Berlin - Es beginnt mit einer militärischen Trauerzeremonie auf einem Flughafen: Hauptkommissar Falke (Wotan Wilke Möhring) steckt in der Uniform der Bundespolizei und trägt einen Kollegen im Sarg auf seinen Schultern. Der verdeckte Ermittler hatte Kontakte zu russischen Waffenhändlern angebahnt und saß in einem Flugzeug, das auf dem Weg nach Zypern explodierte.

Die ersten 18 Minuten des „Tatorts“ sind die besten: Sehr dicht werden hier die Perspektiven der Bundespolizisten in der Leitstelle mit dem Geschehen um den V-Mann verbunden. Danach aber herrscht ein regelrechter Druckabfall.

Wie eine Tolstoi- oder Tschechow-Verfilmung

Seltsam: Der „Tatort“ des NDR will mit dem Waffenhandel zwischen Russland, der Ukraine und dem Nahen Osten spielen, konzentriert sich dabei aber auf eine einzige Familie, die aus Russland stammt und in Hamburg residiert. Familiär geht es weiter: Um den Anschlag zu klären, bei dem auch der Neffe des Firmenchefs starb, wird ausgerechnet die Tochter des Patriarchaten rekrutiert. Maria (Tatiana Nekrasov) hat bisher als Polizistin bei der „Sitte“ gearbeitet, mit Methoden, wie sie nur Drehbuchautoren einfallen können: Sie stellte sich als Prostituierte auf die Straße und stellte dann die Zuhälter.

Dass dieser „Tatort“ immer privatere Kreise zieht, lag auch am Corona-Dreh im letzten Sommer: Regisseur Niki Stein musste sein Drehbuch umarbeiten, Massenszenen streichen. Er wollte die russischen Kriminellen nicht als kahlrasierte Muskelprotze zeigen, verfiel dabei aber in ein anderes Klischee: Seine Russen sehen alle aus wie in einer Verfilmung von Tolstoi oder Tschechow.

Das Duo wirkte schon eingespielter

So zitiert der Patriarchensohn Andrej (Nikolay Sidorenko) den unvermeidlichen Satz aus „Anna Karenina“ – „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise“ – und ist kostümiert wie ein Landadliger im 19. Jahrhundert. Es fehlen nur die Pluderhose und die Balalaika. Sein Vater Igor (Wladimir Tarasjanz) wirkt wie Ilja Rogoff – der Mann aus der Knoblauchpillen-Werbung.

Glaubwürdiger ist der Konflikt der Kommissare gezeichnet. Julia Grosz (Franziska Weisz), zur Hauptkommissarin befördert und zum ersten Mal als Einsatzleiterin tätig, steht unter Druck, unterschlägt Kollege Falke wichtige Details. Erst zum Finale agieren die beiden wieder als Team. Das Duo wirkte schon eingespielter – und ihre Fälle waren auch schon sorgfältiger konstruiert.

Tatort: „Macht der Familie“ – So, 18.4., 20.15, ARD

Wertung: 2 von 5 Punkten

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