Berlin - Das mit der Berlinale in diesem Jahr muss man sich so vorstellen. Aus dem rechten Augenwinkel sieht man die Kuppel des Berliner Doms, aus dem linken den Fernsehturm. Der Himmel über Berlin färbt sich langsam dunkelblau, ein paar Vögel ziehen ihre Bahn. Dann leuchtet die Leinwand auf.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Bitterfeld

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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So wird es sein vom 9. bis 20. Juni, bei dem, was sie bei der Berlinale das Summer-Special nennen. Jedenfalls wenn es einem gelungen ist, ein Ticket für den glamourösesten der 16 Spielorte zu ergattern: das eigens für die Filmfestspiele eingerichtete Freiluftkino auf der Museumsinsel. Hier wird das Kino-Fest eröffnet, hier werden die Bären überreicht, allen voran der Goldene Bär für den rumänischen Regisseur Radu Jude für seine böse Satire „Bad Luck Banging or Loony Porn“ – einen Film, der einem gleich zu Beginn einen erigierten Schwanz ins Gesicht hält und eine sauber rasierte Möse.

Es sind Bilder aus einem wackeligen Heimporno, der versehentlich ins Netz gerät und eine Lehrerin (Katia Pascariu) an einer Bukarester Schule in Schwierigkeiten bringt. Der Film besteht aus drei Teilen, hat drei Enden. Im überraschendsten verwandelt sich die Pädagogin in eine Spider-Woman, wirft ein Netz über die Elternschaft und stopft mit ihrem Schwert in Form eines Riesendildos die Münder dieser bigotten Repräsentanten der posttotalitären rumänischen Gesellschaft.

Aus Hygienegründen ist das Festival eine reine Freiluftveranstaltung mit Testpflicht. Filme laufen in den bekannten Berliner Open-Air-Kinos Hasenheide, Kreuzberg, Rehberge oder Friedrichshain. Es gibt aber auch das Arte Sommerkino im Schloss Charlottenburg, wo man vor Schlosskulisse in einem Liegestuhl Kino erleben kann, vielleicht auch mit einem Glas Weißwein in der Hand. Oder das Atelier Gardens-Freiluftkino am Tempelhofer Feld, wo sich der große Garten der Berliner Union-Film Ateliers in ein Kino verwandelt. Und in Dahlem lockt das Frischluftkino@Studentendorf.

Nicht nur das Sommer-Setting ist ungewohnt für ein Festival, das sonst im nasskalten Februar stattfindet, wo die Kinos nach Wintermänteln riechen. Auch die Dramaturgie steht auf dem Kopf. Gekürt wurden die Preisträgerinnen und Preisträger schon Anfang März, während dieser Geister-Berlinale, bei der neben den Jurys nur Besucher des European Filmmarkts und akkreditierte Journalistinnen und Journalisten Filme sehen konnten. Der aufgeregte Festival-Buzz fällt im Juni aus. Aber ein entspanntes Berlinale-Feeling ist ja auch nicht schlecht.

Entspannt bleiben sollte man auch bei der Jagd auf eins der 60.000 Tickets, die zur Verfügung stehen. Klar wollen viele Dominik Grafs „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ sehen, am liebsten auf der Museumsinsel, wo Schauspielerinnen, Schauspieler und der Regisseur am 10. Juni über den roten Teppich laufen. In der grandiosen Verfilmung des Buchs von Erich Kästner gibt Tom Schilling einen Berliner Flaneur, der zweifelt, ob die Welt das „Talent zur Anständigkeit“ hat. Und den verzweifelten Liebenden, dessen selbstbewusste Cornelia (Saskia Rosendahl) ihn an ihre Karriere beim Tonfilm verkauft – so sieht er es wenigstens. Ein toller, herzzerreißender Berlin-Film. Genau wie Daniel Brühls Regiedebüt „Nebenan“, auch wenn der wiederum in der Gegenwart spielt.

„Nebenan“ ist ein Kammerspiel, das aus der vergilbten Eckkneipe kaum herauskommt. Daniel Brühl führt darin nicht nur Regie, er spielt neben Peter Kurth auch die Hauptrolle des erfolgreichen Schauspielers Daniel, der mit Frau, Kindern und Kindermädchen in einer Wahnsinnswohnung in Prenzlauer Berg lebt. Sich selbst also. Und er inszeniert sich dabei gnadenlos als Wessi-Arschloch, das vom unheimlichen Ostler (Peter Kurth), geschult in Observation, auseinandergenommen wird. Es geht um Ost-West, um Gentrifizierung, um Lebenslügen. Daniel Kehlmann hat das Drehbuch geschrieben. Und falls es jetzt nichts wird mit Tickets – beide Filme kommen schon in ein paar Wochen ins Kino. Das gilt auch für den ebenfalls in Berlin spielenden „Ich bin dein Mensch“, den neuen Film von Maria Schrader.

Dessen Hauptdarstellerin Maren Eggert ist mit dem ersten genderneutralen Silbernen Bären ausgezeichnet worden. Zu Recht. Drei Wochen lang lebt ihre Alma, eine Anthropologin, mit dem humanoiden Roboter Tom (Dan Stevens), der allein konstruiert wurde, um Alma glücklich zu machen. „Deine Augen sind wie zwei Bergseen, in denen ich versinken möchte“, sagt er beim ersten Date. Maren Eggerts Ausdruck von Entgeisterung und blasierter Amüsiertheit – das muss man draufhaben. Später funktionieren Toms Algorithmen übrigens viel besser. „Ich bin dein Mensch“ ist eine Komödie, aber sie berührt die ganz große Frage: Was ist Liebe und welche Rolle kommt der Bedürfnisbefriedigung zu? Ist die Maschine vielleicht der bessere Mensch? Und: Durfte eigentlich schon mal ein Filmteam im Pergamonmuseum drehen?

Auch fremde Welten finden Gehör. „Garderie Nocturne“ von Moumouni Sanou etwa ist ein Dokumentarfilm über einen Nachtkindergarten in Burkina Faso, in dem drei Sexarbeiterinnen jeden Abend vor ihrer Schicht die Kinder abgeben. Der Debütfilm „Vi – Taste“ von Le Bao läuft in der neu geschaffenen Sektion Encounters. Ästhetisch makellos, über weite Strecken wortlos, manchmal gar verstörend, spielt er in einem Slum von Ho-Chi-Minh-Stadt, der einer Traumlandschaft gleicht. Aliaksei Paluyans Dokumentarfilm „Courage“ aus Belarus erzählt von drei Theaterleuten und Musikern aus Minsk, die sich im August 2020 der Protestbewegung anschließen. Man wird diesen Film  mit anderen Augen sehen, nachdem kürzlich die Ryanair-Maschine mit Roman Protassewitsch an Bord vom Himmel geholt wurde. Nur schade, dass es am Ende der langen Sommerkinonächte keine Podiumsdiskussionen mit Filmleuten geben wird.

Aber trotzdem: Es zahlt sich jetzt aus, dass ein Online-Festival für Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian keine Option war, dass sie die große Leinwand für 2021 nicht aufgeben haben, obwohl es viel einfacher gewesen wäre. Es war eine Wette gegen die Pandemie, von der keiner wusste, wer sie gewinnen würde. Das ist neben der Liebe zum Kino auch der Wertschätzung der Berlinale-Macher für treue Berliner Kinobegeisterte zu verdanken. Dieses Festival ist für sie.


Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.