Berlin - Sie waren wahrscheinlich auch selten bis gar nicht im Urlaub in den vergangenen Monaten beziehungsweise Jahren und sehnen sich nach ein bisschen Ferien am Meer oder in den Bergen? In letzter Zeit ist mir im Büro oft aufgefallen, dass viele Kollegen das Wort „urlaubsreif“ fast öfter benutzt haben als die deutschen Klassiker „Kaffeedurst“ und „Sektlaune“. Klar, ein Urlaub wäre jetzt schön, aber ich selbst finde, gerade jetzt, wo die Hauptstadt sich nach dem Lockdown wieder von ihrer schönsten Seite zeigt (am Rosenthaler Platz hat sich am Mittwoch ein Teenager von zu viel Alkohol übergeben!), kann man doch nicht einfach in den Urlaub fliegen.

Doro Zinn
Zwiebeln, Tomaten, frische Kräuter gehören zum Lahmacun. 

Das wäre nicht richtig, finde ich! Was machen dann die ganzen Gastronomen, die sich seit Monaten mit viel Kreativität auf das große binge-drinking mit Beilagen vorbereitet haben? Damit sollten wir sie nicht alleinlassen. Aber wie also das Dilemma bewältigen? Machen Sie doch einfach einen Mini-Urlaub mit integrierter Sporteinlage, anstatt sich in den Flieger nach Griechenland oder Mallorca (der Ballermann soll eh abgeschafft werden!) zu setzen. Und der geht so: Wenn Sie von Mitte kommen, fahren Sie abends kurz vor der Dämmerung mit dem Auto durch den Wedding über die Afrikanische Straße vorbei am Einkaufszentrum Der Clou Richtung Tegeler See.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 12./13. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Interview mit Jörg und Maria Koch: Wie sie mit dem Magazin und Modelabel 032c die Berliner Coolness in die Welt tragen

Hurra oder Hilfe? Die Touristen stürmen zurück nach Berlin

Unser Autor Jan Karon will nicht mehr links und „woke“ sein. Warum das?

Die großen Food-Seiten: Einer der besten Lahmacun-Läden in Wedding und ein Backshop für Cool Kids in Kreuzberg. Und: Ein Porträt über das hippe Hotel Henri am Kudamm

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Ruhe auf dem Holzsteg

Parken Sie einfach im kleinen Wäldchen an der Bernauer Straße direkt auf der Höhe des Badestrands Reiswerder und schwimmen Sie die 1,2 Kilometer um die malerische Insel Reiswerder. Wenn die Sonne am Nordufer hinter den Bäumen langsam untergeht, sind Sie mit den Blässhühnern, Entenfamilien und den Kormoranen ganz alleine und fühlen sich wie auf einem anderen Planeten. Sorgen Sie sich nicht vor den Blaualgen. Solange Sie nicht literweise Wasser schlucken oder ein snowflake sind, ist alles in bester Ordnung.

Zurück am Strand können sie dann noch ein paar Minuten auf dem kleinen Holzsteg ausruhen, bevor Sie sich auf dem Weg zurück in die Zivilisation zum Höhepunkt ihres Urlaubs begeben. Örnek, dem kleinen türkischen Imbiss in der Prinzenallee. Hier sieht es zwar ziemlich schäbig und abgerockt aus, aber dafür gibt es die beste türkische Pizza (noch ein bisschen besser als die von Doyum am Kotti!) der Metropole. Für einen Euro pro Stück kommen die Lahmacun knusperdünn und zugleich saftig aus dem Ofen.

Doro Zinn
Man bestellt am Tresen. 

Belegen kann man sie selber mit frischer Petersilie, roten Zwiebeln, kleinen arabischen Pfefferoni, Zitronensaft und viel Sumach. Das schmeckt so frisch und ist mit einer kalten Coca-Cola aus der Glasflasche das Beste nach einem nassen Abenteuer. Ansonsten: Auch der Adana im Dürüm ist gut, auch wenn ich ihn bei anderen Läden in Kreuzberg schon besser gegessen habe. Wenn Sie unbedingt wollen, können Sie ihn bestellen, ich bleibe allerdings lieber bei der türkischen Pizza.

Aber Vorsicht: Örnek ist so beliebt, dass viele Familien aus den umliegenden Mietskasernen abends Dutzende Lahmacun zum Mitnehmen bestellen. Sie müssen schon durchsetzungsstark und resolut sein, damit Sie die Jungs von Örnek nicht einfach zwischendurch vergessen. Wenn Sie das schaffen, garantiere ich Ihnen: Sie werden die Reise immer wieder unternehmen! Und wie lautet jetzt die Bewertung? Auch wenn Örnek – glaube ich – nicht die hochwertigsten Zutaten verwendet und die hygienischen Bedingungen nicht tadellos sind, gibt es 5 von 5 Punkten. Für die Blaualgen (derzeit warnt der Senat) gibt es allerdings temporär einen Abzug von einen Punkt, auch wenn Örnek nichts dafür kann.

Bewertung: 4 von 5 Punkten

Örnek, Prinzenallee 80–82, 13357 Berlin, täglich von 9 bis 0 Uhr.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.