Berlin - Chahrour. Wer so heißt, las Mohamed Chahrour vor ein paar Jahren in der Bild-Zeitung, kann in Berlin zwischen zwei Karrierewegen wählen: Zuhälterei oder Drogenhandel. Denn die Chahrours, so stand es da, seien einer der berüchtigtsten Clans Deutschlands, kriminell, gefährlich, dreist. Er hatte diese Geschichten so satt.

„Das Leben, das die meisten von uns führen, hat damit nichts zu tun“, sagt Mohamed Chahrour. Er arbeitet als Schauspieler und Musiker, sein Vater ist Tischler, seine Mutter Schneiderin und Putzfrau. Chahrour ist 28 Jahre alt und wohnt noch zu Hause bei seinen Eltern, in einer Dreizimmerwohnung, zusammen mit drei Geschwistern.

Jetzt sitzt er im Kreuzberger Studio von Radio Fritz, draußen das Schlesische Tor, vor dem Fenster rumpelt die U1 vorbei. In den vergangenen Monaten hat er viel Zeit hier verbracht. Zusammen mit Marcus Staiger und dem RBB-Redakteur Daniel Hirsch, die beide neben ihm sitzen, hat Chahrour in diesem Studio den Podcast „Clanland“ aufgenommen. Weil da dieser Frust war, der sich über Jahre in Chahrour aufgebaut hat, über den „Fluch des Namens“, so nennt er es. Weil er endlich mal erzählen wollte, wie das Leben im Clan wirklich ist.

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
Die Wochenendausgabe

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„Clanland“ ist erfolgreicher als „Gemischtes Hack“

„Clanland“ ist zurzeit einer der erfolgreichsten deutschen Podcasts. Die erste Folge ging Anfang Mai online, eine Woche später stand der Podcast auf Platz 1 der Charts auf Spotify, noch vor „Gemischtes Hack“ von Felix Lobrecht und Tommi Schmitt, dem Wirecard-Podcast der Süddeutschen Zeitung und „Fest und Flauschig“ von Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Und dieser Erfolg hat wahrscheinlich weniger mit Mohamed Chahrours Geschichte zu tun, mit der der Podcast beginnt. Sondern mehr mit bekannten Rappern wie Fler, Ali Bumaye oder D-Bo, die ebenfalls zu Wort kommen. Genau wie Arafat Abou-Chaker, den die Bild-Zeitung schon mal „Berlins gefährlichsten Bandenboss“ nennt. Und genau das ist die Idee: auch mit Clanmitgliedern reden, statt nur über sie. 

Abou-Chaker ist das bekannteste Clanmitglied Deutschlands, was vor allem an Bushido liegt, mit dem er erst sehr viel Geld verdiente, Arm in Arm über rote Teppiche flanierte und dem er jetzt seit Monaten im Gerichtssaal gegenübersitzt, weil er den Rapper bedroht und erpresst haben soll. Jeder Verhandlungstag wird in den Medien seziert, im Sommer soll eine Doku auf Amazon Prime erscheinen.

Abou-Chaker ist ein Grund, warum Clans in Deutschland ein Imageproblem haben, warum Clan und Kriminalität längst zu einem Wort verschmolzen sind: Clankriminalität. Mit „Clanland“ versuchen Chahrour und Staiger, den Begriff wieder auseinander zu stemmen.

Deshalb klären sie erst mal Grundsätzliches: Was das eigentlich ist, ein Clan. Eine große Familie, ja, sagt Chahrour, man teilt sich einen gemeinsamen Urvater, aber natürlich kenne nicht jeder jeden. Allein der Chahrour-Clan hat geschätzt Tausende Mitglieder. Es ist ihm schon passiert, dass er einen Cousin zufällig in einer Warteschlange kennenlernte.

Chahrour trägt an diesem Nachmittag im Studio Anzug und Schiebermütze, der Bart ist kürzer als auf dem Cover-Foto von „Clanland“, er war die letzten Tage bei mehreren Schauspielcastings, für die er sich rasieren musste. Er macht auch Kampfsport und trainiert Jugendliche. Beim Kampfsport hat er Marcus Staiger kennengelernt.

Er wusste, dass Staiger mal Chefredakteur eines Online-Musikmagazins war, dass er schreibt. Und als sie sich irgendwann mal wieder am Cage begegneten, zwei Jahre ist das jetzt her, fragte er ihn, ob er ein Buch mit ihm schreiben wollte, über Clans und Organisierte Kriminalität. Staiger sagte Ja.

Und plötzlich war Arafat Abou-Chaker am Telefon

Und wenn man Staiger fragt, warum, dann erzählt er, wie er mal diesen Arafat Abou-Chaker kennengelernt hat. Damals hatte er in seiner Kolumne einen Witz über Bushido gemacht. Es dauerte nicht lange, und er hatte Abou-Chaker am Telefon, der damals gerade so etwas wie Bushidos Manager geworden war.

„Staiger! Step mal ein bisschen zurück und friss Scheiße“, soll er gesagt haben.

Heute sagt Staiger: „Aus dem Drohanruf hat sich ein super Gespräch entwickelt.“ Am Ende organisierte Abou-Chaker ihm ein Interview mit Bushido. Heute nennt Staiger ihn „Ari“ wie einen alten Bekannten.

„Hanging with the mob, das war nie mein Ding“, sagt Staiger, „aber ich hatte auch keine Angst vor denen.“

Das ist die Moral, die diese Geschichte für ihn hat: Man kann über alles reden, und man kann mit jedem reden. Auch mit Kriminellen.

Bei Staiger begannen Sido und Kool Savas ihre Karrieren

Marcus Staiger hat vor 20 Jahren das Plattenlabel Royal Bunker gegründet, Rapper wie Sido, Kool Savas und K.I.Z. starteten dort ihre Karrieren. Heute ist Staiger 49 Jahre alt und trägt immer noch Kapuzenpulli, er ist  Aktivist, engagiert sich unter anderem bei der Initiative „Deutsche Wohnen enteignen“ und verdient sein Geld als Industriekletterer, die letzten drei Tage hat er mit Fensterputzen verbracht.

Aus dem Buch über Clans, das er und Mohamed Chahrour schreiben wollten, wurde erst mal dieser Podcast.

Es beginnt ganz amüsant, wenn Mohamed Chahrour erzählt, wie Mitschüler ihn fragten, ob er ihnen Ninjasterne besorgen kann. Oder das eine Mal, als er die Polizei rief, weil ein Radfahrer eine Beule in sein Auto gefahren hatte, und die Beamten nach einem Blick auf seinen Ausweis kommentierten: „Chahrour. Der Name bürgt für Qualität.“ Und ihn dann 45 Minuten lang verhörten.

Klar sind das Einzelfälle, aber Staiger und Chahrour haben viele dieser Anekdoten gesammelt. Im Podcast erzählt ein Mann namens Mo im besten Pfälzisch – er kommt aus Worms –, wie er mal am Neuköllner Hermannplatz von der Polizei angehalten wurde, die ihn verdächtig fand, weil er einen alten Skoda fuhr.

Jemand wie ich muss immer wieder erwähnen, dass er nicht kriminell ist.

Mohamed Chahrour

Es sind Anekdoten, die von Diskriminierung handeln, die zwar immer den Einzelnen trifft, aber am Ende ein gesellschaftliches Problem ist. Und die Konsequenzen sind handfest: Gerade erst wurde ein junger Mann, der sich bei der Berliner Polizei beworben hatte, abgelehnt, weil er mit einem straffälligen Mann aus dem Chahrour-Clan befreundet sein soll.

„Jemand wie ich muss immer wieder erwähnen, dass er nicht kriminell ist“, sagt Mohamed Chahrour. „Ich muss erst mal arbeiten, um an dem Punkt anzukommen, wo ihr startet. Staiger fragt niemand, ob seine Eltern kriminell waren.“

William Minke
Marcus Staiger and Mohamed Chahrour, Hosts des Podcasts „Clanland“.

„Clanland“ ist in den ersten Folgen sehr weit weg von dem, was man vor Augen hat, wenn man an Clans denkt: die spektakulären Einbrüche ins Grüne Gewölbe in Dresden, ins Bodemuseum, ins Kadewe, von den Überfällen, Schlägereien und Schießereien.

Der Podcast ist eine Mogelpackung, im besten Sinne, denn natürlich ist er so erfolgreich, weil es diese filmreifen Coups gegeben hat, diese Szenen, wie man sie aus amerikanischen Großstädten kennt, die aber in Wedding, Charlottenburg und Neukölln spielen.

Bilder von Luxus, Gangsterbossen und Gewalt

Die Clans faszinieren, weil uns ihre Welt so fremd erscheint. Und wo in der medialen Berichterstattung Schluss ist, weil es kaum Informanten gibt, die vom Innenleben der Unterwelt erzählen, beginnen Serien wie „4 Blocks“ oder „Dogs of Berlin“, füllen die Leerstellen mit Bildern von Luxus, von charismatischen Gangsterbossen und brutaler Gewalt.

Jetzt kommt dieser Podcast und erzählt von Clanleuten, die Skoda fahren oder mit 28 noch zu Hause wohnen. Und statt Bling Bling und Drogen gibt es erst mal einen Ausflug in die 70er-Jahre und den libanesischen Bürgerkrieg, vor dem die Clans nach Deutschland flohen.

Dort beginnt Staigers und Chahrours Suche nach einer Antwort auf die Frage: Warum werden manche Familienmitglieder kriminell und andere nicht?

Der Podcast bedient gängige Opfernarrative.

Ahmad Omeirate, Islamwissenschaftler

„Clanland“ ist immer dann besonders gut, wenn darin Geschichten erzählt werden, die viel zu selten zu hören sind: von der Ankunft in einem Land ohne Willkommenskultur, von dem Irrsinn der Behörden, dem Alltag zwischen Duldung und Abschiebung, von dem Wunsch, Teil einer Gesellschaft zu werden, die sich wenig Mühe gibt bei der Integration, von Kindheiten in zu kleinen Wohnungen und auf der Straße, von Stolz und Vorurteilen.

Dieser Versuch, zu verstehen, ist nicht ganz unproblematisch. „Der Podcast ist gut gemeint, aber er bedient gängige Opfernarrative, die auch gerne von kriminellen Clanmitgliedern gestreut werden“, sagt Ahmad A. Omeirate, er ist Islamwissenschaftler und beschäftigt sich schon lange mit dem Thema – und er trägt selbst den Namen eines großen Clans, ist in Neukölln aufgewachsen, war Mitglied in der Jugendgang „Spinne 44“, die im Podcast eine Rolle spielt.

Ihm ist es zu einfach, nur die Migrationsgeschichten, das soziale Milieu oder die Mehrheitsgesellschaft für die kriminellen Strukturen der Clans verantwortlich zu machen. „Das ist eine Täter-Opfer-Umkehr, die den Falschen in die Hände spielt.“

Arafat Abou-Chaker spricht von Sippenhaft

In den sozialen Netzwerken gibt es sie auch längst, die Gegenöffentlichkeit der Clans. Im Februar redete Arafat Abou-Chaker auf Clubhouse vor Tausenden Zuhörern über die Vorverurteilung durch die Medien, sprach von Sippenhaft. Ein Zuhörer meldete sich und verglich die Clans mit den „Juden im Dritten Reich“. Auf Instagram und YouTube taucht dieses Motiv immer wieder auf.

„Es gibt einen Unterschied zwischen Begründung und Rechtfertigung“, sagt Marcus Staiger. Felix Lobrecht, der auch in Neukölln aufgewachsen ist, habe ihm mal erzählt, dass zu einem Klassentreffen die Hälfte nicht kam. „Die waren alle im Knast, so ist das in Neukölln, und das hast du in Zehlendorf nicht.“

Fritz ist ein Jugendsender, und „Clanland“ ist kein Enthüllungsjournalismus. An seine Grenzen stößt der Podcast immer dann, wenn es ganz konkret um Kriminalität geht.

Da ist zum Beispiel einer, der eine lange Jugendstrafe verbüßt hat; als er aus dem Gefängnis kommt, darf er nicht arbeiten, acht Jahre lang muss er sich mehrmals in der Woche bei der Ausländerbehörde melden, an einer Stelle ruft er: „Wollt ihr, dass ich kriminell werde, wollt ihr unbedingt, dass ich morde, dass ich irgendwo einbreche?“

Man spürt die Verzweiflung, ahnt, dass da was nicht richtig läuft im System, und trotzdem bleibt ein ungutes Gefühl, weil man nicht die ganze Geschichte erfährt: Was er eigentlich getan hat, was die Behörden zu dem Fall sagen.

Ein anderer gibt offen zu, dass er kriminell ist, weil er es so will. Auch hier: Womit er sein Geld verdient, bleibt offen.

Post von Angela Merkel

Staiger und Chahrour sagen, dass bei dem Thema viel weggenickt und angedeutet wird. Dass es schon schwierig war, die Leute überhaupt zu bewegen, mit ihnen zu reden, obwohl Chahrour aus der Community kommt. „Es ist aber auch nicht sehr vertrauenserweckend, zu sagen: Ich will dich aufnehmen, aber erzähl mir erst mal, was du so treibst“, sagt Chahrour.

Seine Familie sei jedenfalls begeistert von „Clanland“. Seine Mutter hat sich anfangs Sorgen gemacht: „Du darfst auf keinen Fall schlecht über die Deutschen reden“, hat sie ihm immer wieder gesagt. Dann fischte sie eines Tages einen Brief aus dem Postkasten, Absender: die Bundeskanzlerin. Aufgelöst rief sie ihren Sohn an: „Ich hab’s dir doch gesagt! Sprich nicht schlecht über die Deutschen, jetzt haben wir Post von Angela Merkel.“

Chahrour lacht, wenn er davon erzählt. Er hatte zu Beginn der Recherche auch eine Interviewanfrage an die Kanzlerin geschickt. In dem Brief war nur die freundliche Absage. Über Clans wollte Angela Merkel mit ihm nicht reden.

„Clanland“, auf den bekannten Podcast-Plattformen und online bei Radio Fritz, jeden Montag kommt eine neue Folge.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.