Berlin - Mein Höhepunkt diese Woche? Ganz klar: Der Landesparteitag der Berliner Grünen, auf dem die Spitzenkandidatin Bettina Jarasch gefragt wurde, was sie als Kind gerne geworden wäre. „Indianerhäuptling“, sagte Jarasch spontan, was zu einem Aufschrei unter den Delegierten führte. Weil das Wort „Indianer“ bei den Berliner Grünen schon länger verboten ist. Korrekt muss es heißen: „Ureinwohner Amerikas“. Bettina Jarasch zeigte sich später von sich selbst schockiert, sprach reumütig von „unreflektierten Kindheitserinnerungen“ und sagte: „Auch ich muss noch viel lernen.“ Mich erinnert das an die stalinistischen Schauprozesse in den 50er-Jahren, als die kommunistischen Abweichler sich öffentlich selbst geißeln mussten, um einer Deportation nach Sibirien zu entgehen. Interessant ist, dass es hier ja um Bettina Jaraschs Kindheit geht, in der das Wort „Indianerhäuptling“ vermutlich ähnlich harmlos klang wie das Wort „Vollkornbrot“.

Aber offenbar ist mittlerweile auch die Erinnerung verboten, wenn sie nicht mit der aktuellen Doktrin übereinstimmt. Was hätte Bettina Jarasch also sagen sollen, wenn sie sowohl ihren Kindheitserinnerungen als auch den Aktivisten ihrer Partei hätte treu sein wollen? Vielleicht: „Ich wollte Anführerin der Ureinwohner Amerikas werden.“ Aber klingt das nicht (abgesehen von der kulturellen Aneignung) ziemlich verrückt? Oder hätte sie ihre Kindheit besser gleich korrigieren sollen, etwa mit dem Satz: „Ich wollte schon mit sieben Jahren Genderbeauftragte werden.“ Interessant finde ich auch, dass es nur der Indianer war, der die Delegierten gestört hat.

Was ist denn mit dem Häuptling? Ist es für die grünen Parteifrauen hinnehmbar, dass ihre Spitzenkandidatin mal eine männliche Führungsfigur werden wollte? Denn um das Thema Sexismus ging es natürlich auch auf dem Landesparteitag der Grünen. Auch da hat man sich offenbar ein wenig von den stalinistischen Schauprozessen inspirieren lassen. Männliche Kandidaten mussten öffentlich erklären, warum sie sich selbst für geeigneter halten als zum Beispiel eine junge Frau mit Migrationshintergrund. Außerdem mussten alle Männer Rechenschaft darüber ablegen, ob sie sich bereits kritisch mit ihrer Männlichkeit auseinandergesetzt haben.

Ich weiß, das klingt gerade total ausgedacht, geradezu gespenstisch, aber es ist alles wahr. Ich schwöre! Denn so sehen diese Aktivisten die Welt, die im Grunde nur aus ewigen Tätern und ewigen Opfern besteht. In ihren Augen sind wir Menschen keine Individuen, sondern vor allem Angehörige einer Geschlechtergruppe oder einer Ethnie, die für ihre Interessen kämpfen. Ein weißer Mann kann nicht gut sein, eine junge Frau mit Migrationshintergrund kann nicht schlecht sein.

Der Psychologe und Harvard-Professor Steven Pinker, einer der bedeutendsten Denker unserer Zeit, warnt uns Europäer davor, es so weit wie in Amerika kommen zu lassen, wo die Woke-Aktivisten (ja, sie nennen sich die Erwachten) das Land mit ihrem spalterischen Terror überziehen und jeden Dialog oder Versöhnung unmöglich machen. Es sind religiöse Eiferer, die alle anderen, die nicht exakt so wie sie denken, zu Feinden erklären. Sie geben vor, gegen Rassismus und Sexismus zu kämpfen, und sind selbst die schlimmsten Rassisten und Sexisten, die es gibt. Mir macht das alles ganz schön Angst. Nicht nur, weil ich ein weißer Mann bin, sondern weil ich mich irgendwie auch daran gewöhnt habe, selbstständig zu denken. Ich wollte als Kind übrigens immer Cowboy werden, das hätte auf dem Grünen-Parteitag vermutlich für eine Erschießung gereicht.