Berlin - „Kannst Du mir helfen?“, fragte ich Paul, als wir im Wohnzimmer meiner Weddinger Wohnung waren und ich versuchte, ein Regalbrett anzubringen. Paul, 29, gut aussehend und handwerklich durchaus talentiert, schaute mich perplex an. „Dafür, dass wir nicht in einer festen Beziehung sind, bittest du mich aber ziemlich oft um Hilfe.“ 

Bamm. „Was für ein Arschloch!“, schrie es in mich hinein. Und was für ein dämlicher Trottelsatz. Ich ignorierte Paul und legte Bohrer und Dübel zur Seite. Seine Reaktion zeigte mir zum x-ten Mal, wie wenig sich unsere Erwartungen überschneiden. Ich weiß genau, dass er niemals akzeptieren wird, dass ich keine feste und vor allem keine exklusive Beziehung mit ihm will. Und: dass ich mit anderen Männern schlafen möchte.

Theoretisch. Grundsätzlich. Nicht jede Woche. Nicht jeden Tag. Sondern eben dann, wenn mir danach ist. Es geht mir um Freiheit, nicht um Untreue. Er hingegen will um jeden Preis die Definition einer festen Beziehung. Warum nur?!

Die Kommunikation klappt nicht

Okay, okay, ich gebe zu: Paul ist ein Kompromisskandidat. Schon allein die Tatsache, dass wir uns nach acht Monaten Bekanntschaft immer wieder über die Grundsatzfrage der Treue in unserer halb festen, halb offenen, also fest-offenen Beziehung in die Haare kriegen, beweist mir, dass wir den Rest unseres Lebens nicht miteinander verbringen werden.

Ich habe Paul in Berlin kurz vor dem zweiten Lockdown im Oktober kennengelernt. Über Okcupid. Nach einer jener nervigen und unzähligen Lockdown-Swipe-Nächte, in denen ich immer wieder irgendwelche Surferboys, Weltverbesserer und Start-up-Gründer gelangweilt nach links gewischt habe. Nach mehreren unerträglichen Dates stach Paul positiv hervor. Er war nett und witzig. Für Berliner Verhältnisse – ein Volltreffer.

Die emotionalen Überleitungen sind holprig

Doch was mache ich jetzt mit ihm? Ich bin 27 Jahre alt und schon wieder dort, wo ich ständig lande: in einer Sackgasse mit einem Mann, der meine Unabhängigkeit nicht akzeptiert. Und: der seine wahren Gefühle nicht richtig ausdrücken kann. Paul ist so wie viele Berliner Männer: wenig einfühlsam, geht ehrlichen Gesprächen aus dem Weg und weiß nicht, seine Wertschätzung auszudrücken. Meine Emanzipation geht ihm auf die Nerven. Meine klaren Ansprüche auch. Sturheit und Besitzansprüche sind die Ventile für seine Unzufriedenheit.

Zugegeben: Ohne die Pandemie wäre ich mit Paul nicht zusammen. Wir verstehen uns zwar gut, aber nicht soooo gut, dass ich ihm meine ganze Zeit schenken würde. Im Lockdown bin ich froh, ein bisschen Nähe zu bekommen. Das klingt zwar gemein. Und dennoch: Ich spiele mit offenen Karten und kann meine Erwartungen offen kommunizieren. Paul nicht. Zwar klappt das Körperliche gut. Auf der emotionalen Ebene aber kommen wir einfach nicht weiter. Auch die Überleitungen sind holprig. Nach unserem letzten Streit hat Paul seine sexuelle Lust kommuniziert, indem er meine Hand nahm und sie in seine Hose schob. Diese Geste ist das beste Bild für seine Feinfühligkeit.

Sexting mit dem Nachbarn

Lockdown hin oder her: Was mich beschäftigt, ist die Frage, warum ich immer wieder an Typen gerate, die sich emotional nicht ausdrücken können. Obwohl ich einer Generation angehöre, die mit Stichworten wie „Selbstverwirklichung“, „Selfawareness“ und „Emanzipation“ aufwächst, fühlen sich diese Leitsprüche so real an wie gefilterte Bilder bei Instagram. Während die Frauen immer selbstbestimmter werden, hinken die jungen Männer unseren Erwartungen häufig hinterher. Sie nennen sich Feministen, gendern, aber wenn es um das Wesentliche geht – die eigenen Ansprüche zu leben –, hapert es oft.

Wie wird es mit Paul weitergehen? Vor einer Woche habe ich in meinem Hausflur einen Typen getroffen und mit ihm Nummern getauscht. Auch wenn Paul das nicht gefallen würde, habe ich angefangen, mit ihm zu texten (bzw. zu sexten). Irgendwann habe ich Paul davon erzählt. Und er? Er hat mit den Schultern gezuckt. „Finde ich nicht schlimm“, sagte er. Auch er habe ein Date mit einer anderen Frau gehabt.

Wow! Was für eine erfreuliche Offenbarung. Einerseits. Andererseits hat mir Paul wieder einmal bewiesen, wie wenig er verstanden hat, worum es mir eigentlich geht. Hätte ich ihm von meiner Sexting-Nummer nicht erzählt, hätte Paul sein Date einfach verschwiegen. Ein typisch pubertärer Move eines Mannes, der nicht ehrlich ist.

„Wie war das Date?“, wollte ich wissen. Paul sagte trocken: „Langweilig.“ Aber den Gedanken, andere Frauen zu daten, fände er jetzt „gut“. Lügt er vielleicht, um mir zu gefallen? Oder belügt er sich selbst? Eins ist klar: Lange wird die Sache mit Paul wohl nicht halten. Und Schrauben in die Wand kriegen muss ich ohnehin allein.

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*Die Autorin möchte anonym bleiben. Die Redaktion kennt ihren Namen.

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Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.