Die Sterne stehen momentan sehr gut für allerlei Verschwörungstheorien, Endzeitkulte und Sektierer. Wie immer in unsicheren Zeit wabert viel Mysteriöses mit großer Beachtung durchs Netz und die gängigen Streaming-Kanäle. Netflix setzt in diesem Winter dann auch voll auf den Mystery-Trend, nicht alles ist dabei gelungen, wohl aber der Achtteiler „Archive 81“.

Keine ironische Brechung

Die Handlung mag etwas krude erscheinen: Ein Restaurator (Mamoudou Athie) ist für einen geheimnisvolle Konzern den noch geheimnisvolleren Umtrieben in einem New Yorker Wohnblock und den Untiefen seiner eigenen Vergangenheit auf der Spur. Aber „Archive 81“ ist ein großer Spaß und genau das Richtige, um sich an langen Abenden durch den drögen Januar zu bibbern.

Und obwohl so ziemlich alle Zutaten einer ordentlichen Mystery-Sause zum Einsatz kommen, schaffen es die Macher, die Handlung, die den Protagonisten in ein so unheimliches wie stylishes Haus in den Catskills führt, wie etwas ganz Neues und Frisches wirken zu lassen. Weil hier gar nicht erst versucht wurde, irgendeine Art von ironischer Brechung herbeizuführen, die so viele Serien auf langer Strecke ruiniert, weil die Macher sich entweder selbst nicht trauen oder offenbar der Meinung sind, dass man dem Publikum eine möglichst große Palette an Emotionen bieten muss, um sie zu fesseln.

Mit großer Hingabe und Ernsthaftigkeit raunen hier Stimmen aus Lüftungsschächten, Unheil dräut in dunklen Fluren und leeren Räumen. Die Nachbarn sind alle irre, malen Pentagramme und geben sich erfreulich unterhaltsam, da durchweg verhaltensauffällig. Die Stars der Serie sind indes die beiden Häuser, in denen die Handlung miteinander verwoben wird, und wer den Altmeister des Horrors und des geistigen Verfalls Roman Polanski liebt, wird bei „Archive 81“ voll auf seinen Kosten kommen.

Dessen parabelhafte Trilogie über Paranoia und Wahnsinn in der Enge einer Metropole („Ekel, „Rosemaries Baby“ und „Der Mieter“) stand sicherlich Pate bei der Entwicklung der Serie. Der Zeitpunkt der Ausstrahlung ist perfekt und beweist, dass Netflix trotz einiger Hänger im vergangenen Jahr immer noch weiß, was die über 200 Millionen Abonnenten weltweit sehen wollen – in dieser so außergewöhnlichen wie anstrengenden Zeit.


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