Neuendorf/Brandenburg - Die Müllerstochter ist wieder da. Ihr Mercedes parkt hinter der Mühle, die Fenster des flachen Baus aus DDR-Zeiten stehen offen, der Tisch ist gedeckt, es gibt Kaffee und selbst gebackenen Kirschkuchen, das alte Kofferradio spielt englische Schlager aus den Achtzigern. Verwandte aus dem Nachbardorf verabschieden sich, da kommt schon der nächste Besuch: die Anwältin aus Berlin, die die Familie im Restitutionsverfahren vertreten hat. Geschirr wird abgeräumt, der Tisch neu gedeckt. So geht es die ganze Zeit, seit Doris Weinert aus Bremen nach Brandenburg gekommen ist: ein Treffen mit der Pächterin vom Restaurant, eins mit dem Tischler von nebenan, eins mit den jungen Leuten, die die Halle gemietet haben und dort Tiny Houses bauen wollen. Doris Weinert sieht aus dem Fenster zur Halle, die verlassen in der Nachmittagssonne liegt. Sie habe das Gefühl, mit den kleinen Häusern gehe es nicht so richtig voran, sagt sie. Das macht ihr Sorgen. Denn vorangehen muss es hier an der Mühle in Brandenburg. Das hat sie ihren Eltern versprochen. Das ist ihre Lebensaufgabe.

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Vor den Augen der Tochter verhaftet

Doris Weinert, 77, ist die Eigentümerin der Mittelmühle in Neuendorf. Eine Westdeutsche, die nach der Wende zurück in den Osten kam. Viel mehr wissen die Leute im Süden Brandenburgs nicht über sie. Vielleicht haben sie davon gehört, dass die Familie vor dem Mauerbau in den Westen geflohen ist, vielleicht wundern sie sich, dass die alte Dame aus Bremen, wenn sie hier ist, in der Baracke wohnt, in der sich zu DDR-Zeiten die Forstarbeiter umzogen. Aber was an diesem Ort vor fast 70 Jahren geschah, wie ihre Eltern vor den Augen der Tochter verhaftet wurden, wie die Dorfbewohner um die Freilassung kämpften, wie eine Mühle in Brandenburg zum Schauplatz einer dramatischen Ost-West-Lebensgeschichte wurde, zum Vermächtnis für die nächsten Generationen, das alles weiß kaum jemand mehr genau. Nicht einmal Doris Weinert selbst.

Alles begann mit einem Brief. Doris Weinerts Mutter, Irmgard Schwietzke, schreibt ihn im Februar 1953 an eine Freundin im Westen, als ihr Mann Karl wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung vernommen wird. Sie schüttet ihr Herz aus, fühlt sich von den Behörden drangsaliert, bezeichnet das Finanzamt als „Bande, die man an den Beinen aufhängen müsste“, auch andere Mühlenbesitzer würden durch die Anordnungen der Verwaltungen fertiggemacht, sie, die Privateigentümer im Land, hätten nun „das Schicksal der Juden übernommen“. Sie denkt über Flucht nach. Der „Weg in die Freiheit“ sei sicher bald versperrt, Berlin werde „zugemacht“. „Bis Großziethen“, schreibt Irmgard Schwietzke, „ist alles schon mit Stacheldraht eingezäunt.“

Marcus Glahn
Die Müllerstochter: Doris Weinert, geborene Schwietzke

Sechs Jahre Zuchthaus in Waldheim

Den ganzen Brief gibt es nicht, nur jene Ausschnitte, die die DDR-Staatsanwaltschaft als Beweis für „wüste verleumderische Hetze“ in ihrer Anklageschrift zitiert. Es sind die Jahre zwischen Kriegsende und Mauerbau, von Kollektivierung und Enteignung, die härteste Zeit des Kalten Krieges. Den Ton dieser Jahre spürt man in den Artikeln über die Familie, die in den Lokalzeitungen erscheinen, in dem Flugblatt, in dem die Müllersfrau als Staatsfeindin beschimpft wird, aber auch in dem Brief an die Freundin. Irmgard Schwietzke hat ihn nie abgeschickt. Er liegt in ihrem Schreibtisch, als ihn ein VP-Oberkommissar bei einer „Betriebsprüfung“ findet. Irmgard Schwietzke zerreißt ihn, rennt auf Toilette, drückt die Spülung. Der Kommissar rennt hinterher, fischt die Papierfetzen aus der Toilette, der Brief wird getrocknet, zusammengesetzt, das Ehepaar festgenommen. Karl Schwietzke kommt wegen „Verübung von Wirtschaftsverbrechen“ in U-Haft in Königs Wusterhausen, seine Frau wird wegen „Boykotthetze“ und „Erfindung und Verbreitung tendenziöser Gerüchte zum Schaden des deutschen Volkes“ zu sechs Jahren Zuchthaus in Waldheim, dem berüchtigten Frauengefängnis, verurteilt.

Im Juni 1953 gehen in Ost-Berlin und vielen anderen DDR-Städten Arbeiter und Bauern auf die Straße, legen die Arbeit nieder, protestieren gegen Normenerhöhung, fordern den Rücktritt der Regierung. Zur gleichen Zeit korrigiert die DDR ihren politischen Kurs. Dazu gehört, dass Steuererhöhungen zurückgenommen und Gerichtsurteile überprüft werden. Mühlenbesitzer Karl Schwietzke wird am 16. Juni aus der Haft entlassen, zwei Tage später wird das Ermittlungsverfahren gegen ihn eingestellt, die Beschlagnahme seines Vermögens aufgehoben. Zurück in Neuendorf hat er nur ein Ziel: die Freilassung seiner Frau.


Marcus Glahn
Die SED-Ortsgruppe Egsdorf fordert Irmgard Schwietzkes Freilassung.

Alle helfen mit, der Pfarrer, der Schuldirektor, der Bürgermeister, der Treuhänder, die Mühlenarbeiter, der Gewerkschaftschef, sogar der Parteisekretär. Sie schreiben an die Regierung, die Partei, die Staatsanwaltschaft, fordern Irmgard Schwietzkes „sofortige Freilassung“, prangern die „unerhört hohe Strafe an“, loben „diese kleine tapfere Frau, die ihr ganzes Leben nur Arbeit kannte“, aber nie die Absicht hatte, irgendjemanden zu schaden oder sonst irgendein Verbrechen zu begehen“.


Diese Freilassung wäre für die gesamte weitere Parteiarbeit von großem Nutzen.

SED-Ortsgruppe Egsdorf


Es sind berührende Briefe. Treuhänder Otto Kunze lobt den „äußerst guten Zustand“ ihres Hofes, trotz des „schlechten sandigen Bodens“, Frau Schwietzke habe „nur die besten Dienste geleistet“. Der Bürgermeister weist darauf hin, dass ihr Vater „vom ersten Tage an SED-Mitglied“ war. Die Arbeiter der Mittelmühle schwärmen von der „Mutter unseres Betriebes, die mit uns geschlossen am 1. Mai an unserer Demonstration teilnahm“. Die SED-Ortsgruppe Egsdorf versichert, „diese Freilassung wäre für die gesamte weitere Parteiarbeit von großem Nutzen“. „Wir alle bitten, lassen Sie diese Mutter zu ihrem Kinde!“, steht im Brief, den 50 Bewohner des Nachbardorfes Märkisch-Buchholz unterschreiben. „Der Siegeslauf des Sozialismus ist nicht aufzuhalten. Geben Sie mir die Gattin wieder“, schreibt Ehemann Schwietzke in seiner Verzweiflung.

Man spürt in den Briefen noch das Vertrauen in einen Staat, der eine bessere Zukunft versprach, vor allem aber spürt man einen erstaunlichen Zusammenhalt von sehr verschiedenen Menschen, eine Rettungsaktion von Dorfbewohnern über politische Lager hinweg. Sie wirkt ermutigend, gerade heute.

„Sind die nicht zum Piepen, die Briefe“, ruft Barbara Erdmann, die Anwältin, bei der Kaffeerunde. Doris Weinert sucht nach Namen, die sie kennt. „Fritze Georg, hatte der nicht auch ein Sägewerk, Schatz?“, fragt sie ihren Mann, der mit aus Bremen nach Neuendorf gekommen ist. „Grünberger“ kommt ihr auch bekannt vor. „Das war doch der Bäcker! Der Sohn wollte mich heiraten.“ Ihr Mann lächelt. Es ist Sonnabendnachmittag, die kleine Runde sitzt um die Akte wie um ein Lagerfeuer. Die Anwältin hat sie Anfang der Neunziger aus den DDR-Archiven bekommen und nun beim Aufräumen wiedergefunden, nach 30 Jahren. 

Doris Weinert sieht sie zum ersten Mal, sie wirkt überrascht, vor allem von dem einen Brief, eine ganze Seite, in kindlicher Schrift geschrieben: „Als ich aus der Schule kam, sah ich das Auto, in dem meine liebe Mutti und mein lieber Papa saßen. Ich war sehr traurig darüber und weinte bitterlich … Geben Sie mir doch bitte meine liebe Mutti wieder“, steht da. Es ist ihr Brief. Doris Weinert war acht, als sie ihn geschrieben hat.

Marcus Glahn
Brief der Tochter an die DDR-Staatsanwaltschaft. Sie war damals acht Jahre alt.

„Oh, Gott, da kann man ja das Heulen kriegen“, sagt sie, redet schnell weiter, ärgert sich über das endlich mit „t“, wundert sich, dass sie sich als „Müllerstochter“ bezeichnete, vor allem aber scheint sie sich zu wundern, dass sie da war, dass sie eine Rolle spielte, diesen Brief schrieb, um ihre Mutter zu retten. Die Geschichte der Mühle war für sie immer die Geschichte ihrer Eltern, nie ihre eigene.

Der DDR-Generalstaatsanwalt persönlich hob das Urteil auf. Am 23. Juli 1953, ein halbes Jahr nach ihrer Verhaftung, holt Karl Schwietzke seine Frau aus Waldheim ab. Die Mühle ist mit Blumengirlanden geschmückt, die Arbeiter stehen Spalier und singen Lieder zur Begrüßung. Aber es ist nicht vorbei. Anderthalb Jahre später heißt es plötzlich: Irmgard Schwietzkes Urteil wurde zwar aufgehoben, die Nebenstrafen aber, der Verlust ihrer bürgerlichen Rechte, bleiben „in voller Höhe“ bestehen. Für sie heißt das: kein Pass, kein Wahlrecht, kein Führerschein, nicht einmal die Bücher der Mühle darf sie weiterführen, ihr Vermögen wird eingezogen.

Marcus Glahn
Irmgard Schwietzke nach ihrer Freilassung aus dem Zuchthaus Waldheim 1953.

Die Familie verlässt ihre Mühle heimlich, lässt sich mit dem Auto zur S-Bahn bringen, fährt nach West-Berlin, fliegt in die Bundesrepublik, fängt wieder von vorne an, mit einer Tankstelle in Bremen diesmal. Luft prüfen, Scheiben und Wagen waschen. „Mutti half immer mit, im Winter, mit roten Händen, oft bis in die Nacht“, sagt Doris Weinert. „Sie hatte immer ein schlechtes Gewissen, weil Papa ihretwegen seine Mühle verloren hatte. Das hat sie nie losgelassen.“

Doris Weinert sagt „Mutti“ und „Papa“, als sei sie immer noch acht Jahre alt, als sei die Zeit damals stehengeblieben.

Sie selbst muss ein Schuljahr wiederholen, weil sie kein Englisch kann, nur Russisch, findet kaum Freunde, „weil ich das Flüchtlingskind war“. Wenn sie sich beschwert, sagt ihr Vater, zum Abitur sei sie sowieso wieder zurück in Brandenburg. Für ihn ist die Mühle, seit 1880 im Familienbesitz, noch lange nicht verloren. „Jeder Zeit sind wir bereit, in unsere Heimat zurückzukehren“, schreibt er Ende 1954 an den DDR-Ministerpräsidenten, „sollten Sie meine Frau und mich vollkommen rehabilitieren.“ Als die Mauer gebaut wird, ist er sicher, sie wird nicht lange stehen, er wählt Adenauer, schimpft über Brandts Ostpolitik, lässt sich von Verwandten und Freunden aus der DDR berichten, wie es um seine Mühle steht.

Holz für die Thälmann-Gedenkstätte

Sie ist inzwischen ein Forstbetrieb, der Teich ausgetrocknet, mit dem Holz, das darin lagert, wird die Ernst-Thälmann-Gedenkstätte Ziegenhals gebaut, im Sägewerk entstehen Weihnachtsmarktbuden, in der alten Mühle lebt eine Trinkerin mit zwei Männern und einem Hund. Im Ort gehen Gerüchte herum, die Schwietzkes hätten sich mit 70.000 Mark aus dem Staub gemacht. In Bremen aber hängt die Mühle in voller Schönheit als Gemälde im Wohnzimmer.

Doris wird Apothekerin, heiratet, bekommt einen Sohn. Mitte der Achtziger gibt der Vater die Tankstelle auf, die Pacht ist zu hoch, die Arbeit zu anstrengend. Er geht in Rente, und dann, endlich, fällt die Mauer doch noch. In Bremen knallen die Sektkorken. Im Grundbuchamt Königs Wusterhausen erfährt Karl Schwietzke allerdings, dass die Mühle in Staatseigentum überführt wurde, der Amtsleiter spricht von „rechtsmäßiger Enteignung“.

Im Januar 1990 bekommt die Ost-Berliner Anwältin Barbara Erdmann Besuch von zwei Männern in ihrer Kanzlei in Friedrichshain, Karl Schwietzke und sein Schwiegersohn, „mit grimmigen Gesichtern“, sagt sie. Schwietzke erzählt von der Mühle, dem Familienbesitz, der Verhaftung seiner Frau und wie sie immer noch darunter leide, eine „Zuchthäuslerin“ zu sein. Das Urteil wird noch 1990 nach DDR-Recht beantragt und 1992 aufgehoben. 1991 bekommt die Familie ihr Eigentum zurück. Irmgard und Karl Schwietzke haben ihre Mühle wieder. Sie haben 40 Jahre auf diesen Moment gewartet. Aber wieder ist alles anders.

Die Mahlstühle weg, der Teich zugeschüttet

„Es war ein Schock“, sagt Doris Weinert an ihrem Kaffeetisch, „die Mahlstühle weg, der Teich zugeschüttet.“ Sicher hätten sich viele gefreut, „dass Mutti wieder da war. Aber es gab auch welche, die sagten, dass Papa ein Westler war, der sich hier bereichern will“.

Der alte Müller und seine Frau ziehen in eine Baracke, die zu DDR-Zeiten als Umkleidekabine für Forstarbeiter gebaut worden war, das Haus, das am besten erhalten ist. Sie verkaufen Grundstücke im Dorf, bauen mit dem Geld das Sägewerk und die Mühle wieder auf. Eine anstrengende Zeit. „Vier Wochen hier, zwei Wochen in Bremen“, sagt Doris Weinert, „dann ist Papa an Krebs erkrankt.“

Karl Schwietzke stirbt im Jahr 2000, seine Frau 2013, begraben werden sie in Bremen, mit einem Kästchen Brandenburger Erde im Sarg. Sie sind nicht mehr heimisch geworden in ihrer alten Heimat, aber ihr Kampf um die alte Mühle geht immer noch weiter, auch nach ihrem Tod. Doris Weinert hat ihren Eltern versprochen, sich um alles zu kümmern und nie den Familienbesitz zu verkaufen. Das ist ihr Vermächtnis, ihre Lebensaufgabe. Sie ist die Müllerstochter, immer noch.

Wie ihre Eltern kommt sie nun ein paar Mal im Jahr aus Bremen nach Neuendorf, wohnt in der DDR-Baracke, sieht nach dem Rechten, erzählt Geschichten von früher. Ein Spaziergang mit ihr über den Familienbesitz ist wie eine Museumstour. Hier war das Herrenzimmer, in dem Muttis Brief lag, hier hingen die Blumengirlanden, als sie aus dem Knast zurückkam, hier hat der Kutscher gewohnt, hier haben die Leute „Es klappert die Mühle“ gesungen, als Dankeschön für das neue Mühlenrad. Sie zeigt das Wohnhaus, das jetzt ein Restaurant ist, das Sägewerk, ihre Lieblingsbirke auf dem Feld, den Teich, freut sich über die jungen Schwäne und die Seerosen. Alles wieder da. Alles wieder schön. „Mutti und Papa“, sagt sie und sieht in den Himmel, „würden sich freuen.“

Auf dem Weg zurück zur Baracke, trifft sie einen Mann, der in den Siebzigern als Teenager mit seiner Mutter im alten Kutscherhaus gewohnt hat, die Mutter wohnt immer noch da, Doris Weinert ist ihre Vermieterin. Der Mann will von ihr wissen, ob er den Schuppen im Garten abreißen soll, wenn die Mutter ins Heim zieht.

Marcus Glahn
Frau Weinert und Herr Tornow. Sein Vater war Fahrer bei ihrem Vater.

Das wäre gut, sagt Doris Weinert. Sie reden noch ein bisschen, stellen fest, dass sein Vater mal für ihren Vater gearbeitet hat, als Kfz-Fahrer, und ihre Eltern früher in der Kneipe seiner Familie gefeiert haben. „Ach, bei Maxe Tornow“, ruft Doris Weinert und erzählt wieder eine dieser Geschichten, die sie von ihren Eltern gehört hat, manche so oft, dass sie nicht mehr sagen kann, ob sie selbst dabei war oder nicht. Sie weiß noch, wie sie als Kind über die Felder zur Schule gelaufen ist, wie gerne sie von den Kartoffeln naschte, die ihre Mutter für die Schweine kochte, dass sie bei ihren Großeltern in der oberen Etage der Mühle wohnte, als ihre Mutter im Gefängnis war. Aber ihre Verhaftung, ihre Rückkehr, die Flucht –  alles vergessen, genau wie der Brief, den sie als Achtjährige ans Gericht geschrieben hat. Sie zuckt mit den Schultern, es macht ihr nichts aus, am Ende sind es die Geschichten ihrer Eltern, ist es vielleicht kein Zufall, dass sie nie nach der Akte gefragt hat, dass die Briefe jahrzehntelang verschwunden waren.

Was wird sie nun damit machen?

Doris Weinert denkt nicht lange nach. Ins Büro von Mutti stellen, sagt sie.

Marcus Glahn
Die Mittelmühle von Neuendorf im südlichen Brandenburg war seit 1880 im Familienbesitz.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.