ein ungewöhnlich talentierter und kreativer Macher war.

Erst vor wenigen Monaten hatte er Bild-TV gestartet. Bild-TV attackierte in schrillen Tönen die öffentlich-rechtlichen Sender. ARD und ZDF wurden das Feindbild der Bild. Kaum ein anderer Promi wurde von Reichelt so heftig attackiert wie der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann. Reichelt stilisierte Böhmermann zur Symbolfigur eines verkommenen öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der nach Ansicht der Springer-Presse mit seiner politischen Korrektheit die Meinungsfreiheit unterdrückt. Dem wollte man mit Bild-TV Abhilfe schaffen. Zuletzt forderten die Bild-Leute sogar den Rauswurf von Böhmermann.

Vor einigen Jahren war eine derartige Eskalation noch nicht abzusehen: Im Jahr 2016 hatte sich Springer-Chef Mathias Döpfner mit einem offenen Brief mit dem „lieben Herrn Böhmermann“ („Wir kennen uns nicht, und ich habe leider auch bisher Ihre Sendungen nicht sehen können“) solidarisiert. Böhmermann hatte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mit einem „Schmähgedicht“ vulgär beschimpft. Döpfner schrieb in seiner Unterstützungserklärung, er wolle an der Seite von Böhmermann gegen die „Unterwerfung“ unter den Islam und gegen die „Selbstaufgabe des demokratischen Abendlandes“ kämpfen.

„Döpfners Milliardengeschenk wohl weitgehend steuerfrei“

Doch im November 2020 zeigte sich, wie wenig dem Springer-Chef seine Unterwerfung genutzt hat: Er wolle „keine Verschwörungstheorie verbreiten“, raunte Böhmermann ganz unvermittelt in seiner Sendung „Magazin Royale“. Dann verwies er kryptisch auf den letzten Satz im Wikipedia-Artikel über die Kunstsammlerin und Milliardärs-Erbin Julia Stoschek. Er enthüllte die Machenschaften ihrer Familie: Ihr Vater setzte durch, dass in seiner Heimatstadt Coburg eine Straße nach dem Großvater – einem aktiven Nationalsozialisten – benannt wurde. Zudem behauptete er, dass Reiche wie die Stoscheks den Springer-Chef Döpfner so sehr schätzen, weil dieser wisse, wie man sich vor dem Steuerzahlen drücken könne.

Böhmermann sagte, dass Friede Springer Döpfner Firmenanteile im Wert von einer Milliarde Euro geschenkt habe. Im Hintergrund war eine Schlagzeile aus dem Manager-Magazin eingeblendet: „Döpfners Milliardengeschenk wohl weitgehend steuerfrei“. Der Ton war gesetzt: Böhmermann, der wohl mächtigste öffentlich-rechtliche Journalist Deutschlands, hatte Döpfner ins Visier genommen. Döpfner versuchte die Vorwärtsverteidigung: Die Bild-Zeitung erklärte Böhmermann zur Symbolfigur für das „Staatsfernsehen“, wie die Bild ZDF und ARD gerne provozierend nennt. Döpfner hatte zuvor von den öffentlich-rechtlichen Sendern als „Staatspresse“ gesprochen.

In einer seiner letzten Sendungen attackierte der damalige Bild-Chefredakteur Julian Reichelt Böhmermann, weil dieser bei einer Diskussionsveranstaltung von seinem ZDF-Kollegen Markus Lanz verlangt hatte, Virologen wie Hendrik Streeck oder Alexander Kekulé nicht mehr einzuladen. Reichelt lobte Markus Lanz und wütete gegen Böhmermann: Dieser sei der neue Großinquisitor, ein Feind der Meinungsfreiheit, kein Satiriker, brandgefährlich für die Demokratie. Böhmermann muss weg, so der Tenor der Tirade.

Springers Weg in die neue Welt der Technologie

Reichelt merkte in seinem Furor nicht, dass die Böhmermann-Kritik eine ganz andere Wirkung hatte: Ab sofort konnte sich Lanz auf die Fahnen schreiben, dass er mutig ist, Dissidenten in seine Sendung einlädt und dafür scharfe Kritik einsteckt. Der ZDF-Satiriker Böhmermann hatte mit brillanter Dialektik alle „Alternativ-Medien“ und eben auch das am rechten Rand fischende Bild-TV ins Abseits geschickt – also all jene, die den öffentlich-rechtlichen Sendern pauschal vorwerfen, keine Andersdenkenden zu Wort kommen zu lassen. Döpfner warnte ja sogar vor der „Meinungsdiktatur“, wie eine SMS offenlegte: Reichelt sei „der letzte und einzige Journalist in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR Obrigkeits-Staat aufbegehrt“.

Das Zitat stammt aus einer privaten Konversation und kann daher nicht als raffinierte Profilierung im Stile von „Bild kämpft für Dich“ überhöht werden. Döpfner glaubt, was er sagt – und das ist sein Problem. Für einen Erfolg im Internet müsste das Bild-Fernsehen eine differenzierte Strategie fahren. Dazu ist sie ihrem Wesen nach jedoch nicht in der Lage.

Vor allem wirtschaftlich ist für die Bild-Zeitung im Internet-TV nicht mehr viel zu holen. Facebook und Google schöpfen die Werbe-Spendings ab. Allein mit exponierten politischen Positionen kann man sich in der digitalen Welt auch journalistisch nicht mehr profilieren. ARD und ZDF haben es nämlich längst geschafft, ihre Deutungshoheit mit Gebührengeldern auch im Internet zu sichern. Viele Einzelne verbreiten die Inhalte der Sender auf reichweitenstarken Social-Media-Kanälen. Die Tagesschau ist auf Instagram das Nachrichtenmedium für die Jungen geworden. Guerilla-Trupps betreiben subversive Meinungsbildung. Ihr Anführer ist eben jener Jan Böhmermann, dessen Freund Mathias Döpfner so gerne geworden wäre.

Springers Weg in die neue Welt der Technologie könnte an der Hau-drauf-Kultur des Hauses sogar scheitern. Das Internet begünstigt die Anarchie. Besonders erfolgreich können daher die Mächtigen werden, wenn sie sich als Witzfiguren oder Underdogs tarnen und listig durch die Lande streifen – wie etwa Jan Böhmermann. Zum Scheitern verurteilt sind dagegen jene, die glauben, dass ein Amt ihnen die Würde garantiert. Im Internet ist alles nichts. Schnell wird aus dem König ein Clown. Diesen Kulturwandel haben die Springer-Manager trotz ihrer Reisen nach Silicon Valley nicht verstanden. Das Mitleid kann sich in Grenzen halten: Die Manager der Institution, die jetzt in einer schweren Krise steckt, haben privat längst ausgesorgt. Im öffentlichen Raum dagegen behält Böhmermann das letzte Wort. Er kann es sich nach dem Reichelt-Rauswurf sogar leisten, vorerst einmal zu schweigen, weil alle anderen Kanäle voll des Spotts über das Desaster bei Springer sind.

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