Berlin - Einerseits praktisch, andererseits aber auch hochbrisant, wenn man sich ausgerechnet in den besten Kumpel des Bruders verguckt. Oha. Was für eine Konstellation mit Potential für Krisen und Konflikte! Der Berliner Pianoboy und Songwriter Finn Ronsdorf, gerade mal 22 Jahre alt, spielt dieses Drehbuch genüsslich durch. Er schlachtet es geradezu aus im finalen Track „Brothers (Demo)“ auf seiner Debüt-EP „Odes“. 

Lässig schlägt er Klavierakkorde an, imitiert mit seiner Stimme ein Trompeten-Solo (oder soll es ein Saxophon sein?) und sinkt mit ihr plötzlich tief nach unten, wenn er singt, wie ach so nah er (oder das Songtext-Ich) mit diesem besten Freund des Bruders sei – so als wäre das ein schmuddeliges Geheimnis. Brrr. Was für ein Song!

Ein Geständnis zur queeren Liebe

Der Aufstieg von Finn Ronsdorf, er ist ganz und gar bemerkenswert, nicht nur seines jungen Alters wegen: Ohne Plattenfirma veröffentlicht, kommt allein der Song „Reaching For Cold Hands“ von der EP auf mehr als 600.000 Klicks auf Spotify, das ist mal eine Hausnummer! Das New Yorker Billboard Magazine schwärmt, Finn Ronsdorf sei in der Lage, ein herrlich kompliziertes Bild frischer Verliebtheit zu zeichnen, das das Publikum über seine eigenen komplexen Beziehungen sinnieren lässt. Das trifft es!

„Durch Filme, die ich geschaut habe, und Musik, die ich gehört habe, hatte ich die Idee, dass jemand einen rettet“, gibt Ronsdorf zu. Dann habe ihn das Leben eines Besseren belehrt. Deshalb auch der EP-Opener „First Time“, in dem Ronsdorf jault und schluchzt und schreit und fleht, als ginge es ums Überleben. Dabei geht es doch um die Liebe. Ronsdorf lässt die Stimme regnen, kratzen und knicken. Intim hört man die Pedalmechanik des Klaviers klopfen. „Forget society’s anxieties“, bittet Finn Ronsdorf diesen anderen Mann und raunt ihm zu: „Come to me“. Das Gegenüber solle die Zwänge der Gesellschaft fallen lassen – und zur queeren Liebe stehen.

„Alles ist ein Produkt der Gesellschaft“

„First Time“ lässt sich so interpretieren, dass Kultur und Normen bis hinein in die intimsten Situationen Einfluss nehmen, manchmal gewaltsam. „Alles ist Produkt der Gesellschaft: Was ich erlebe, wie ich es beschreibe. Die Gesellschaft verurteilt, was jemand macht – aber sieht oft nicht, was die Gesellschaft aus der Person gemacht hat“, sagt Finn Ronsdorf bei einem Treffen auf den Treppenstufen im Neuköllner Körnerpark. Moment mal, müsste man dann nicht auf Spotify als Künstler*in statt Finn Ronsdorf „die Gesellschaft“ eintragen? „Da wäre ich ein Fan von“, schmunzelt er.

Finn Ronsdorf ist nicht leicht zu fassen: Da ist dieser junge, zierliche Typ, der die Beine auf den Treppenstufen übereinanderschlägt und sich zärtlich Kippen dreht. In seinen Unterarm ist eine Pfirsichhälfte tätowiert (wahrscheinlich eine Anspielung auf den Film „Call Me By Your Name“) – und auf seinen Achillesfersen stehen die Buchstaben „G“ und „O“. „Go“, also laufen.

„Wenn man sich selbst kennenlernt, lernt man die Welt kennen“

Es sind die Stellen, an denen, wie er sagt, seine Socken durchgewetzt sind auf dem Trip durch Kanada, in der Zeit zwischen Abi im Schwarzwald und Umzug nach Berlin 2018. Vancouver Island, Edmonton, Toronto. Er hat die Städte wie Bettlaken gewechselt. Montreal fand er am besten.

Wie macht er das, dass er so weise Sachen raushaut am laufenden Band? Er schwört, niemals Siegmund Freud gelesen zu haben. Philosophie und Theaterwissenschaft studiere er bloß auf dem Blatt: „Ich habe gelesen, weil es Entertainment ist in gewissem Sinne. Aber das Selbststudium, das Leben, hat mich weitergebracht. Wenn man sich selbst kennenlernt, lernt man die Welt kennen.“ Das klingt nach einem, der sich in seiner dunklen Bude vergräbt. Doch so ist es nicht.

Kontrast von Stadt-Boy und Land-Boy

Finn Ronsdorf, der im südlichen Kreuzberg wohnt, dort, wo es fast schon an Neukölln grenzt, steht gern mit der Sonne auf. „Morgens fangen die Gedanken zu rattern an“, sagt er. Man weiß nicht recht, ob es ein Segen oder ein Fluch sein soll. Nach einem Plausch mit den WG-Mitbewohnern oder mit der Waschmaschine setze er sich dann auch mal ans Klavier. („Ein richtiger Musiker müsste mal sehen, wie ich meine Akkorde aufschreibe. Das sind erfundene Akkorde – die gibt’s nicht.“)

Danach geht’s dann raus, stundenlang,  die Socken dürfen durchwetzen. Finn Ronsdorf liebt das Maybachufer und die Admiralbrücke. Und den Akazienkiez in Schöneberg. Am Abend darf’s dann auch mal eine Flasche auf den Uferwiesen sein („Aber nie allein!“). Die EP hat er aufgenommen am Kottbusser Damm in den Bakermoon Studios. Bei „Reaching For Cold Hands“ gibt’s ein Cello, gezupft und gestrichen. Auf „Blue“, das den Kontrast von Stadt-Boy und Land-Boy befeuert, steuert seine australische Produzentin Jane Arnison E-Gitarren bei. Und weil zufällig sieben, acht Freunde zugegen waren, stimmt dort auch ein Chor mit ein. „Das war mein Lieblingsmoment an der ganzen Sache“, schwärmt Ronsdorf.

Lauter weise Sätze

Wenn man sich nicht „nur“ den anti-heteronormativen Song-Finn, sondern zudem den Instagram-Finn zu Gemüte führt, wo er gerne mal theatralisch-neckisch mit Äpfeln jongliert, kommt man leicht zu dem Eindruck: Finn Ronsdorf ist einer, der die Scham nicht kennt. „Schuld und Scham – wer kreiert das?“, fragt er im Interview. „Wofür der Mensch sich schämt, ist meistens lächerlich. Diese Chemie, diese Mechanik find ich fast schon lustig.“

Dennoch: Dieser Scham, speziell die von jungen Queers, die nicht den heteronormativen Erwartungen gerecht werden, singt Finn Ronsdorf in seinen Songs entgegen, auch wenn er beteuert, nichts davon aus politischem Kalkül, sondern rein aus persönlicher Motivation zu tun. Und trotzdem ist es ja so, dass er Fanpost bekommt von jungen Queers, die ihm danken, dass seine Songs ihnen helfen, den Tag heil zu überstehen. Dann sagt er ihnen, aber auch sich selbst: „Nicht ich helfe ihnen, sondern sie helfen sich selbst. Weil sie diejenigen sind, die sich die Sachen anhören – und was daraus machen.“ Ach, schon wieder so ein weiser Satz.

Finn Ronsdorf: „Odes EP“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.