Berlin - Es fällt gleich ins Auge: „Du hast die Nase voll“, steht auf dem Plakat. Darunter: „von gestrecktem Zeug?“ 1000 dieser Plakate hängen in Kreuzberg und Friedrichshain, sie werben für die Website acid-berlin.de. Die bietet „reines LSD, legal und diskret“ zum Kauf an. Dahinter steckt ein 19-jähriger Abiturient, der seine Firma im März dieses Jahres gründete. Er wohnt in Hessen, heißt Henri, und weil seine Eltern von seinem unternehmerischen Tatendrang nichts wissen, schreiben wir jetzt hier mal nicht seinen ganzen Namen. Plakatwerbung für Acid, wie geht das?

Es ist eigentlich recht einfach: Chemiker haben der Formel von LSD ein kleines Molekül angehängt, damit ist es kein LSD mehr, sondern ein Derivat namens 1cP-LSD. In etwa zwei Monaten werde das wieder geändert, glaubt der Jungunternehmer, dann werde es zu einer Gesetzesänderung kommen und die Chemikalie in das Neue-psychoaktive-Stoffe-Gesetz mit aufgenommen. Dass er sein Geschäft nicht allzu lange wird betreiben können, war Henri schon bewusst, als er im vergangenen September die Idee dazu hatte, nach einem Trip mit seinem Freund. Es gehe ihm um mehr, sagt er: „LSD ermöglicht einen weitreichenden Blick auf das Leben, man sieht auch, was man im Alltag übersieht, ich glaube, dass man damit nachhaltiger glücklicher wird.“

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 29. Mai 2021 im Blatt: 
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Es ist aber nicht nur die Gesetzeslücke, die ein öffentliches Werben für Drogen inzwischen möglich macht, es ist auch eine sich ändernde Einstellung zu psychoaktiven Wirkstoffen wie Psilocybin und LSD, die in den letzten Jahren vermehrt zur Selbstoptimierung genommen und auch in medizinischen Kontexten erforscht werden.

In seinem Buch „Verändere dein Bewusstsein. Was uns die neue Psychedelika-Forschung über Sucht, Depression, Todesfurcht und Transzendenz lehrt“ schreibt der US-Journalist Michael Pollan eingängig von der positiven Wirkung der Ich-Auflösung durch psychoaktive Wirkstoffe. Er behandelt auch den Trend des Microdosing, der inzwischen sogar Peter Thiel dazu bringt, in das Feld zu investieren. Psychoaktive Pilze und LSD heißen heute Neuro-Enhancer. Sie sollen uns besser machen, klarer und glücklicher.

Das Interesse an psychoaktiver Selbstfindung ist gestiegen

Dass dies ein funktionierendes Geschäft ist, davon zeugen die zahlreichen illegalen Retreats im Umland von Berlin, auf denen selbst ernannte Heiler der kreativen Boheme der Hauptstadt etwa den Saft einer Liane verabreichen. Die Pandemie dürfte da für einen Zuwachs gesorgt haben. Der Kolumnist der Berliner Zeitung Thilo Mischke veröffentlichte erst letzte Woche den Podcast „Die Substanz LSD“, in dem er der Frage nachgeht, ob sie Depressionen lindern kann. „Was in den letzten 40 Jahren Forschung zu LSD deutlich wurde, ist, dass es bei den Studienteilnehmern und Teilnehmerinnen zu einer Linderung von depressiven Verstimmungen kommt.“ Ein Ergebnis, das er nach eigenen Experimenten auch für sich selbst bestätigten konnte.

Auch der Internethändler Henri sieht in psychoaktiven Substanzen gesellschaftlichen Mehrwert. Durch LSD könne man sich ein klareres Weltbild verschaffen, gerade wenn man sonst eher konservativ denkt. Der junge LSD-Verkäufer zählte in den letzten zwei Monaten knapp 250 Kunden. „Ich würde schon sagen, dass die Leute in der Pandemie Langeweile haben und deswegen neue Dinge ausprobieren“, sagt er. Wie er dazu kam? In der 9. Klasse sollte er einen Vortrag über Magic Mushrooms halten. Er lernte, dass die Wunderpilze heilende Wirkungen haben. Auch, dass man womöglich etwas warten sollte. Hat er gemacht, bis er 18 wurde. Sagt er zumindest.

Tools, nicht Drogen

Auch die Berliner Gründerin und ehemalige Journalistin Anne Philippi hat sich vor ein paar Jahren selbstständig gemacht und The New Health Club gegründet, eine Plattform, wo sie die wichtigsten internationalen Figuren des Psychedelic-Trends interviewt.  Woher kommt der Sinneswandel in Bezug auf psychoaktive Substanzen?

Philippi sagt: „Psychedelische Substanzen werden gerade als Tools umdefiniert und nicht mehr als Drogen betrachtet, die abhängig machen.“ Sie führt das auf circa 200 internationale Studien renommierter Universitäten zurück, die Psychedelika erforschten. Und auch auf eine Reihe von Büchern, die in den letzten Jahren erschienen sind. Etwa das des Neurowissenschaftlers Carl Hart, der gelegentlich sogar Heroin konsumiert und unter anderem die These aufgestellt hat, dass der „War on Drugs“ rassistisch motiviert sei. Oder das des US-Historikers Brian Muraresku, der beschreibt, wie schon Aristoteles im Elysium psychedelische Erfahrung machte. 

Klar, Drogen bergen Risiken. Sie können einen Kater verursachen, eine Belastung des Herzens oder der Psyche. Doch in den letzten Monaten haben wir gelernt, Risiken besser abzuschätzen. Viele Menschen werden Freunde umarmt haben, auch ohne PCR-Test. Viele haben ihre Kinder in die Schule geschickt, damit sie mal wieder außerfamiliäre Stimulation spüren. Und viele erfahren, dass eine Impfung, deren genaue Wirkung die meisten nicht verstehen, Freiheit und Sicherheit bringt. 

Synthetisches Psilocybin im Therapie-Kontext könnte zu einer neuen Normalität werden, glaubt Anne Philippi. Der neueste Star der Neuro-Enhancer-Szene sei 5-MeO-DMT. Ein Tryptamin, das etwa von Kröten produziert wird und bei behandlungsresistenten Depressionen erforscht werde. „Der Vorteil könnte eine schnelle Heilung sein.“ Schnell ist vielversprechend. Denn von langsam hat man inzwischen wirklich die Nase voll.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.