Berlin - Es ist schon vorgekommen, dass die Polizei einen ihrer Mandanten mit dem Panzer abholen musste. Über viele ihrer Fälle kann Arabella Pooth nicht sprechen, aber dieser ist gut dokumentiert: RTL schickte ein Kamerateam und stellte ein Video ins Netz, man sieht, wie das Anti-Terror-Fahrzeug namens Survivor R durch die Spielstraßen eines Dortmunder Neubauviertels rollt, schwer bewaffnete Polizisten steigen aus. „Verbindungen zum Miri-Clan im Visier – Polizei rückt mit Panzer zur Luxuswagen-Razzia an“, war die Schlagzeile.

Zu Arabella Pooths Mandanten gehören mehrere sogenannte Clanmitglieder. Sie verteidigt auch Drogendealer und Räuber, Totschläger, Mörder und Männer, die Kinder missbrauchen. Und wirkt dabei wie eine Figur aus einer amerikanischen Crime-Serie: immer perfekt geschminkt und frisiert, schlagfertig, eloquent und furchtlos.

Arabella Pooth, 38, Strafverteidigerin, sitzt auf einem Sofa im Foyer des Hotel Adlon, im Hintergrund plätschert Klaviermusik. Pooth trägt eine enge Hose aus Kunstleder, dazu eine zarte Bluse. Neben ihr steht ein Rollköfferchen. Sie ist für dieses Interview aus Dortmund angereist, vier Stunden mit dem Zug, mitten in der Pandemie.

Champagner im Kühler zur Begrüßung

Kein Problem, sie sei gerne in Berlin, hat dann gleich noch ein anderen Termin vereinbart, sich mit Mandanten verabredet und für eine Nacht eine Suite im Adlon gemietet, Blick aufs Brandenburger Tor, Champagner im Kühler zur Begrüßung.

Arabella Pooth spricht gerne über ihre Arbeit. Aufmerksamkeit ist gut fürs Geschäft. Aber darum allein geht es ihr nicht. Sie vertritt zwar Menschen, die als gefährlich gelten und von denen sich die Öffentlichkeit schnell ein Bild macht. Eines aber, das nicht immer vollständig ist, wie sie findet. Auch deshalb erzählt sie jetzt von diesem Fall.

Die Polizei war an jenem Tag im August vergangenen Jahres ausgerückt wegen eines Mannes, der Kredite erschlichen und von dem Geld teure Autos gekauft haben soll, die er verlieh oder weiterverkaufte.

Ihr Mandant, sagt Arabella Pooth, habe mit den Autos gar nichts zu tun gehabt. „Er soll ein kleines Rädchen bei einem ganz anderen Vergehen gewesen sein, das über drei Jahre zurückliegt“, sagt sie. „Er bestreitet das, es gibt keine Beweise, ich gehe davon aus, dass das Verfahren eingestellt wird oder man meinen Mandanten freispricht.“

Warum also dieser martialische Polizeieinsatz?

Eine Anspielung auf Jimmy McGill alias Saul Goodman

„Das hat man für die Medien gemacht“, sagt Pooth. „Die Politik hat sich Clankriminalität als Phänomen rausgesucht, wo man zeigen kann: Wir tun was, wir gehen mal mit voller Härte des Gesetzes auf diese Leute los.“

Und zwischen „diesen Leuten“ und dem Gesetz, da steht sie. 

Der Einsatz sei völlig unverhältnismäßig gewesen, sagt sie, sie hat Verfassungsbeschwerde eingereicht.

Wer ist diese Frau, die ihr Jurastudium als Model finanzierte und Vorträge bei Rolf Bossi besuchte, dem legendären Münchener Strafverteidiger, der den Serienkiller Fritz Wonka vertrat, die Entführer von Gladbeck und DDR-Grenzsoldaten in einem der sogenannten Mauerschützenprozesse?­­­ 

Und die sich heute provokant auf Instagram inszeniert, Motto: „Better Call Bella“, eine Anspielung auf den zwielichtigen Anwalt Jimmy McGill alias Saul Goodman aus der Netflix-Serie „Better Call Saul“.

An das Format von Bossi kommen Pooths Fälle bisher nicht heran, auch wenn sie es oft in die Zeitung und ins Fernsehen schafft, an der Seite ihrer Mandanten oder als Expertin für das Böse.

Mit Saul Goodman, dem Hausanwalt der mexikanischen Drogenkartelle, teilt sie nicht nur ihre Klienten, sondern auch die Inszenierung: 5000 Abonnenten hat Pooths YouTube-Kanal. Sie veröffentlicht kurze Clips, in denen sie darüber plaudert, welche Rechte man in allen möglichen vertrackten Situationen hat: „Dem Anwalt einen Mord gestehen? Was passiert dann?“ (Nichts. Es gilt die anwaltliche Schweigepflicht.) Oder: „Darf die Polizei mein Auto durchsuchen?“ (Jein. Sie darf, aber nur mit Anlass.)

„Die definitiv geilste Anwältin Deutschlands“

Unter den Videos stehen Kommentare wie: „Nach Ihrem Video könnte ich eine Straftat begehen, nur um sodann von Ihnen verteidigt zu werden“, und: „Die definitiv geilste Anwältin Deutschlands, Heiratsantrag geht raus.“ Sie lacht darüber. Und verheiratet ist sie schon.

Es gibt inzwischen eine ganze Reihe Strafverteidiger, die Social Media für sich entdeckt haben. Wenige sind so erfolgreich wie Arabella Pooth. Sie sagt, sie betreibe das ohne großen Plan, poste, wenn sie Zeit habe. Die YouTube-Videos produziert sie allein, nur ihre Sekretärin hilft ihr, die Kamera scharf zu stellen. Und ja, natürlich sei das Werbung. Sie bekommt oft Anfragen, bei denen die Leute schreiben: Ich kenne Sie von Instagram.

„Aber diese Videos mache ich, weil ich immer überrascht darüber bin, wie wenig die Leute über ihre Rechte aufgeklärt sind“, sagt sie. „Sie denken, sie müssen der Polizei alle Fragen beantworten. Müssen sie nicht.“

Folter wegen verschwundener Wassermelonen?

Knapp 18.000 Follower hat Arabella Pooth auf Instagram. Sie posiert mal am Meer, mal mit Pferd, mal mit dem Standardwerk „Schönfelder: Deutsche Gesetze“ unterm Arm und immer wieder an der Seite ihrer Mandanten. Zuletzt mit Fatih Ö., der sich gerade vor dem Landgericht Hagen wegen erpresserischen Menschenraubs verantworten muss.

Er soll einen Mann wegen einer verschwundenen Ladung Wassermelonen gefoltert und dessen bevorstehende Hinrichtung vorgetäuscht haben. Auf dem Bild tragen beide, der Angeklagte und die Strafverteidigerin, schicke Sonnenbrillen, grinsen fröhlich, sie zeigt das Victory-Zeichen, er zeigt auf sie.

Es gibt Strafverteidiger, die Pooths Auftritte im Internet „grenzwertig“ nennen, aber nicht namentlich zitiert werden wollen.

Und es gibt Kollegen wie Thomas Feltes, 70 Jahre alt, emeritierter Professor für Kriminologie an der Ruhr-Universität in Bochum, der sagt: „Wissen Sie, ich habe vor 19 Jahren mal das eingelegte Gehirn eines Schwerverbrechers in einem Seminar präsentieren lassen, damals dachte man, dass das Böse in der Amygdala zu verorten ist.“ Ist es nicht, das weiß man heute. Worum es Feltes geht: „Es ist wichtig, dass man über die Grenzen seines Fachs hinausguckt.“ Manchmal ungewöhnliche Wege geht. Dinge ausprobiert. Feltes hat selbst mehrere Tausend Follower auf Twitter, bloggt und verschickt Newsletter.

Arabella Pooth hat bei Feltes promoviert. Ihre Dissertation schrieb sie über den Zusammenhang zwischen Videospielen und Amokläufen an Schulen, sie spielte dafür selbst viele Stunden Counter-Strike und befragte Gamer, von denen einer ein Attentat geplant hatte. Die Methodik dafür habe sie sich erst aneignen müssen, erinnert sich Feltes, er sei beeindruckt gewesen, dass sie das nicht abgeschreckt habe. Feltes sagt, Pooth besitze eine „360-Grad-Intelligenz“, die nicht wie bei vielen Juristen allein auf die Paragrafen bezogen sei.

Später lud Feltes Pooth als Gast in seine Vorlesungen ein, wo sie über die Rolle des Strafverteidigers in unserem Rechtssystem referierte.

Wer einer schweren Straftat beschuldigt wird, steht dem Staatsapparat, der eine unheimliche Macht hat, erst mal allein gegenüber.

Arabella Pooth, Strafverteidigerin

Nach ihrem Studium hat Arabella Pooth sich sofort selbstständig gemacht. Ihr erster Fall war ein Raub, den sie als Pflichtverteidigerin übernahm. Von da an, erzählt sie, ging es schnell weiter.

Gute Strafverteidiger werden in der JVA weiterempfohlen. Ihr erster größerer Fall war ein Vater, der sein Kind getötet hatte. „Für mich war immer klar, ich will keine Fahrraddiebe verteidigen“, sagt Arabella Pooth. „Ich will relevante Fälle und keine Kleinigkeiten.“

Relevant wird es für Arabella Pooth immer dann, wenn es um was geht: um Leib und Leben auf der einen Seite; um unser Rechtssystem, in dem nur der bestraft werden darf, dem eine Schuld nachgewiesen werden kann, auf der anderen Seite.

„Wer einer schweren Straftat beschuldigt wird, steht dem Staatsapparat, der eine unheimliche Macht hat, erst mal allein gegenüber“, sagt sie. „Da muss ihm ja jemand beistehen, das finde ich sehr wichtig.“

Thomas Feltes stieg nach seiner Emeritierung in Pooths Kanzlei ein, als eine Art „Senior Partner“, wie er sagt. Sie arbeiten zusammen an Fällen, sie vertrat ihn im Loveparade-Prozess, der Mandant war ein Vater, dessen Tochter getötet wurde.

Feltes wiederum vertrat sie, als sie die Nebenklage für eine Familie übernahm, deren Tochter vor über 20 Jahren ermordet worden war. „Die Eltern waren sehr angetan von ihr, weil sie sich Zeit nimmt, viel erklärt, sie ist eine gründliche Juristin, und sie verfügt über die nötige Empathie“, sagt Feltes.

2017 verteidigte Arabella Pooth einen Automechaniker aus Oer-Erkenschwick. Der Mann hatte Streit mit dem Gangsterrapper Hamad 45, weil der die Mutter seines Cousins auf Facebook beleidigt hatte. Der Gangsterrapper tauchte mit einer ganzen Gruppe Männer in der Werkstatt auf, es gab eine Schlägerei, Schüsse fielen. Der Automechaniker wurde anschließend wegen schwerer Körperverletzung angeklagt.

Arabella Pooth erzählt, dass sie damals von Clankriminalität noch nie gehört hatte. Und sich dann wunderte, warum der Prozess unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen stattfand, warum der Saal voll mit Presse war.

Arafat Abou-Chaker? „Ich wusste nicht, wer das ist“

Der Cousin des Automechanikers war Arafat Abou-Chaker, einer der bekanntesten mutmaßlichen Clanbosse überhaupt. „Ich wusste nicht, wer das ist“, sagt Pooth, sie habe Abou-Chaker kennengelernt, nett sei er gewesen, höflich, zuvorkommend. „Ganz normale Leute.“

Und für sie war die Sache klar: Ihr Mandant hatte gesehen, dass sich unter dem Kapuzenpulli von Hamad 45 eine Waffe abzeichnete, dann habe der eine Bewegung gemacht, als würde er die Waffe ziehen, woraufhin der Automechaniker zuschlug. Für Arabella Pooth war das Notwehr. Ihr Mandant aber wurde verurteilt. Sie ging in Revision und erstritt einen Freispruch.

Seitdem vertritt sie immer wieder Männer, die Verbindung zu Clans haben sollen. Laut des aktuellen Lagebilds des Bundeskriminalamts hat Clankriminalität nur einen Anteil von 7,8 Prozent an allen Verfahren aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität.

Die öffentliche Wahrnehmung verhält sich dazu spiegelverkehrt. Clankriminalität ist längst ein popkulturelles Phänomen mit erfolgreichen Serien und Dokus auf Amazon Prime – was einerseits an der glamourösen Selbstinszenierung von Männern wie Arafat Abou-Chaker liegt, der sich gerade mit dem Rapper Bushido vor Gericht streitet, genauso aber an öffentlichkeitswirksamen Razzien in Shishabars oder eben Dortmunder Nobelvierteln.

Es sind die Folgen dieser Verzerrung, die Arabella Pooth umtreiben. Zwei ihrer Mandanten, erzählt sie, saßen monatelang in einer Isolationszelle, der eine wegen mutmaßlicher Einbrüche, der andere, weil er mit Cannabis gedealt haben soll. „Ein Allerweltsdelikt“, sagt sie, aber beide trügen eben den Namen einer arabischen Großfamilie. „Das ist eine Art Sippenhaft.“

Pooth will nicht, dass man sie falsch versteht. „Ich will nichts verharmlosen“, sagt sie. „Natürlich gibt es in diesen Familien kriminelle Personen, und die müssen bestraft werden, ganz klar.“ Was sie kritisiert, ist, wie die Behörden gegen ihre Mandanten vorgehen. Sie hat die Mutter eines Rappers vertreten, bei der plötzlich das SEK im Flur stand, weil es sich in der Wohnung geirrt hatte; sie wohnte direkt unter ihrem Sohn, zu dem die Polizei eigentlich wollte. Der Mutter wurde bei dem Einsatz ein Rückenwirbel gebrochen, sie erstattete Strafanzeige.

Arabella Pooth sagt, dass die Fälle, in denen sie Opfer vertritt, für sie schwerer sind als die, in denen sie Täter verteidigt. Sie hat mal ein Praktikum beim Kriminaldauerdienst der Polizei gemacht, begleitete die Beamten zu Tatorten, nahm an Leichenschauen teil. Sie habe in dieser Zeit viele Albträume gehabt. Es gelingt ihr besser, sich abzugrenzen, wenn das Leid der Opfer in einer Akte verpackt ist. Mitleid mit ihren Mandanten hat sie nie. „Ich verteidige den Täter und unsere Rechtsordnung“, sagt sie. „Ich verteidige niemals die Tat.“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Korrektur: In einer vorherigen Fassung des Textes haben wir den Strafverteidiger Rolf Bossi versehentlich in Hamburg verortet. Seine Kanzlei lag allerdings in München. Wir haben das korrigiert.