Berlin - Das ist eine ganz neue Erfahrung für Berlin: Die Stadt ist wegen der Seuche auf sich selbst zurückgeworfen. Das hektische Treiben der Stadt, man sieht es nur noch in alten Filmen. Viele meiden die Stadt, kaum einer kann raus. Die Berliner kennen diesen Zustand aus der Zeit des Kalten Krieges. Die Stadt war eine Insel. Doch die Berliner blieben nicht unter sich. Nach der Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945 und dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft zogen die vier Siegermächte in die Stadt ein. Sie sollten unter anderem dafür sorgen, dass die Bevölkerung der ehemaligen Reichshauptstadt in der Weltgemeinschaft resozialisiert wird. Amerikaner, Russen, Franzosen und Engländer teilten die Stadt in vier Sektoren. Das Leben war streng reguliert. Mauerbau, Blockade, Schüsse an der Grenze, Rosinenbomber – mitunter war die Lage explosiv.

Soldaten, Spione, Händler, aber auch politische Köpfe, Künstler und Entertainer kamen in die Stadt. So wurde Berlin wieder zu einem Magneten für die Boheme, für Illusionen und Träumereien. Mit der Wiedervereinigung zogen die Soldaten und Bürokraten der Alliierten ab. Nun gibt es mit Corona wieder einen Bruch. Er ist für die Berliner Gesellschaft so gravierend wie das Kriegsende. Aber anders als damals eilen keine Retter von außen herbei. Berlin muss sich selbst neu erfinden, ganz ohne fremde Hilfe.

Zum 8. Mai, zum Tag der Befreiung, wollen wir von einer Amerikanerin, einer Russin, einer Deutsch-Französin und einem Briten wissen: Wie sehen die jungen Nachfahren der Siegermächte die Zukunft dieser Stadt? Und wie sehen sie ihre eigene Zukunft?

Vera Kochubey

„Berlin wird nie wieder so sein wie vorher. Und das ist gut so. Die Teenagerjahre sind vorbei. Jetzt muss Berlin erwachsen werden“, sagt die 34-jährige Vera Kochubey. Sie ist Künstlerin und kam vor elf Jahren aus Moskau nach Berlin. Auf einem kleinen Tisch in ihrem Schöneberger Studio steht eine Vase mit Tulpen, dahinter Malutensilien. An der Wand lehnt ein riesiges Bild, auf dem Bett gegenüber sitzt Kater Sigmund (nach Freud). „Corona ist wie ein Fegefeuer oder eine Säuberung: Vorüber ist es mit arm und sexy. Wir müssen in das richtige Leben, wie London oder Paris.“

Agatha Powa
Nick Wareham, 34, arbeitet in der britischen Botschaft.

Das richtige Leben bedeutet für Kochubey vor allem zupacken: „Meine Mutter hat Moskau verlassen und ist nach Berlin gegangen. Zwei Jahre später bin ich ihr gefolgt. Ich bin vor Russland davongelaufen und habe das coole Europa gesucht. Jetzt bin ich hier zu Hause.“ Vera hat sich aus dem Nichts hochgearbeitet. Heute hat sie etwa 100 Sammler, die ihre Bilder kaufen, sagt sie. Etwa die Hälfte komme aus den USA, die andere Hälfte aus Europa.

Kochubeys Stil ist sehr von der Plakatsprache der Sowjetunion inspiriert. Von der grauen Trostlosigkeit der sozialistischen Realität ist sie abgestoßen, doch die roten Plakate faszinieren sie: „Ich habe die machtvolle Sprache der Propaganda für mich entdeckt. Ich war immer sehr klein, also habe ich gesagt: Das laute Plakat ist meine Sprache.“ In der Corona-Zeit hat sie unablässig gemalt: „Das ist der Vorteil, wenn man nicht bei jeder Gelegenheit ins Berghain rennen kann. Ich habe hundertmal mehr Bilder gemalt als vorher.“ Ihre Bilder seien „weiblicher“ geworden, sagt Kochubey: mehr Farben, mehr Trost.

In Russland wird der Tag der Kapitulation der Wehrmacht gefeiert, wegen der Zeitverschiebung allerdings erst am 9. Mai. Auch in der DDR war der 8. Mai lange ein Feiertag. Allerdings sei ihr erst in Berlin bewusst geworden, was der Tag bedeutet: „Ein Freund hat mir ein Video geschickt von der Stadt 1945. Überall Ruinen, keine Menschen. Da habe ich mir gedacht: Wie schrecklich, mein Berlin, zerstört.“ Kochubey spricht Deutsch, Englisch, Russisch. Sie träumt auf Englisch: „Ich spüre eine Art postapokalyptische Energie in der Stadt. Ich bin positiv. Wir müssen futuristisch denken.“ Moskau interessiert sie nicht mehr, auch, weil die Stadt sie enttäuscht hat: „Als ich in Moskau zu malen begonnen habe, haben alle gesagt, ich sei verrückt. In Russland glaubt man nicht, dass ein Künstler von seiner Kunst leben kann. Man ist Künstler entweder in einer Funktion, zum Beispiel im Industriedesign. Oder man macht es als Hobby.“

Emma Lo

Auch Emma Lo, 27, will nicht mehr zurück in ihre alte Heimat, in die USA: Sie steht vor der amerikanischen Botschaft am Brandenburger Tor, blickt hoch auf das Sternenbanner und lacht: „Nein, ich bin keine Patriotin.“ Emma kam 2017 mit einem Internationalen Parlamentsstipendium des Deutschen Bundestages nach Berlin: „Wir waren über 50 Nationen. Eigentlich war der Sinn des Stipendiums, dass wir hier etwas lernen und dann wieder zurückgehen in unsere Länder. Doch die meisten sind geblieben.“

Agatha Powa
Emma Lo Yi Qing, 27, kommt aus den USA und studiert an der HU Berlin.

Lo kommt aus North Carolina. Ihr voller Name ist Emma Lo Yi Qing. Sie schreibt den Namen als chinesische Schriftzeichen auf ein Blatt Papier. Ihre Eltern mussten aus der Volksrepublik China fliehen. Sie gingen zuerst nach Taiwan, dann nach North Carolina. Lo spielt amerikanische und chinesische Volksgeige. Sie lebt in Neukölln und studiert an der Humboldt-Universität Regionalwissenschaften. Sie arbeitet für ihre Masterarbeit an einem Projekt zur „Digitalisierung traditioneller chinesischer Musikinstrumente“.

Nach Deutschland kam sie, weil ihre Großeltern nach einer Reise von der Herzlichkeit und der Gastfreundschaft der Deutschen geschwärmt hatten. Lo sagt: „Berlin ist noch einmal etwas anderes als Deutschland. Es ist eine Stadt der Kultur, wie es sie sonst nirgends gibt.“ In Deutschland sieht sie vor allem den Vorteil eines balancierten Lebens: „Es gibt Arbeitnehmerrechte und geregelte Arbeitszeiten. So bleibt viel Freiraum, damit sich die Menschen zivilgesellschaftlich betätigen können.“

Lo arbeitete unter anderem für die American Academy, eine jener transatlantischen Institutionen in Berlin, die dafür sorgen, dass die Nabelschnur zu den USA nie ganz getrennt wird. Doch Lo ist keine Propagandistin der US-Politik: „Es ist eine große Lüge, dass wir die perfekte Demokratie haben. Die USA müssen sich in der Welt radikal neu erfinden. Das System der Wahlkampffinanzierung muss überdacht werden. Und wir müssen den extremen Einfluss zurückdrängen, den Milliardäre und Konzerne auf unser politisches System haben.“

Auch die Rolle der amerikanische Regierung bei den Kriegen auf der Welt müsse hinterfragt werden: „Wir kritisieren den Krieg im Jemen und liefern Saudi-Arabien die Waffen für diesen Krieg.“ Die Welt müsse zu einem multilateralen Ansatz finden. Auch in China sieht Lo vieles sehr kritisch, zum Beispiel die Überwachung. Doch sagt sie auch: „Wenn China keinen Impfstoff für Südostasien entwickelt hätte, wäre die Welt heute in einer kritischen Lage.“

Das hänge auch mit dem 8. Mai zusammen. „Berlin kann seine Vergangenheit nicht wie andere Städte ungebrochen feiern. Die Leute müssen sich immer wieder neu öffnen, an neue Situationen anpassen.“ Wenn Lo ihr Studium abgeschlossen hat, will sie Kuratorin im Musikmanagement werden – natürlich in Berlin.

Nicholas Wareham

Nicholas Wareham, 34, kennt das alte Berlin nur noch aus Erzählungen: Der Pressesprecher der britischen Botschaft kam unmittelbar vor Beginn der Pandemie nach Deutschland. Die meisten seiner Kontakte sind virtuell. Doch erwartet ihn eine besondere Aufgabe: „Am 8. Mai 1945, nach dem Zweiten Weltkrieg, mussten Großbritannien und Deutschland eine neue Partnerschaft aufbauen. Dann waren beide Länder in der EU. Und nun, nach dem Brexit, gestalten wir unsere Partnerschaft erneut für eine gemeinsame Zukunft und ihre Herausforderungen.“

Agatha Powa
Anais Causse, 42, führt einen französischen Feinkostladen.

Die jungen Briten in Berlin und die jungen Deutschen, die eine Zeit lang nach Großbritannien gehen wollen, haben aktuell vor allem praktische Fragen: Kann man studieren, wie reist man, welche sonstigen Einschränkungen gibt es? Fast hat man den Eindruck, als wäre London heute in einer schwierigeren Lage als Berlin – ein Novum in der Geschichte der beiden Städte.

Auch Nicholas Wareham, der mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern in Grunewald lebt, kann nicht genau sagen, wie es weitergeht: Lockdown und Brexit haben sich überlagert. Für den Diplomaten ist die Geschichte fast nebensächlich, so groß sind die konkreten Fragen der Gegenwart angesichts des Brexit und der globalen Veränderungen.

Natürlich hat er sich mit Hitler und der Shoa bereits in der Schule beschäftigt. Doch heute sei entscheidend, „wie sich Deutschland seither entwickelt hat“. Wareham sieht hier eine globale Chance: „Viele können von Deutschland lernen, wenn es um die Bewältigung der Vergangenheit geht.“ Von Berlin könne noch ein anderes Signal ausgehen: „In dieser Stadt haben die demokratischen Länder ihre Werte verteidigt. Wir brauchen auch für die Zukunft ein globales Gefühl für gemeinsame Werte.“

Für gemeinsame Werte setzt sich seit langem Anais Causse ein: Die 42-jährige Deutsch-Französin ist Berlinerin, weil ihr Vater 1972 bei einer Afrika-Reise drei Berliner kennenlernte und die Idee toll fand, hierherzuziehen. Mit völlig leeren Händen kam der Franzose in die Stadt und begann, als Küchenchef im Waldhaus in Zehlendorf zu arbeiten. Danach eröffnete er mit „Maitre Philippe“ den ersten französischen Feinkostladen in West-Berlin.

Seine Tochter Anais leitet den Laden in Wilmersdorf heute, nachdem sie Arabistik studierte und sich schließlich zur „IHK-Systemgastronomin“ zertifizieren ließ, wie sie heute nicht ohne Stolz sagt. Causse sagt, sie wurde sehr stark von französischen Einrichtungen geprägt, die es nach 1945 in Berlin gab – von einem französischen Kino, einem französischen Tauchklub: „Es gab sogar eine Segelregatta, wir sind gegen die Briten und die Amerikaner angetreten.“

Am 14. Juli, am französischen Nationalfeiertag, fand eine Militärparade statt. Zu den Russen bestand kaum Kontakt. Die Erinnerungen an die DDR sind mit Beklommenheit verbunden: „Wir hatten jedes Mal Angst, wenn wir durch den Grenzübergang Dreilinden mussten. Aber wir wurden nie durchsucht!“ Insgesamt hätten die Alliierten einen positiven Einfluss auf die Stadt gehabt, findet Causse. Es gab Volksfeste, Freundschaften und Freizeitprogramme – also Dinge, die man in der Pandemie vermisst. In dieser harten Zeit ist Maitre Philippe für viele eine Art Anlaufstation in Sachen Fernweh geworden: Der Laden boomt. „Unsere Kunden sagen, wenn wir bei euch sind, ist die Welt in Ordnung.“

Causse nimmt für einen Kunden einen Reblochon-Käse aus der Vitrine: „Je älter, desto würziger. Wenn Sie einen milderen wollen, würde ich den jüngeren empfehlen.“ Der Kunde stimmt zu. Anais packt ihm noch ein Stück Ziegenkäse ein. Der Kunde lächelt dankbar. Die Erben der Siegermächte halten die Stadt am Leben.