Berlin - Modern Talking sind ja gefühlt in Russland immer noch unser wichtigstes deutsches Exportprodukt. Auch wenn Sie es nicht hören wollen. Das Popduo gab 1987 – nur wenige Jahre bevor der gesamte Ostblock implodierte – in Moskau ein legendäres Konzert. Eine halbe Millionen Menschen jubelten Dieter Bohlen und Thomas Anders auf dem Roten Platz zu. Mehr Ehre geht nicht. Und die Hits des Duos geistern noch heute durch die Köpfe ehemaliger Sowjetbürger. Meine russische Schneiderin Gala Greine etwa hört sie in ihrem Studio in Wilmersdorf. Letztens lief Cheri Cheri Lady. Frau Greine hat mich angeschaut und unheimlich gelächelt.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung am 8. Mai 2021 erschienen. Die Wochenendausgabe der Berliner Zeitung finden Sie jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

In der Ausgabe vom 15. Mai 2021 im Blatt: 
Der Lieferdienst Gorillas: Was steckt hinter dem Berliner Unternehmen, das auf eine Milliarde geschätzt wird?

Steffen Uhlmann war einer der ersten ostdeutschen Reporter beim Spiegel. Für Ruhm ging er auf Stasi-Jagd

Ist Gendern die Lösung? Unser Autor sagt „Nein“ und zeigt, warum. Auftakt einer Serie über gerechte Sprache

In Israel eskaliert der Konflikt. Unsere Autorin berichtet aus Tel Aviv

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Das Schöne daran: Nicht nur wir Deutschen haben einen Kult mit zweifelhaften Ruf nach Russland exportiert. Sondern auch die Sowjets haben uns ein ähnliches Produkt vermacht. Es wiegt 1,3 Tonnen, hat 83 PS, erinnert vom Design an einen Basketballschuh und hört auf den erotischen Namen Niva. Der Niva ist ein einfacher Geländewagen von der Größe eines Renault Twingo, wird seit 1976 im Lada-Werk in Toljatti am Unterlauf der Wolga produziert und ist heute das Auto der Hipster in Berlin. Junge Familien und Start-Upper rumpeln mit ihm durch Mitte und Kreuzberg und sehen dabei immer total glücklich aus.

Sympathische Knutschkugel

Warum? Erst einmal, weil der Wagen mit einem Grundpreis von 12.990 Euro nur etwa ein Zehntel von einer Mercedes G-Klasse (dem Auto der Neuköllner Clanchefs) kostet. Eine sympathische Knutschkugel also, dessen Erfolg die Berliner Zeitung am Wochenende, mit einer Probefahrt durch Brandenburger Rapsfelder und Wälder (die ähneln mit ihrem hohen Nadelholzanteil noch am ehesten der russischen Taiga) auf den Grund gehen will.

Schon auf dem Weg zum Autosalon von Lutz Schabanowski in Ahrensfelde – einem von zwei Lada-Händlern in Berlin – lohnt es sich den ADAC-Test zu studieren. Humorlos heißt es dort: fehlende Sicherheitssysteme des Lada seien im heutigen Straßenverkehr nicht mehr tolerierbar. Testergebnis mangelhaft.

Dabei sieht das neueste Modell, das uns Herr Schabanowski auf seinem Hof zeigt, gar nicht gefährlich aus. Es heißt Taiga 4x4 Urban, hat Leichtmetallfelgen und statt einer Stahlstoßstange eine aus Kunststoff mit LED-Scheinwerfern. Die Vollausstattung heiße jetzt „Black Edition Cool & More“, sagt Herr der Händler. Das höre sich edel an, dabei habe sich an dem Wagen seit 45 Jahren nichts verändert, sagt der Händler. „Cool“ stehe lediglich für Klimaanlage und „More“ für Sitzheizung: „Das ist alles.“

Die Probefahrt beginnen wir mit Schabanowskis acht Jahre altem Niva. „Es sollte schon das richtige Lada Erlebnis sein“, sagt der Mann und händigt uns die Schlüssel aus. Und so geht es los über die Dorfstraße Richtung Stadtgrenze, wir lassen den Motor kurz aufheulen – kleiner Bär ganz groß – und biegen hinter dem sowjetischen Soldatenfriedhof auf den Waldweg neben der S-Bahn-Trasse ein. Ein ideales Terrain für dieses kleine russische Ungeheuer.

Bastian Thiery
Kein frustrierter Bauer, sondern ein zufriedener Lada-Fahrer.

Symphonische Wucht

Das sich, dass merken wir schnell, auf zugefrorenen Flüssen östlich des Urals oder im Altai-Gebirge sowieso viel wohler fühlt, als auf einer sauber asphaltierten Straße. Der weichgefederte Stahlrahmen kommt mit groben Schlägen bestens zurecht. Im Gelände entfaltet der Niva die Wucht von Schostakowitschs Leningrader Symphonie.

Im Innenraum ist eher Tschaikowski‘s Schwanensee Thema. Denn der Niva ist zwar ein echter Russe, aber auch der hat eine sehr verletzliche, weiche Seele. Und so muss der einfühlsame Fahrer beim Lada den langen Schaltknüppel auch vorsichtig und sanft in die richtigen Gänge stochern.

Und diese eingesetzte Liebe, färbt ab und sorgt beim Fahrer dann für immer bessere Laune. Einen Umstand, der sich beim rationalen ADAC-Tester nicht einstellen wollte: „Bringt man am Schalthebel Zugkräfte auf, so zerfällt er in mehrere Teile – eine Weiterfahrt ist ohne handwerkliches Geschick nicht mehr möglich.“

Das wollen wir Herrn Schabanowskis Lada nicht antun. Wir biegen auf die Ahrensfelder Chaussee zurück Richtung Urbanität, beschleunigen sanft von Null auf 100 in 32 Sekunden. Wir kurbeln die Fenster herunter. Auch weil wir uns unterbewusst an den ADAC erinnern: „Im Innenraum lässt sich nichts mehr schönreden. Hier dominiert hässlicher, billig wirkender Kunststoff, der für sehr unangenehme Gerüche im Fahrgastraum sorgt.“ Uns ist zwar nichts aufgefallen, aber eine Zigarette wird alle unangenehmen Gerüche schon vertreiben. Sie sorgt sie für ein rundes kerniges Bild. Das hat Spaß gemacht.

Zurück im Autosalon empfängt uns Herr Schabanowski breit grinsend zur Nachbesprechung. Er wolle uns mal was ganz generelles zum Fahrzeug und zum neuen Kunden verraten, sagt er. Generell könne man sagen: „Einen Lada sind früher eigentlich nur Loser und ewig gestrige gefahren.“ Zu DDR-Zeiten und in den frühen 90er Jahren sei das ein Auto für knauserige Parteimänner mit roten Biesen gewesen. Ein unangenehmes „Schmuddel-Klientel“, das alles mit Wäscheklammern repariert haben wolle.

„Heute hat sich das total gewandelt“, sagt Schabanowski. Er habe jetzt eben neue Kunden: Hipster aus Mitte, Rechtsanwälte mit Jagdleidenschaft, Ärzte, Golfspieler oder Frauen mit Pferdehöfen. „Heute ist der Wagen ziemlich schickimicki“, sagt er, „ich kann davon immer besser leben.“

Der Grund: Auch wenn der Korrosionsprozess schon im Werk in Russland einsetzen würde, sei das von den Kunden doch fast so gewünscht, sagt Schabanowski. Und für 17.490 Euro in der Vollausstattung könne sich diese Unvernünftigkeit doch fast jeder leisten, oder?

Bastian Thiery
Kleiner Bär ganz groß: der Lada Niva heißt jetzt Taiga.

Testergebnis: Volle Punktzahl. 5 von 5 Punkten.

Lutz Schabanowski, Auto Service Falkenberg, Dorfstraße 14, 13057 Berlin.