Die erste Schulwoche ist geschafft, wenn auch anders als gedacht. Das Kind liegt erst mal flach, zwar nicht wegen Corona, sondern nach dem Boostern und mit einem anderen saisontypischen Infekt. Am vergangenen Wochenende war der bevorstehende Schulbeginn noch von einem mulmigen Gefühl begleitet worden. Die Schule, so dachte man sich, ein Omikron-Verteilzentrum. Da soll man sein Kind dann hinschicken? Ein bisschen gruselig war die Vorstellung schon. Aber natürlich ging das Kind trotzdem zur Schule.

Denn es ist ja absolut richtig, dass Schulen offen bleiben und dass es Präsenzunterricht gibt. Grauenhaft war der vergangene Winter, als die Mittelstufe von Mitte Dezember bis in den Mai zu Hause eingesperrt wurde. Gerade in einem Alter, in dem sich Jugendliche normalerweise zum ersten Mal vom Elternhaus distanzieren und auch distanzieren sollten, Reibung mit anderen brauchen und Anregungen von anderer Seite als den eigenen Eltern. Stattdessen saßen sie zu Hause und wurden immer dicker und trauriger. Mittlerweile sind die verheerenden psychischen und sozialen Folgen, die Schulschließungen für Kinder und Jugendliche haben, recht gut dokumentiert. Der Bewegungsmangel, die Lernschwierigkeiten, die Entwicklungsverzögerungen, Depressionen und Adipositas, besonders bei Kindern, die ohnehin benachteiligt sind – niemand kann eine Wiederholung wollen.

Jetzt entscheidet wieder jeder Schulleiter selbst, ob er sich nun auskennt mit Viren oder nicht

Der Beschluss der Kulturministerinnen und –minister in dieser Woche, die Schulen trotz aktueller Corona-Lage und Omikron-Variante offen halten zu wollen, ist deshalb richtig. Die Kinder sollten nicht noch einmal zum Schutz der Gesellschaft einen derart hohen Preis bezahlen müssen.

Und trotzdem ist auch richtig, was derzeit aus Lehrergewerkschaften und Bildungsverbänden zu hören ist. Es sei ein Armutszeugnis, kommentierte Udo Beckmann, der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), die Ergebnisse der Sitzung der Kultusministerkonferenz (KMK). Beckmann kritisierte, dass keine klaren Standards definiert wurden, welche Maßnahmen bei einem bestimmten Infektionsgeschehen zu ergreifen sind. Jetzt entscheidet wieder jeder Schulleiter selbst – ob er sich nun auskennt mit Viren oder nicht. Die Frage, wie angesichts überlasteter Labore Testoffensiven durchgeführt werden sollen, bleibt unbeantwortet. Dass immer noch Mindestabstände in der überwiegenden Zahl der Schulen angesichts von zu kleinen Räumen für zu große Klassen nicht eingehalten werden können und es zumeist keine Luftfilteranlagen gibt, ist nicht zu verstehen.

Zurück bleibt ein schaler Geschmack. Schulen haben eben doch nicht, wie es immer versprochen wird, höchste Priorität in der Politik. Sie rangieren in der Skala systemrelevanter Infrastruktur irgendwo zwischen teuer und auch noch da. Das sollte sich ändern.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.