Berlin - „An der Saale hellem Strande stehen Burgen stolz und kühn. Ihre Dächer sind gefallen, und der Wind streicht durch die Hallen, Wolken ziehen drüber hin.“ Der Filmtitel wird nicht nur in der Ouvertüre und im Abspann im Chor gesungen. Auch Kriminalhauptkommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth) stimmt das Volkslied bei der Befragung mit einer charmanten Zeugin (Cordelia Wege) an. Die Saalestadt war ja schon gut sechzehn Jahre lang „Polizeiruf“-Schauplatz, und die 50 Fälle mit Jaecki Schwarz und Wolfgang Winkler blieben meist gediegen-gemütlich und spielten in einem hell-freundlichen Halle. 

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

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So wie Peter Kurths Bulle in „Babylon Berlin“

Der Autor Clemens Meyer aber zeigt die Stadt, in der er aufgewachsen ist, von einer ganz anderen Seite: Die Stadt ist düster, verwinkelt, zerschnitten von Autohochstraßen und Eisenbahngleisen. Meyer selbst ist als Karl-Jaspers-zitierender Kneipier zu erleben. Den Tatort, die Otto-Möhwald-Straße, hat er nach seinem Großvater benannt, einem stadtbekannten Künstler. Dieser „Polizeiruf“ steckt nicht nur voller Anspielungen auf seine 50-jährige Geschichte, er wirkt vor allem härter, dichter und echter als alles, was man sonst am Sonntagabend im ARD-Krimi zu sehen bekommt.

Ob die derbe Hallenser Sprache, die herben Bilder, die düsteren Klänge von Bert Wrede oder die melancholischen Musikzitate von Romantik über die Doors bis zu Renft, alles trägt zur besonderen Atmosphäre bei. Peter Kurth und Peter Schneider ergeben ein großartiges spannungsreiches Polizisten-Duo: Henry Koitzsch, der Ältere, ist jovial bis bedrohlich, pflegt zwielichtige Kontakte – fast so wie Peter Kurths Bulle in „Babylon Berlin“.

Man möchte alles noch einmal sehen

Michael Lehmann, der Jüngere, ist fürsorglich bis empathisch und geht in seiner Familie auf. Die beiden befragen nacheinander alle Menschen, die in einer Mordnacht am Tatort telefoniert haben, und diese Episoden, mal bestürzend, mal berührend, ergeben zusammen ein Panorama von kleinen Leuten, die nach Liebe, Nähe und Anerkennung streben – und alle auf ihre Weise scheitern.

Alle Rollen sind glaubwürdig mit Schauspielern der Region besetzt, keine Figur wird bloßgestellt. Clemens Meyer und der Regisseur Thomas Stuber beweisen in ihrem ersten „Polizeiruf“ einen lakonisch-grimmigen Humor, der sich an ihren Kinovorbildern wie Aki Kaurismäki messen kann. Nach dem Abspann möchte man gleich wieder zum Vorspann springen und alles noch mal sehen!

Wertung: 5 von 5 Punkten

Polizeiruf 110: „An der Saale hellem Strande“ – So, 30.5., 20.15, ARD

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