Berlin - Wie gelingt die klimapolitische Verkehrswende? Olaf Scholz (SPD) will Billigflüge teurer machen, Annalena Baerbock (Grüne) kurze Flüge gleich ganz abschaffen. Doch lohnt sich ein Verzicht auf Kurzstreckenflüge überhaupt? Ein Pro und Kontra.

Pro: Der Kurzstreckenflug muss aussterben

Woran man merkt, dass Wahlkampf ist? Wenn Dinge, die jeder weiß, plötzlich groß, bedeutend und seltsam werden. So groß und so bedeutend, dass die richtige Haltung dazu alles, aber auch alles zu entscheiden scheint. Ob man ein guter Mensch ist zum Beispiel. Wünschenswert wäre es ja schon. Was das mit dem Fliegen zu tun hat, ist allerdings eher rätselhaft. Das ist das Seltsame an dieser Debatte.

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Gerade zieht die Frage über deutsche Abendbrottische, ob Inlandsflüge nicht einfach verboten gehören. Angeblich fordert ja die grüne Spitzenkandidatin Annalena Baerbock das. Man könnte jetzt kleinlich einwenden, dass sie so etwas ja nicht gesagt hat. Sie ist schlau genug, die Worte „verbieten“ und „Verbot“ zu meiden. Schließlich warten die politischen Gegner ja nur auf einen Beleg für ihre These, die Grünen wollten alles verbieten, was Spaß macht und das Leben leichter. Hier seien wieder Gutmenschen am Werk, die den anderen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben.

Annalena Baerbock sagte im Interview mit der Bild-Zeitung am vergangenen Wochenende, dass es Kurzstreckenflüge „perspektivisch nicht mehr geben“ soll. Sie will eine klimagerechte Besteuerung von Flügen. Aber genützt hat ihr die sorgfältige Wortwahl nichts. Die ganze Woche musste sie über Verbote reden und darauf hinweisen, dass das ja schon juristisch gar nicht geht.

Schade eigentlich, dass Verbieten gar nicht geht. Denn es spricht so gar nichts für diese Flüge. Im Grunde braucht sie auch niemand.

Die Sinnlosigkeit eines Flugs von Stuttgart nach Nürnberg erklärt sich ja vielleicht von selbst. Man ist mit dem Anschnallen noch nicht fertig, da setzt der Flieger schon am Boden auf. Mit Ein- und Auschecken sowie An- und Abreise zum und vom Flughafen dauert die Prozedur dann schon mal doppelt so lange wie mit anderen Verkehrsmitteln. Aber auch auf längeren Inlandsflügen wie Berlin–Hamburg oder Berlin–Hannover ist es nicht viel anders.

Leider ist das Fliegen aber erwiesenermaßen die mit Abstand umweltbelastendste Art der Fortbewegung. Der Klimarechner der Fluggesellschaft, angeboten, damit man seine Klimasünde direkt in Geld umrechnen und dann andernorts Gutes für die Umwelt bewerkstelligen kann, wirft für Berlin–Hamburg schon mal 0,118 Tonnen Kohlendioxyd aus. One Way. Hin und zurück ist dann schon ein Drittel des jährlichen Klimabudgets verbraucht. Nach gängigen Rechenmodellen sollen es aber nicht mehr als 0,600 Tonnen pro Person im Jahr sein, um den Klimawandel aufzuhalten. Tatsächlich verursachen wir durchschnittlich ein Vielfaches davon.

Keine andere Art der Fortbewegung verbraucht derart viele fossile Brennstoffe wie das Fliegen. Die damit verbundenen Emissionen sind entsprechend hoch. Natürlich hat das Auswirkungen auf das Klima, auf die Erderwärmung mit allen weiteren Folgen. Irgendwo werden wir unsere Art zu leben umstellen müssen. Warum also nicht da beginnen, wo es besonders sinnlos ist? Zumal Inlandsflüge für den deutschen Flugverkehr im Grunde keine Rolle spielen.

Es ist nicht gerecht, dass Nichtflieger unter den Folgen des massenhaften Flugverkehrs genauso leiden wie andere

Julia Haak

Diese Verbindungen lohnen sich für die Fluggesellschaften einfach nicht. Nicht erst seit Corona haben sich die meisten Anbieter aus diesem Segment des Fluggeschäfts zurückgezogen. Kein Wunder, wenn die Kosten die Erlöse übersteigen. Geblieben sind noch die Zubringerflüge. Aber auch diese werden durch immer mehr Zugverbindungen ersetzt.

Da ist zum Beispiel das Projekt Deutschlandtakt bei der Bahn. Ein Taktfahrplan im Personenverkehr wird versprochen. Die größten deutschen Städte sollen verbunden werden, verlässlich alle halbe Stunde, immer zur selben Zeit.

Aber dann ging es ja auch um die Billigflüge diese Woche. Für fünf Euro kann man derzeit von Berlin nach Portugal kommen. Da stellen sich schon einige Fragen, wenn die Anreise zum Flughafen teurer wird als der Flug selbst. Aus der Union war trotzdem zu hören, warum man die billigen Flüge unbedingt weiter braucht. Es wäre unsozial, wenn der Flug in den Urlaub ein Privileg für Wohlhabende würde, hieß es. Allerdings ist es auch unsozial, dass sich nur ein Teil der Weltbevölkerung das Fliegen überhaupt leisten kann. Es ist nicht gerecht, dass Nichtflieger unter den Folgen des massenhaften Flugverkehrs genauso leiden wie andere. Auf dieser Ebene wird ein ernsthafter Austausch von Argumenten schnell sinnlos.

Da lohnt es sich eher, über die handfesten Probleme zu sprechen, die die bisherige Praxis bewirkt. Inlandsflüge sind zum Beispiel von der Kerosinsteuer befreit. Wir subventionieren eine klimaschädliche Fortbewegungsart, die darüber hinaus nur wenig praktischen Nutzen hat. Wenn dieses Geld konsequent in den Bahnverkehr investiert würde und damit ständige Ärgernisse wegen überfüllter und unpünktlicher Züge entfielen, gäbe es bald gar keine Argumente mehr für die Kurzstrecke mit dem Flugzeug. Man muss es allerdings wollen. Julia Haak

Kontra: Kurzstreckenflüge verbieten, ist eine furchtbar schlechte Idee

Wenn in Deutschland über das Fliegen diskutiert wird, gehen Sozialchauvinismus und gutes Gewissen meist Hand in Hand. Urlauber, die sich für kleines Geld in einen Airbus zwängen, um die Welt auf eigene Faust zu entdecken, bleiben für das Juste-Milieu eine Provokation. Wohlsituierte Postmaterialisten fragen sich: Muss das sein? Folgerichtig kanalisiert die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock diese Stimmung für den Wahlkampf und fordert, Flüge zu verteuern und Kurzstreckenflüge künftig gleich ganz abzuschaffen.

Das klingt für viele erst mal gut und vor allem vernünftig. Tatsächlich dauert der kürzeste Linienflug in Deutschland gerade einmal 23 Minuten, und zwar von Nürnberg und München. Die Bahn braucht für die Strecke von 170 Kilometern zwar eine Stunde, zieht man die Anfahrt zum Flughafen und den Aufwand beim Einchecken mit in Betracht, ergibt sich jedoch ein klares Bild: Der Flug ist überflüssig, die Leute sollen die Bahn nutzen, das sind wir dem Klima schließlich schuldig. Plötzlich steht das Lebensglück der kommenden Generationen wieder im Mittelpunkt der Debatte. Also Kurzstreckenflüge einfach verbieten? Das wäre eine furchtbar schlechte Idee: Baerbock sprach nicht von Inlands-, sondern Kurzstreckenflügen – das sind Flüge, die je nach Definition Strecken von bis zu 1500 Kilometern umfassen können.

Wer von Berlin aus in die wichtigsten europäischen Hauptstädte wie London, Helsinki, Paris oder Rom reisen will, müsste künftig also mit dem Zug oder dem Auto fahren. Sollte sich Baerbock mit ihrer Forderung durchsetzen, käme so fast der gesamte innereuropäische Flugverkehr zum Erliegen. In den ewigen Debatten um die Verteuerung des Fliegens offenbart sich unser Unbehagen mit der Zivilisation. Die Billigflieger haben den Flugverkehr entzaubert: Die Stewards tragen keine weißen Handschuhe mehr, statt Champagner gibt es Dosenbier, und die Sitznachbarn bilden nicht mehr Generaldirektor Haffenloher nebst Gattin, sondern Beate und Uwe aus Bottrop auf dem Weg nach Hurghada.

Eine unbequeme Wahrheit: Der Airbus wurde wirklich zum Bus der Lüfte. Doch das ist gar nicht schlimm, denn Mobilität ist das Kernbedürfnis unserer Zeit. Niemand will seine eigenen Reiseerfahrungen missen. Ryanair, Easyjet und Eurowings haben sich als Motoren der europäischen Einigung erwiesen. Wer als Deutscher mit dem Billigflieger in Amsterdam landet, um die lokalen Coffeeshops zu erkunden, tut mehr für die Völkerverständigung als die Generation der Großväter – auch wenn diese den Weg in die Stadt noch zu Fuß samt Marschgepäck zurückgelegt haben.

Baerbocks Vorschlag wirkt erstaunlich provinziell, auch weil er die Lebensrealität in einer von Migration und Mobilität geprägten Gesellschaft ignoriert

Maximilian Both

Der Flugverkehr hat Europa konkret erfahrbar gemacht und das Versprechen von Schengen, die Überwindung aller Grenzen, mit Leben gefüllt. Der ungeliebte Tourist mit seinem klapprigen Rollkoffer gehört dazu. Baerbocks Vorschlag wirkt vor diesem Hintergrund erstaunlich provinziell, auch weil er die Lebensrealität in einer von Migration und Mobilität geprägten Gesellschaft ignoriert: Die Familie ist in vielen Lebenssituationen genau einen Kurzstreckenflug entfernt. Für das Verbot von Kurzstreckenflügen wird oft auf Frankreich verwiesen, dort seien Inlandsflüge inzwischen verboten. Das stimmt aber nicht so ganz: Inlandsflüge sind nur auf den Strecken verboten, die der Zug innerhalb von zweieinhalb Stunden erreicht. Und da wären wir bei den Alternativen: Frankreich hat ein eigenes Schienennetz für seine Hochgeschwindigkeitszüge, die berühmten TGV („train à grande vitesse“).

In Frankreich ist der Zug deshalb eine echte Konkurrenz für das Flugzeug. In Deutschland teilt sich der ICE die Strecken hingegen mit Güterzügen und Regionalbahn – Signalstörungen und Verzögerungen im Betriebsablauf inklusive. Der Aufstieg des französischen TGV wurde durch eine rigorose Planung ermöglicht, denn wenn das französische Parlament eine neue Schnellfahrtrasse verkündet und zu einer Sache des nationalen Interesses erklärt, wird einfach gebaut. In Deutschland hingegen führen Anwohnerklagen, die nicht selten von den regionalen Grünen unterstützt werden, zum Streckenneubau in Schneckentempo.

Deshalb ein Vorschlag zur Güte: Wir investieren in den nächsten vier Jahren kräftig in das Schienennetz, Kanzlerin Baerbock setzt sich in der kommenden Legislatur dafür ein, die Klagerechte von Anwohnern und Umweltschutzschutzverbänden zu beschränken, und wenn die Bahn auch in Deutschland eine echte Alternative zum Flugzeug geworden ist, sprechen wir noch mal über die Kurzstrecke. Bis dahin gilt: Piloten ist nichts verboten. Maximilian Both

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