Berlin - Sie oder er? Er oder sie? Zum ersten Mal stellen die Grünen einen Kanzlerkandidaten auf – anders als bei der CDU läuft das Auswahlverfahren sehr geräuschlos ab. Wenn man im Vorfeld mit führenden Grünen sprach, ließ sich kaum einer auch nur einen Halbsatz entlocken, den man als Parteinahme interpretieren könnte. Die beiden Co-Vorsitzenden, Annalena Baerbock und Robert Habeck, sollen es untereinander ausmachen. Was spricht für sie, was spricht für ihn? 

Wo kommen sie her?

Sie: Annalena Baerbock, 40 Jahre alt, geboren in Hannover, aufgewachsen in einem kleinen Ort in der Nähe. Studierte Politikwissenschaft in Hamburg, danach zwei Jahre Völkerrecht in London. Sie machte eine klassische Politikerkarriere, war Mitarbeiterin einer EU-Abgeordneten, Referentin in der Bundestagsfraktion, seit 2013 ist sie Bundestagsabgeordnete in Brandenburg mit Schwerpunkt Außenpolitik. Als Baerbock 2018 überraschend für den Parteivorsitz der Grünen kandidierte, war sie für viele eine Unbekannte. Doch sie holte sehr stark auf und erkämpfte sich Anerkennung.

Er: Robert Habeck, 51 Jahre alt, geboren in Lübeck, aufgewachsen in Heikendorf an der Kieler Förde, promovierte in Philosophie und wurde danach Schriftsteller. Zusammen mit seiner Frau Andrea Paluch veröffentlichte er mehrere Romane („Der Schrei der Hyänen“, „Unter dem Gully liegt das Meer“) und Kinderbücher. Habeck pendelt heute zwischen Berlin und Flensburg, wo er mit seiner Familie lebt und jetzt Direktkandidat für den Bundestag werden will.

Warum wollen sie Kanzler werden?

Sie: Sie gehört zu einer Generation von Politikern, die von Angela Merkel geprägt sind. Zu viel Drive, zu viel Idealismus zeigen gilt als gefährlich. Wenn sie ihr Machtbewusstsein auslebt, dann nur in kleinen Dosen. In einem Spiegel-Interview sagte sie: „Wenn man Ehrgeiz hat, will man natürlich zeigen: Ich kann das.“

Er: Vor dem Warum steht bei Habeck immer noch das Ob. Bei Sandra Maischberger gab er vor einem halben Jahr darauf eine typische Habeck-Antwort: „Das, was man für sich selbst tun kann, ist, sich selbst zu überprüfen, ob man glaubt, man hat das moralische Rüstzeug, die innere Ruhe, man hat einen Plan, was man will. Diesen Plan habe ich. Und deshalb ist die Antwort: Ja, diese Prüfung würde ich für mich bestehen.“

Wie sind sie so weit gekommen?

Sie: Das Abheben und Fliegen übte Baerbock schon als Jugendliche, nahm dreimal an den Deutschen Meisterschaften im Trampolinspringen teil. „Man muss total mutig sein, denn wenn man springt, weiß man nie, ob man mit dem Kopf oder mit den Füßen aufkommt“, sagt sie in einem NDR-Film. Gute Vorbereitung für die Politik. Arbeitete sehr zielstrebig an sich, an ihrem Auftreten, ihrer Karriere. 

Er: Habecks Aufstieg bei den Grünen begann 2002 im Hinterzimmer eines norddeutschen Landgasthofs, es tagte ein trauriger Kreisverband, Ernte-23-Aschenbecher auf Resopaltischen. So erzählte er es mal in einem Podcast der Zeit. Habeck wollte nur einen Radweg für sein Dorf. Am Ende des Abends war er der neue Kreisvorsitzende. Er könne schlecht Nein sagen, meint Habeck. Zwei Jahre später wurde er Landesvorsitzender der Grünen, dann Landwirtschaftsminister und schließlich Bundesvorsitzender. Es ist immer gerade zufällig niemand anderes da, der den Job machen will, so klingt das, wenn Habeck über seine steile Karriere redet, wobei er höchstens mal einräumt: „Ich drängle ja auch.“ Den Radweg gibt es bis heute nicht.

Was sind ihre Stärken?

Sie: Man kann sie zu jeder Tageszeit anrufen und bekommt einen halbstündigen Vortrag zur Notwendigkeit eines schnellen Kohleausstiegs oder zu Detailfragen der Russlandpolitik. Während des ersten Lockdowns redete sie über ihre persönlichen Schwierigkeiten, Job und Kinderbetreuung zu Hause unter einen Hut zu kriegen. „Ich kann meine Vierjährige nicht zehn Stunden vor den Fernseher setzen“, sagte sie bei Maischberger. Damit schaffte sie Aufmerksamkeit für das Thema.

Er: Habeck kann zuhören. Das erzählen Leute, die mit ihm zu tun hatten, immer wieder. Er war nicht immer derjenige, der mit Sachkenntnis brillierte. Aber er hat diesen Willen zu lernen und die Fähigkeit, Menschen das Gefühl zu geben, dass er sie ernst nimmt. 

Was war ihr größter Erfolg?

Sie: Ihr Aufstieg bei den Grünen. Vor vier Jahren, als sie Parteivorsitzende wurde, kannte sie kaum jemand. Inzwischen steht sie in den Beliebtheitsrankings in den Top Ten, überholt gelegentlich sogar Robert Habeck. Nicht schlecht für jemanden, der noch nie Regierungsverantwortung hatte. Bei den letzten Vorstandswahlen wurde sie mit 97,1 Prozent von ihrer Partei im Amt bestätigt, ein Traumergebnis, besser als Habecks (90,4 Prozent).

Er: Dreißig Jahre währte der Krieg zwischen den schleswig-holsteinischen Muschelfischern und den Naturschützern vom Nationalpark Wattenmeer. Die Fronten waren verhärtet, man hasste sich und sprach nicht mehr miteinander. Dann wurde Habeck Minister, und drei Jahre später hatte er die Fischer und die Naturschützer dazu gebracht, den „Muschelfrieden von Tönning“ zu schließen. Er beherrscht die Kunst des Kompromisses.

Wer steht hinter ihnen?

Sie: Baerbock ist verheiratet mit Daniel Holefleisch, einem PR-Manager, in seinem Twitter-Profil steht kein Beruf, sondern „Papa“. Die beiden haben zusammen zwei Töchter, vier und acht Jahre alt. Für sie war immer klar, dass sich ihr Terminplan als Politikerin an das Familienleben anpassen muss, sagt sie zumindest.

Er: Auch Habeck hatte kleine Kinder zu Hause, als seine Karriere begann. Er organisierte seine erste Kommunalwahl zwischen Brei und Handballtraining. Politik wurde für ihn erst zum Fulltime-Job, nachdem der Familienrat zugestimmt hatte. Heute sind seine vier Söhne erwachsen. Seine Frau sagt, für ihren Mann war der Abschied von ihnen schwerer als für sie.

Was ziehen sie an?

Sie: Schwarze Hosen und Lederjacke, neuerdings oft knallige High Heels statt Turnschuhe.

Er: Drei-Tage-Bart, für die Haare braucht er morgens „zwei Sekunden“ (Habeck im Bild-Interview), schwarze Hemden, die er grundsätzlich selbst bügelt, zu ausgebeulten Bluejeans.

Was waren ihre größten Fehltritte?

Sie: Keine. Immer perfekt vorbereitet, faktensicher.

Er: Waren es die Löcher in seinen Socken, die eine Journalistin auf einer Zugfahrt erspähte, der Stage Dive nach dem grünen Wahlerfolg in Bayern 2018 oder seine Unkenntnis bei der Pendlerpauschale? Mal heißt es, ihm sei der Erfolg zu Kopf gestiegen, mal, er sei schlicht inkompetent. Nachdem er auf Instagram während eines Pressetermins fotogen mit Ponys kuschelte, war ihm der Spott sicher. 

Wie sicher bewegen sie sich im Osten?

Sie: Sie hat nach ihrem Studium für eine ostdeutsche EU-Abgeordnete, Elisabeth Schroedter, gearbeitet, war Landesvorsitzende in Brandenburg, kennt sich gut in der Kohleregion Lausitz aus. Lebt seit Jahren mit ihrer Familie in Potsdam. Eine klassische Wossi.

Er: 2019 versprach Habeck, die Grünen würden dafür sorgen, dass Thüringen ein „offenes, freies, liberales, demokratisches Land wird“. Klang, als rede er von Afghanistan. Andererseits hat Habeck auch schon den Bayern „das Ende der Alleinherrschaft der CSU“ und endlich „Demokratie im Freistaat“ in Aussicht gestellt. Der Mann hat sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht, der Osten, das hat er mal zugegeben, hat ihn nie sonderlich interessiert. Doch mittlerweile ist Habeck ständig auf Tour in Ostdeutschland. Und in Städten wie Jena, Rostock oder Leipzig sind die Grünen bei den letzten Landtagswahlen stärkste Kraft geworden, zum ersten Mal seit dem Mauerfall.

Mit wem werden sie verglichen?

Sie: Man könnte bei Baerbock auf Jacinda Ardern, die neuseeländischen Regierungschefin, kommen. Oder auf Finnlands Sanna Marin. Beide junge Frauen wie Baerbock. Beide kompetent, selbstbewusst und durchsetzungsstark. Tut aber kaum jemand. Stattdessen denkt man bei Baerbock als Allererstes an eine: Angela Merkel.

Er: Seit der Spiegel 2008 den „Brad-Pitt-Faktor“ in Robert Habeck entdeckte, ist eine ganze Armee gutaussehender Männer aus Hollywood (James Dean), Märchen (Robin Hood) und Weltpolitik (der grüne Trudeau, der deutsche Macron) herangezogen worden, um den Mann in Bildern zu fassen. Neu hinzugekommen seit der Sache mit den Pferden: Roy Black.

Ein typischer Satz: 

Sie: „Die Klimarevolution wird so verrückt werden wie ein Bausparvertrag.“

Er: „Ich schütze mich nicht, sondern ich mache mich so angreifbar wie möglich. Politik geht nicht im Panzerkorsett.“

Darum sollte sie Kanzlerin werden: 

Weil sie nerven- und entscheidungsstark ist und sich weder von einem Söder noch einem Shitstorm so schnell aus der Ruhe bringen lässt.

Und darum er: 

Weil er als Minister gezeigt hat, dass er Regierungsverantwortung tragen kann, pragmatisch, aber mit klaren Visionen – und dabei so nahbar geblieben ist, dass man sofort ein Flens mit ihm trinken würde.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.