Berlin -  Der deutsche Unternehmer Lars Christian Wilde war 2016 depressiv. Ein Freund war plötzlich gestorben und bei seiner Freundin wurde eine schwere Krankheit diagnostiziert. Zu viel auf einmal, Wilde hatte plötzlich Angstzustände und Panikattacken. Die Antidepressiva schlugen nicht an.

Heute ist der in Deutschland geborene Wilde ein glücklicher Mensch. Denn seit kurzem ist seine amerikanische Firma Compass Pathways mit Hauptsitz in London an der Börse mehr als eine Milliarde Euro wert. Die Biotech-Firma forscht an einer Psilocybin-Therapie, die noch in diesem Jahr bei staatlichen Regulierungsbehörden in den USA und weltweit zugelassen und von Krankenversicherungen bezahlt werden soll. Die Therapie mit Magic Mushrooms (halluzinogenen Pilzen) als Kassenleistung, dazwischen liegen fünf Jahre und die eigene psychedelische Erfahrung, die Wildes Leben umgekrempelt hat und seine Depressionen gelindert hat.

Mehr als 300 Millionen Menschen weltweit leiden unter Depressionen, Angstzuständen und anderen seelischen Erkrankungen. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts leidet in Deutschland fast jeder dritte Erwachsene an einer psychischen Erkrankung. Und geht es nach Menschen wie Wilde, soll die Therapie mit Heilpilzen neue Hoffnung spenden. Und an der Börse nach dem Boom von Cannabis-Aktien den nächsten Hype einläuten.

Hedgefonds-Milliardär Mike Novogratz und weitere Investoren

Als im November der US-Bundesstaat Oregon als erster Staat die medizinische Verwendung von Psilocybin legalisiert hatte, schnellte der Aktienkurs von Compass Pathways um fast 80 Prozent nach oben. Die US-Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) sieht zukünftig einen großen Bedarf für die Therapie und beschleunigt das Zulassungsverfahren als sogenannte „breakthrough therapy“. Und wo das nächste große Ding gedeiht, ist Peter Thiel nicht weit. Der deutsche Starinvestor ist ebenso an Compass Pathways beteiligt, wie der Hedgefonds-Milliardär Mike Novogratz und der deutsche Seriengründer Christian Angermayer, der mit dem Berliner Unternehmen Atai Life Sciences jetzt eine Art psychedelischen Inkubator gegründet hat.

Angermayer gehört inzwischen zu den bekanntesten Investoren Europas. Er hat zahlreiche Unternehmen aufgebaut und mit seiner Investmentfirma Apeiron in Biotech-Startups, Blockchain und Weltraumtechnik investiert. Von Berlin aus setzt er auf die wildesten Trends, und er investiert so viel Geld wie kaum ein anderer in die Erforschung der medizinischen Nutzung psychedelischer Substanzen, die heute noch teilweise verboten sind.

Von Studien namhafter Universitäten fühlt er sich bestätigt – und vorletzte Woche hat er für Atai Life Sciences die Unterlagen für einen Börsengang bei der US-Wertpapieraufsicht SEC eingereicht. Und zu den bekanntesten Investoren gehört, na klar, Peter Thiel, mit dem Angermayer seit Jahren befreundet ist.

Börsengänge am Fließband

Insgesamt 83,3 Millionen Euro will Angermayer an der Börse kassieren. Bislang hat Atai rund 300 Millionen Euro Wagniskapital eingesammelt, allein in der letzten Finanzierungsrunde Anfang März 2021 waren es noch mal 130 Millionen Euro. Das Unternehmen beteiligt sich an Firmen, die an psychedelischen und nicht-psychedelischen Wirkstoffen für die Behandlung psychischer Erkrankungen forschen.

Auch wenn scheinbar unendlich Geld bereitsteht, der Börsengang ist eine Wette. Ein Los, dass Fantasien weckt – oder zumindest wecken könnte. Immerhin arbeitet das Berliner Unternehmen in einer Branche, die über keinen legalen Markt verfügt – oder den es, optimistisch formuliert, somit noch nicht gibt. Die Substanzen, wie sie unter anderem in Magic Mushrooms zu finden sind, werden in den meisten Ländern noch als gefährliche Drogen eingestuft und sind deshalb verboten. Ein von den Zulassungsbehörden freigegebenes Mittel gibt es bisher jedoch nicht.

Immer mehr Psychologen und Neurowissenschaftler, Mediziner und Pharmakologen erforschen jedoch weltweit neben den Pilzen auch psychedelische Substanzen wie LSD, Ketamin oder MDMA zur Behandlung psychischer Erkrankungen. Im April 2019 begann am Imperial College in London das weltweit erste Zentrum für psychedelische Forschung seine Arbeit. Im September eröffnete die renommierte Johns-Hopkins-Universität in Baltimore ein Forschungszentrum, gefördert mit 17 Millionen Dollar, in dem unter anderem der Einsatz von Psilocybin gegen Alzheimer, posttraumatische Belastungsstörungen und Suchterkrankungen untersucht werden soll.

Psilocybin-haltige Pilze wachsen auch in Brandenburg

Antidepressiva, das zeigen Studien, haben bei vielen Patienten keine oder sogar negative Langzeitwirkungen. Innovationen aus der pharmazeutischen Industrie gibt es dagegen kaum. Nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller liefen 2016 nur neun klinische Studien zu Medikamenten gegen psychische Erkrankungen in Deutschland. So entsteht eine Lücke in der Versorgung, die von Wilde und Angermayer gefüllt werden könnte.

Sie forschen in einer Richtung mit einer langen Geschichte: Psilocybin-haltige Pilze wie der Spitzkegelige Kahlkopf wachsen auch in Brandenburgs Wäldern. Menschen konsumierten sie aufgrund ihrer Wirkung schon vor Jahrhunderten in religiösen Zeremonien. Ihre Erforschung begann mit dem Schweizer Albert Hofmann, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei seiner Arbeit für den Chemiekonzern Sandoz LSD aus einem Mutterkornpilz isolierte. Er testete den Stoff an sich selbst, seine Fahrradfahrt nach Hause gilt als der erste Acid-Trip der Geschichte. Wenig später isolierte er auf ähnliche Weise Psilocybin.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.