Berlin - Sind die Deutschen seit Corona Aktien-Liebhaber? Die neueste Studie des Deutschen Aktieninstitutes untermauert, was viele Akteure am Finanzmarkt schon seit Beginn des Corona-Crashs im März 2020 erahnt haben: Wir Deutschen haben die Aktien wieder für uns entdeckt. Die Aktionärsquote stieg 2020 auf ein Rekordhoch. 2,7 Millionen neue Anlegerinnen und Anleger. Und darunter sind vor allem junge Menschen. Sie investierten neu in Wertpapiere und sorgten für lange Wartezeiten bei Depoteröffnung und für regelmäßige Ausfälle der Handelssysteme bei Online-Brokern.

Für mich ist dieser Trend positiv, denn Aktien, idealerweise breit gestreut und lange gehalten, sind eine wunderbare Anlage. Aber hält die neue Begeisterung für börsennotierte Unternehmensbeteiligungen langfristig an oder wird sie, wie nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2000, wieder in sich zusammenfallen?

Dass die Begeisterung nichts weiter als ein temporärer Trend ist, dafür könnten die jüngsten Exzesse rund um sogenannte Meme-Aktien wie Gamestop, AMC, Nokia oder Windeln.de sprechen. Zur Erinnerung: Zig Kleinanleger hatten Anfang des Jahres eine Art Zockerkrieg à la David gegen Goliath angezettelt, indem sie sich in Internetforen wie Reddit versammelten und mit geballter Anlegerkraft die Aktien eher unbedeutender Firmen in die Höhe trieben.

Ziel war es, professionellen Hedgefonds-Managern eins auszuwischen, die zuvor auf fallende Kurse gewettet hatten. Diese Aktien, ohne besondere Wachstumschancen, wurden koordiniert von Millionen Anlegern gekauft und mithilfe von Optionsgeschäften in schwindelerregende Höhen getrieben. Auf den ersten Blick scheint es so, dass die neuen, zumeist jungen Aktionäre keine langfristigen Buy-and-Hold-Investoren sind, sondern eher wilde Zocker, denen coronabedingt der Zutritt zum Casino verwehrt wurde.

Thomas Kehl

Bevor Thomas Kehl zusammen mit Arno Krieger den YouTube-Kanal Finanzfluss gegründet hat, studierte er Finanzen und BWL an der Frankfurt School of Finance and Management und der ESCP Europe in Paris und London. Nach seinem Studium arbeitete er mehrere Jahre als Investmentbanker in Paris. Mittlerweile ist Finanzfluss ein erfolgreiches Berliner Unternehmen. Über 743.000 Abonnenten schauen regelmäßig die Videos des Kanals.

Dabei hilft auch nicht, dass die neue Lieblings-Broker-App Trade Republic gleich beim Öffnen der App anzeigt, welche heißen Aktien gerade angesagt sind. Durch Spekulieren auf einzelne Aktien Geld zu verdienen, ist in steigenden Märkten auch nicht sonderlich schwierig. Die Flut hebt nun mal alle Boote. Sollte es aber einmal zu längerfristigen Korrekturen an den Märkten kommen, könnten einige Neueinsteiger schwer enttäuscht werden und das Interesse für Aktien könnte sich schnell in Luft auflösen. Parallelen zu den 2000er-Jahren gibt es genug: Broker-Boom, Hype-Aktien und Zocken als Volkssport.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

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Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
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Trotzdem glaube ich an eine langfristige Begeisterungsfähigkeit am Vermögensaufbau mit Aktien. Der Grund: Ich habe mich selbst mit vielen dieser Newcomer ausgetauscht und festgestellt, dass die waghalsigsten Zocker selten ihr gesamtes Kapital in Trend-Aktien investieren, sondern parallel breit gestreute Indexfonds (ETF) besparen. Das sehe ich in unseren wöchentlichen Portfoliochecks.

Anders als die 2000er-Generation sind die jungen Leute von heute smarter. Sie setzen nicht alles auf eine Karte. Auch haben sie heute viel einfacher Zugang zu Informationen als je zuvor. Das Internet dient mittlerweile als seriöse Bildungsquelle für fundiertes Finanzwissen und ist nicht mehr nur ein Sammelbecken für „Wie werde ich schnell reich“-Betrugsmaschen. Die neue Do-it-yourself-Generation hat den guten Ratschlag des Bankberaters durch eigenes Empowerment ersetzt.

Das stärkt die Überzeugung, der eigenen Anlagestrategie treu zu bleiben, und spart nebenbei auch einiges an Kosten. Sollte es an den Märkten mal wieder ungemütlich werden, gibt es mittlerweile zahlreiche Online-Communitys, die sich gegenseitig aufklären und motivieren dabeizubleiben. So habe auch ich es im März 2020 erlebt, als nach erster Verwunderung über den Crash die ersten Mutigen beherzt zugegriffen und sich zu günstigen Kursen mit Wertpapieren eingedeckt haben. Als Optimist glaube ich jetzt erstmals langfristig an mehr Aktien in deutschen Portfolios, und das ist gut so.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.