Berlin - Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann sich unsereiner nicht erklären, und weil genau dort auch die Londoner Regenwolken herumschwirren, entspringen diesen neben den üblichen Schauern auch mal fliegende Kindermädchen, fast perfekt in jeder Hinsicht – oder, in diesem Fall, ein unbekanntes Flugobjekt, das die Stadt in magischen Glimmer taucht und jede Menge Frauen mit übernatürlichen Fähigkeiten beseelt.

Die „Berührten“ werden diese Frauen genannt: Eine kann Feuer werfen, eine andere spricht alle Sprachen, wieder eine andere bringt alles, was sie berührt, zum Schweben. Die Gesellschaft empfindet das natürlich als Zumutung, zumal wir uns im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts befinden, wo das Patriarchat des viktorianischen Klassenstaats in der sich im Umbruch befindlichen Welt ohnehin um seine Stellung bangt. In den noblen Herrenclubs geht die Klage von einer „femininen Plage“, von einem „Angriff“ und von den Gefahren durch „die Launen und Ambitionen derer, für die Ambitionen nie bestimmt waren“. In einem alten Waisenhaus finden die so Diskriminierten einen Safe Space unter der Aufsicht der Damen True (Laura Donnelly), die Visionen aus der Zukunft, und Adair (Ann Skelly), die einen sechsten Sinn für Elektrizität hat.

Der Superheld als Freak und Außenseiter, dem eine tendenziell feindliche, weil das Andere und Besondere fürchtende Gesellschaft gegenübersteht, ist keine neue Erscheinung – schon die Mutanten der „X-Men“ galten als Metaphern für unterdrückte Minderheiten. Die HBO-Serie „The Nevers“ bietet nun weibliche Selbstermächtigung in herrlicher Retro-Optik, „Wonder Woman meets Downton Abbey“, staunte der Stern – tatsächlich sehen die genialen Wunderwaffen und Gadgets, die Miss Adair konstruiert, wie proto-konstruktivistische Designobjekte aus, einschließlich eines E-Mobils, mit dem die „Berührten“ durch die Gassen Londons kacheln.

Dabei haben sie es nicht nur mit verstockten weißen Männern zu tun, sondern auch mit einem mabusischen Doktor, der mit pathologischem Werkzeug hinter das Geheimnis der Frauen zu kommen versucht, sowie einer Superschurkin, die sich mordend für die durch das Patriarchat erlittenen Verletzungen rächt.

Das ist gelegentlich ein bisschen viel, und vielleicht sieht man in der von Josh Whedon („Buffy – im Bann der Dämonen“, „Avengers“) ersonnenen Serie auch einmal zu oft junge Frauen in sehr engen Miedern kämpfen. Das trübt den Spaß aber nur geringfügig.    

Wertung: 4 von 5 Punkten

The Nevers läuft auf Sky

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.