Berlin - Der Hamburger Spiegel hat es geschafft! Er hat in der Ausgabe vom 25. Mai 2021 einen reflektierten Text über den Osten veröffentlicht, in der sich der Soziologe Steffen Mau, geboren 1968 in Rostock, positiv über die Renitenz des Ostens äußert. „Im Land der Widerborstigen“ heißt der Essay, in dem Mau scharfkantige Intellektuelle wie Wolfgang Thierse oder Sahra Wagenknecht und den Protestwillen von Prominenten wie Jan Josef Liefers würdigt. Plötzlich steht da ein Text in einem westdeutschen Leitmedium, in dem nichts zu lesen ist vom Jammerossi oder vom abgehängten Ex-DDR-Bürger. Frühere Spiegel-Texte und -Titelgeschichten waren dem Osten nicht immer so wohlgesonnen, wie man den hier veröffentlichten Bildmotiven entnehmen kann. Ist das eine Kehrtwende? Die Redaktion der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung sagt jedenfalls „Danke!“ und gibt den Kolleginnen und Kollegen vom Spiegel und von anderen westdeutschen Medien ein paar Vorschläge in die Hand, welche Themen jetzt 30 Jahre nach der Einheit neu aufgearbeitet werden könnten. Vielleicht ziehen Süddeutsche Zeitung und F.A.Z. bald nach? Pünktlich zur Wahl in Sachsen-Anhalt, wo der Frust der Menschen auch (klar, nicht nur!) damit zu tun hat, wie sie jahrzehntelang in den westdeutschen Leitmedien porträtiert wurden. Schreiben Sie uns Ihr Feedback an: briefe@berliner-zeitung.de

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Die Entwürdigung von Diplomaten: Billiger als Rotkäppchen-Sekt

Die Immobilien der DDR-Botschaften übernahm Deutschland einig Vaterland gerne, auch deren Meißner Porzellan, sogar die Vorräte an Rotkäppchen-Sekt. Die Menschen im diplomatischen Dienst waren mit dem 3. Oktober 1990 zum verstrahlten Restmüll der Geschichte geworden. „Von denen nehmen wir keinen“, soll Hans-Dietrich Genscher, liberaler Bundesaußenminister, gesagt und damit aus der Lameng das Urteil über 2172 hochqualifizierte Leute gesprochen haben. Den Rest gab ihnen der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages, der das Budget für die Übernahme verweigerte.

Die neue Staatsmacht bildete sich ein, locker auf die Expertise dieser Männer und Frauen verzichten zu können. Sie kannten sich vor allem in den ehemaligen Bruderstaaten im Osten und Süden aus. Die Netzwerke, Freundschaften, Insider- und Sprachkenntnisse – all das, was den Wert von Diplomaten ausmacht – wurden belächelt und verschmäht. Sicherlich gab es Leute, an deren Loyalität zu zweifeln war, aber Einzelfallprüfung gab es nicht. 23 sehr junge Leute durften bleiben. Das war’s.

Als Generalmajor Sigmund Jähn am 2. Oktober 1990 mit der Auflösung der NVA arbeitslos dastand, sorgte sein westdeutscher Astronautenkollege Ulf Merbold dafür, dass Jähn Berater im russischen Raumfahrtzentrum wurde – Kulturdolmetscher für die Raumfahrer in Ausbildung. Alle waren begeistert. Kein Diplomat hatte dieses Glück – nicht in der Entwicklungshilfe, nicht in internationalen Organisationen oder Kulturbüros. Wie viel Tölpelhaftigkeit gegenüber Russland und anderen Staaten hätten sie vermeiden können!

Der traditionell stolze Stand sank tief. Botschafter jobbten als Taxifahrer, Currywurstbrater oder Reiseführer. Manche machten in Ex- und Import, handelten mit Bettwäsche, verkauften ihr Wissen an die Industrie oder verließen das Land. Am schlimmsten blieb die Kränkung.

Warum aber die Schärfe im Westen? Einer der westdeutschen Einheitsgestalter sagte mir vor wenigen Jahren nach viel gutem Wein: „Wir haben so unser Trauma bewältigt, dass bei uns in der Nachkriegszeit viele Nazis in Spitzenpositionen saßen.“ Maritta Tkalec

„Doppelt diktaturgeschädigt“: Die Treuhand-Ignoranz des Westens

Ausgerechnet in einer Bar in New York hatte ich den größten Streit über den Osten. Es war vor sieben Jahren, ich war mit Freundinnen unterwegs, zwei Amerikanerinnen, einer Schwedin, einer Deutschen. Die Deutsche hatte ihren Mann mitgebracht, Ralf, einen Manager aus Köln, er kam direkt vom Flughafen in die Bar. Sie sagte zu ihm: Anja kommt übrigens aus dem Osten. Da kennst du dich doch auch aus, Ralf?

Ralf nickte und begann zu schwärmen, von den Aufbruchsjahren nach der Wende, der besten Zeit seines Lebens. Ich freute mich, es kam nicht oft vor, dass jemand aus dem tiefen Westen den Osten kannte und dann noch gut über ihn redete. Ich dachte, Ralf meinte die Nachwendeanarchie oder hatte tolle Menschen kennengelernt, schätzte deren Direktheit und Lebenslust – wie ich. Aber Ralf meinte etwas anderes: Er hatte Anfang der 90er-Jahre für die Treuhand DDR-Betriebe aufgelöst, er schwärmte nicht von den Ost- sondern von den Westdeutschen, mit denen er zusammen mein Land abgewickelt hatte. Ich fragte ihn, ob er jemals darüber nachgedacht habe, dass Ostdeutsche diese Zeit völlig anders erlebt haben, weil sie ihre Jobs verloren, weil alles zusammenbrach. Ich erzählte ihm von meinem Vater, der Chemieprofessor an der Akademie der Wissenschaften gewesen war und mit seinen Kollegen jahrelang versucht hatte, sein Institut zu retten, wie er zum Schluss nur noch mit amerikanischen Wissenschaftlern zusammenarbeitete, wie er an einem Herzinfarkt starb, mit 59.

Ralf erwiderte, die Ostdeutschen hätten es doch nicht anders gewollt und mein Vater sei selbst schuld gewesen, eben unfähig, sich neu zu erfinden, doppelt diktaturgeschädigt. Durch Hitler und die DDR. Er klang so ähnlich wie der ostdeutsche Ostbeauftragte Wanderwitz am vergangenen Wochenende vor der Wahl in Sachsen-Anhalt. Ich sagte Ralf, dass mein Vater am Ende des Krieges erst sieben Jahre alt und in der DDR nie Mitglied der Partei gewesen war, ein leidenschaftlicher Wissenschaftler, wie es sie in jedem Land gab. Mit Diktatur habe das nichts zu tun. Und was er sich eigentlich einbilde, ihn einzuschätzen, obwohl er ihm nie begegnet war. Ich schrie Ralf an. Weil es so laut war in der Bar und ich so wütend war. Meine Freundinnen sahen erstaunt zu. Sie verstanden nicht, worüber sich die beiden Deutschen stritten. Sie sagten mir später, so hätten sie mich noch nie erlebt.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich, dass es keinen Sinn hat, Westdeutschen den Osten zu erklären, ich wollte es nie wieder tun. Aber ich kann es nicht lassen. Ich gebe nicht auf. Anja Reich

Die vergessene Ostkunst

Er schimpfte sie „Arschlöcher“. Der 1958 in den Westen gegangene Maler Georg Baselitz hatte nach dem Mauerfall kein gutes Wort für Kollegen im Osten. 1990 tönte der Malerfürst: „Es gibt keine Künstler in der DDR.“ Beleidigt empört reagierten die Geschmähten, verlangten mit Recht Differenzierung zwischen hochdotierten „Staatskünstlern“ und der Masse von Kreativen aller Disziplinen, deren Arbeit beliebt war, weil sie den Alltag bunter machte und Probleme verhandelte, die in den parteigelenkten DDR-Medien nicht stattfinden durften. Wie sonst erklärt sich das Phänomen, dass alle fünf Jahre – im Turnus wie die Kasseler Documenta – ein Millionenpublikum (freiwillig!) zur Zentralen Kunstausstellung nach Dresden pilgerte?

Ein altes Sprichwort besagt: „Durch die Gasse der Vorurteile muss die Wahrheit ständig Spießruten laufen.“ Nun, die Künstlerschaft im Westen hatte gut ausgebildete Konkurrenz bekommen. Das Verdikt wuchs sich nach der Wiedervereinigung fatal aus, ermunterte die Kalten Krieger. Ja, der Großteil der Kunst in der DDR war figürlich. Aus Tradition. Das gab dem Hochmut der westlichen Abstrakten, die sich für die alleinige Nachkriegsavantgarde hielten, samt ihren Händlern und Kunstverwaltern, Stoff, Figürliches als „reaktionär“ zu verachten. Selbst wenn diese Kunst auf Cézanne, Beckmann, Kirchner oder Picasso zurückging.

Das Menschenbild hatte im Osten obersten Rang, derweil sich im „Sozialistischen Realismus“  immer mehr die Bildsprache der Moderne durchsetzte, die gesellschaftlichen, politischen Zustandsschilderungen als Gleichnisse und Metaphern lesbar wurden. Und wie das Publikum das zu lesen vermochte! Es brauchte 30 Jahre für den deutsch-deutschen Bilderstreit, etliche unerträglich herabsetzende Ausstellungen und viele heftige Debatten, die auch halfen, zu versöhnen. Und heute? Bei vielen älteren Künstlern im Osten sitzt die Schmähung noch tief und sie fühlen sich bis heute übergangen. Für die prosperierende junge Szene aber spielen Osten oder Westen kaum mehr eine Rolle; für die alten ideologischen Grabenkämpfe hat sie nur noch Kopfschütteln übrig. Ingeborg Ruthe

Der Palast der Republik: Ein Abriss ohne Verstand

Er gehörte nicht zu meinen Stammlokalen, der 1976 eingeweihte Palast der Republik auf dem Marx-Engels-Platz, heute wieder Schlossplatz. Zu viele Lampen, zu viele pathetische Bilder von der Utopie des Lebens im Kommunismus, in dem keiner mehr Bedürfnisse haben würde, weil alle Bedürfnisse befriedigt seien. Aber es gab da gute Rockkonzerte, sogar Udo Lindenberg durfte singen. Und eine Bowlingbahn, gutes Essen in den Restaurants und auf den roten Ledersofas im Foyer durfte sich die Jugend fläzen, ohne von Ordnungswächtern ermahnt zu werden. Die Leute hatten Spaß im DDR-Volks-Palast, den das Volk, der große Lümmel, „Erichs Lampenladen“ nannte.

Die Rache der Geschichte wollte es, dass die neue Berliner Republik das Haus nicht mehr wollte, es symbolträchtig für das von Ulbricht gesprengte Stadtschloss der Hohenzollern durch das Museum Humboldt-Forum ersetzte. 2007 begann der Abriss, 2013 der Schloss-Neubau. Unzählige Demonstranten, auch aus dem Westen, wandten sich gegen den vom Bundestag beschlossenen Abriss. Vergebens. Kein Gedanke an Sanierung und Einbeziehung in einen Neubau für das Humboldt-Forum. 5000 Tonnen Spritzasbest wurden zum Argument. Im Westberliner ICC wurde nicht weniger Giftstoff verbaut. Der Koloss steht heute noch. Die Kunstwerke aus dem Volkshaus Ost landeten im DHM-Depot, das Inventar auf dem Trödel.

Der Begriff „Denkmalsturz“ machte die Runde durch die Welt, als politisch-religiöser Ikonoklasmus. Vor allem Künstler waren wütend, übernahmen dann auch die „Letzte Ölung“. Auf dem Dach ragten die weithin sichtbaren Lettern ZWEIFEL, und die mächtige Bauwanne des skelettierten Palastes wurde mit Wasser der Spree geflutet. In Paddelbooten nahmen wir Abschied vom Haus. Beschämenderweise war das eine spektakuläre Gaudi. Angesichts des Disney-Schlosses, dessen brutalistische Ostfassade viel hässlicher ist als die des geschleiften Palastes, kommt mir Kafka, der Sprachmeister des Vertrackten und Absurden, in den Sinn, sein Spruch: „Das eigentlich Charakteristische dieser Welt ist ihre Vergänglichkeit.“ Ingeborg Ruthe

Der Alltag: Manchmal ganz normal

Mein Onkel war als junger Mann mal lange im Sudan. Er war als Fotograf bei einer Ausgrabung dabei, hinterher erzählte er von merkwürdigen Hammelgerichten, die er gegessen hatte. Es gibt Fotos von ihm, wie er im Schneidersitz in der Wüste sitzt, langhaarig und sonnenverbrannt. Farbfotos natürlich. Polaroids. Mein Onkel hatte nie einen festen Job, konnte aber jeden Bob-Dylan-Song perfekt nachspielen und wohnte mal in einer besetzten Wohnung.

Mein Vater hatte zur gleichen Zeit einen festen Job, aber eigentlich lebte er fürs Tennisspielen. Er spielte sehr gut, pfefferte seinen Schläger in die Ecke, wenn es mal nicht lief, und reiste für Matches durch die halbe Republik. Er liebte die Beatles, die Beach Boys und Tina Turner und rauchte Marlboros. In meinen Kinderschuhen hing oft der rote Sand vom Tennisplatz in Pankow, auf dem er trainierte, weil er meinen Bruder und mich am Wochenende oft mitnahm. Ich habe als Kind sehr viel Zeit auf Tennisplätzen verbracht, obwohl ich selbst kaum gespielt habe, und hatte oft roten Sand in den Schuhen.

Rot, da war es, das Wort! Irgendetwas muss in einem Text über das Leben in der DDR doch rot sein, und sei der Text noch so kurz. Man müsste eigentlich auch erklären, wie die Westzigaretten in den Text hineingekommen sind. Und in unser Leben. Das passt doch alles so nicht zusammen. Man müsste einordnen, rechtfertigen, verteidigen, oder man musste, in den letzten 31 Jahren.

Es gebe zu wenige Romane über die DDR, die die Seele der kleinen Mitläufer ausleuchten, habe ich gerade erst in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Ich kann schwer erklären, warum mich solche Forderungen so müde machen, denn es war alles gut erklärt, der Autor sehr belesen. Ich habe gerade nicht mal mehr Lust, einen Witz zu machen, in dem das Wort „diktatursozialisiert“ vorkommt. In der DDR gab es übrigens sogar eine Tenniszeitschrift. Mein Vater war mal auf dem Titelbild. Wiebke Hollersen

Die Medien

Neulich feierte der Deutschlandfunk den 100. Geburtstag eines Moderators, über den ich wenig bis nichts wusste. In der Sendung „Medias Res“ lief ein sehr berührender Beitrag über das Leben eines Mannes, der wegen des Holocaust zum Waisen wurde und trotzdem in Deutschland blieb und schließlich die beliebte Sendung „Dalli Dalli“ moderierte. Doch in der Einleitung zum Beitrag hieß es: Deutsche Fernsehzuschauer können sich noch an Hans Rosenthal erinnern. Ist es denn wirklich so schwer, einmal zu sagen: „die Zuschauer im Westen des Landes“?

Wenn einfach immer so getan wird, als hätte ein Teil des Landes einfach nicht mitbekommen, dass es schon längst dazugehört hat, ist es kein Wunder, dass sich eine gewisse Müdigkeit einstellt. Im Spiegel war im Jahr 2019 eine große Reportage abgedruckt, in der die Autorin Deutschland anhand einer Bundesstraße beschreibt. Sie hatte einen ähnlichen Text 2004 schon einmal geschrieben und wollte jetzt noch einmal sehen, was sich verändert hatte. Der Text „Blühende Kreisverkehre“ wurde als „Deutschlandreise“ beworben, und irgendwie war er das auch: Die B3, auf der die Autorin zweimal dem ganzen Land auf den Zahn fühlt, führt von Hamburg über Niedersachsen und Hessen nach Baden-Württemberg. Der Text war für den Reporterpreis nominiert. Er ist wirklich gut geschrieben. 

Warum wundert sich der Spiegel ernsthaft, dass er nur vier Prozent seiner Leser im Osten des Landes hat und nicht gegen die Super-Illu ankommt? Schon klar, der Text im Heft „So isser, der Ossi“ ist total differenziert. Das Cover sollte nur den Verkauf ankurbeln. Also: Im Westen, denn nur an den Leser richtete sich dieser Titel. Autoren, die den Osten für das Magazin betreuen, hängen sich zwar das Spiegel-Cover mit dem Ampelmännchen riesig in ihre Eingangshalle, aber sie haben es in all den Jahren nicht geschafft, den Rest der Magazin-Mitarbeiter für einen anderen Blick auf diesen Teil des Landes zu gewinnen.

Die Medienwissenschaftlerin Mandy Tröger (schon klar, Mandy, haha) brachte neulich eine Arbeit heraus, in der sie mehr als 100 Zeitungen auflistete, die kurz nach dem Mauerfall gegründet wurden. Keine einzige überlebte, weil sich vier große Verlage aus dem Westen direkt nach dem Mauerfall die 16 Bezirke oder fünf Bundesländer untereinander aufteilten. In Trögers Arbeit wird der Osten als ein lesehungriges Land beschrieben. Die ziemlich hässlich gelayouteten Seiten aus Mini-Verlagen schafften zum Teil Auflagen von 40.000 Stück. Aber reden wir lieber von etwas anderem, oder? Sören Kittel

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.