Sie war hungrig. Eine Frau, die Reichtum, Anerkennung und Einfluss wollte – und auch erreichte. Hunderte arbeiteten für sie, liehen den mächtigsten Männern der Welt, von Charles de Gaulle bis zum Schah, ihre Körper, um deren intimste Fantasien zu befriedigen: Fernande Grudet, im Paris der 60er Jahre auch besser bekannt als „Madame Claude“. Wie ihr Pseudonym heißt nun auch die zweite Verfilmung ihres aufreibenden Lebens.

Regisseurin Sylvie Verheyde setzt in der Erzählung in der erfolgreichsten Lebensphase von Madame Claude (Karole Rocher) an und zeichnet das Porträt einer Bordellbesitzerin, die sich inmitten einer patriarchalen Welt, zwischen Schutzgeldtreibern und Geheimdiensten, zwischen Politik und Untergrund, zwischen Lust und Kapitalismus ihre Stellung gesichert hat. Doch Claude ist immer wieder zerrissen von der Skrupellosigkeit, die das Milieu von ihr fordert, die sie braucht, um die eigene Gier nach Macht und Geld zu besänftigen und ihren eigenen Gefühlen. Erst schwört sie der romantischen Liebe ab, verliebt sich dann doch, gibt sich hin, wird verletzlich – was sie vom Geschäft ablenkt.

Ein Leben zwischen Mutterrolle und Mafiaboss

Verspannt ist das Verhältnis zu ihrer Tochter, deren Erziehung sie schon kurz nach deren Geburt an die Großmutter abtrat, in einen Pariser Vorort, weit weg von ihrem eigenen Leben. Der Film behandelt so ganz nebenbei auch noch die Frage, ob eine Frau nur Mutter sein, oder auch den hochrangigen Mafiaboss performen kann, dem die säugende Rolle an sich ja so gar nicht liegt. Madame Claude kann beides. Sie hätte ohnehin gern ein Mann sein wollen, wie die Ich-Erzählstimme einwirft.

Als sie die Diplomatentocher Sidonie (Garance Marillier) anstellt, gerät ihre Position jedoch ins Wanken. Die Feinde werden aggressiver, sie bedrohen „ihre Mädchen“ und sie selbst. Mitten in den Umbrüchen der sogenannten sexuellen Befreiung zeigt „Madame Claude“ ein Leben voller Widersprüche. Einen Erfolg, der vor allem auf persönlichen und moralischen Opfern fußt.

Am besten gelingt dem Film die Ästhetik. Kostüme, Kulisse und Bilder ziehen die Zuschauerin tief in die Dramaturgie hinein. Sie lassen vergessen, was teils nur angedeutet wird. Hier wäre eine deutlichere Einbindung in den historischen Kontext sich sinnvoll gewesen. Den hätte sich Verheyden selbst sich nicht einmal ausdenken müssen.

Madame Claude, Netflix