Der Jahresauftakt beim ZDF ist – alle Jahre wieder – ein sogenanntes TV-Event, meist ein Mehrteiler mit historischem Stoff. In den vergangenen Jahren erlebten interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer mit Josefine Preuß bereits eine Familiensaga im Adlon (2013), rebellierten mit Alexandra Neldel (2009) oder erfuhren mit „Tannbach“ 2015 gleich eine ganze Dorfgeschichte. Von großem Kitsch bis zu Höhepunkten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens war bei den oft üppig finanzierten und prominent besetzten Filmen alles dabei.

Das nächste Jahr beginnt diesmal mit einer Ost-West-Geschichte à la „Doppeltes Lottchen“. „Der Palast“ erzählt die Geschichte der Zwillinge Christine und Marlene (Svenja Jung in einer Doppelrolle), die kurz vor dem Mauerbau getrennt worden sind. Der westdeutsche Vater (Heino Ferch), Fan von freiheitlichem Kapitalismus, schnappt sich Tochter Marlene aus der gemeinsamen Familienwohnung in Ost-Berlin und fährt mit ihr in seine bayerische Heimat, in der Hoffnung, dass die ostdeutsche Mutter (Anja Kling) mit Zwilling Nummer zwei nachreisen wird. Doch die ist überzeugte Sozialistin, verteidigt auch Ende der 1980er-Jahre – im Gespräch mit ihrer dann wiedergefundenen „Wessi-Tochter“ Marlene – den Mauerbau als legitimes politisches Instrument, um der DDR „eine Chance zu geben“. Zwei Fronten und ein Eiserner Vorhang, der diese deutsch-deutsche Familie nicht nur geografisch trennt. Christine wächst im Osten mit einer alleinerziehenden Mutter und einem vermeintlich toten Vater auf, Marlene hat es in Bayern in einer heteronormativen Familie – der spießige Vater fand schon ein halbes Jahr nach seiner Flucht aus Berlin eine neue Ehefrau – bequem.

Die beiden Schwestern treffen sich dann eher zufällig Ende der 80er-Jahre. Christine tanzt im Friedrichstadt-Palast und Marlene ist als Vertreterin des Familienbetriebs zu Gast „in der Zone“ und wird vom Außenministerium zur Vorstellung geladen. Anschließend entspinnt sich Kästners bekannte Geschichte: Die Schwestern tauschen die Rollen. Die schüchterne, wenn auch selbstbestimmtere Ost-Tochter fährt ins piefige Bayern. Die selbstbewusste, aber in den Rollenmustern der alten Bundesrepublik verhaftete West-Tochter geht nach Ost-Berlin. Klischeehaft merken die Mütter (leiblich und angeheiratet) sofort, dass mit ihren Töchtern etwas nicht stimmt, der Vater erkennt kaum sein eigenes Kind. Unterlegt ist das Ganze mit jeder Menge Ost-West-Schlager, die mitunter zu abstrusen Anlässen gespielt werden. So wird man den Eindruck nicht los, dass die Geschichte, die nun wahrlich kaum Überraschendes erzählt, nur noch die Vorlage der 80er-Jahre-Hitparade und ausgeschmückter Tanzszenen liefern soll. So startet das ZDF zwar nicht mit einem Fernsehhöhepunkt ins neue Jahr, schön Mitsingen kann man aber trotzdem. 

Wertung: 3 von 5 Punkten

Der Palast, TV-Mehrteiler, 3 Folgen, ab 3.1. jeweils 20.15 Uhr, ZDF