Berlin - Die Karl-Marx-Allee hat mich vollkommen geschafft. Ursprünglich hatte ich ein völlig anderes Gebiet zum Ausflugsziel erkoren, doch aus den vielen kleinen Momenten im Straßenzug ergaben sich plötzlich Hunderte Motive. Der Stadtraum, die Architektur, die Details und der notwendige und dazugehörige Freiraum zwischen den Zeilenbauten entpuppten sich plötzlich als ein wahres Bildfeuerwerk. Seither bin ich vollends entzückt von diesen teils so leicht wirkenden, nahezu transparenten Baukörpern der 60er-Jahre des sogenannten II. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee.

Sie harmonieren im Wechselspiel mit mal blockigen, massiven und schweren, mal filigran profilierten Gebäuden. Diese wiederum wahlweise mit silbrig, champagnerfarben oder goldig eloxierten Aluminium- oder Messingfensterrahmungen, abgesetzt in Grau oder Schwarz. Wie magisch hat mich diese avantgardistische, zeitgeistlich revolutionäre DDR-Moderne in ihren Bann gezogen. Zu verdanken haben wir sie zu großen Teilen ihrem Entwerfer: Josef Kaiser, dessen Geburtstag sich am 1. Mai zum 111. Mal jährt.

Das vielschichtige Werk des Architekten und zugleich leidenschaftlichen Musikers Kaiser greift weit bis ins Schulalter zurück. Geboren wurde er am 1. Mai 1910 in Cilli, in der österreichischen Südsteiermark, einem Gebiet, das heute zu Slowenien gehört. Noch während des Ersten Weltkrieges übersiedelte die Familie in einen kleinen böhmischen Ort nahe Karlsbad. Sein Vater Alois und seine Mutter Gabriela übernahmen dort eine Ziegelei. Im Alter von zehn Jahren besuchte Kaiser das Realgymnasium in Karlsbad und schloss 1929 mit der Reifeprüfung ab. Er spielte virtuos Geige, Klavier und Cello. Sein Vater Alois erkannte frühzeitig die künstlerische Ader des Sohnes und förderte sein gesangliches und zeichnerisches Talent nach Kräften.

Entgegen der Erwartung entschied sich Kaiser junior jedoch zunächst für ein Architekturstudium an der Deutschen Technischen Hochschule in Prag. Zwei dort tätigen Professoren verdankte er nach eigener Aussage sein konstruktives und gestalterisches Vorstellungsvermögen. Josef Kaiser studierte nicht nur die moderne Formensprache und die funktionalen Raumplan-Villen des Wiener Architekten Adolf Loos, sondern auch dessen pointierte Schriften zu Kulturfragen aller Art. Während der Studienzeit besuchte er so oft es ging das Theater. 1932 trat er anlässlich des 100. Todestages von Goethe als Epimetheus in dessen „Pandora“-Fragment am Deutschen Theater auf und erntete großen Beifall für seine überraschende Bühnenleistung als Hauptfigur.

1935 schloss er sein Architekturstudium mit „sehr gut“ ab und fand eine zweijährige Anstellung als Architekt im Büro von Ernst Flemming in Weimar. Dort errang er einen ersten Preis in einem Wettbewerb und plante zwei Häuser am Stadtrand, entwarf eine Großgarage und den Neubau des heutigen Marie-Seebach-Stifts. Kaiser siegte auch beim Wettbewerb für die Ilmenauer Stadthalle. Seinen Entwurf setzte wenig später Ernst Flemming um, da es Josef Kaiser nach Berlin zog.

1938 trat er dort eine Anstellung als Architekt bei Otto Kohtz an und plante für die Ufa in Babelsberg mehrere Filmateliers. Schon im Sommer desselben Jahres trat er ins Projektierungsbüro von Julius Schulte-Frohlinde als Architekt ein. 1941 wechselte Kaiser schließlich als Abteilungsleiter der Grundrissplanung an die Deutsche Akademie für Wohnungswesen – eine Erfahrung, die ihm später bei Entwurf, Planung und Realisierung von fünf-, acht- und zehngeschossigen Zeilenbauten in Großplattenbauweise mit dem eigens entwickelten System von tragenden Querwand-Elementen von Nutzen sein sollte.

Martin Maleschka
Weiß leuchtet das Wandrelief des Kino International hinter dem benachbarten Parkstück. 

Der Einberufung in den Zweiten Weltkrieg konnte Josef Kaiser krankheitsbedingt entkommen, musste sich allerdings aufgrund einer Dienstverpflichtung innerhalb von wenigen Monaten mit einer Vielzahl kleinerer Bauprojekte befassen, darunter auch Luftschutzbunker. Das Trauma zerstörter Städte und des unsäglichen Leids der Menschen veranlasste ihn, sich einige Jahre nach Kriegsende wieder der Musik zuzuwenden. 1946 nahm er ein Gesangsstudium in Dresden auf. Bis 1950 hatte er als Operettensänger mehr als 100 Auftritte vor ausverkauftem Haus in Berlin und Frankfurt (Oder).

Im November 1950 bewarb er sich erneut als Architekt bei Hanns Hopp am Berliner Institut für Städtebau und Hochbau des DDR-Ministeriums für Bauwesen und arbeitete ab 1951 in der Meisterwerkstatt II der neu gegründeten Deutschen Bauakademie der DDR. Infolge des Beschlusses des Magistrats von Groß-Berlin, fünf Jahre nach dem Aufstand des 17. Juni 1953, brachte ein intern geladener Wettbewerb 1958 den Siegerentwurf der Planer Edmund Collein, Werner Dutschke und Josef Kaiser hervor. Der Ausführungsplan umriss das Gebiet des sogenannten II. Bauabschnitts entlang der Karl-Marx-Allee zwischen Strausberger Platz und Alexanderplatz in Ost-West-Richtung und der Nord-Süd-Begrenzung zwischen Moll- und Holzmarktstraße. Im Vergleich mit den anderen Entwürfen für den Wettbewerb beinhaltete er zwei wichtige und vor allem gewichtige Neuerungen.

Er sah zum einen eine offene, weiträumige und klar gegliederte Bebauung mit variierender Höhenstaffelung, zum anderen ein städtebauliches Zentrum mit einigen Sonderbauten an der Einmündung der Schillingstraße vor: das vielgeschossige Hotel Berolina, das ikonografische Kino International und das luftig konzipierte Restaurant Moskau. Eine „Kaiserliche Achse“, wenn man so will. Diese sollte durch zahlreiche pavillonartige Ladenbauten unterschiedlichster Funktionen das komplexe Zentrum ergänzen und vervollständigen.

Bezauberndes Runderkergebäude

Umgesetzt wurden nicht alle Planungen. Dass mich das Areal (und natürlich auch der I. Bauabschnitt der Allee aus den frühen 50er-Jahren) in seiner gesamtplanerischen Geschlossenheit planerisch wie ästhetisch anspricht, mag keine Überraschung sein. Bedeutsam und fotogen, das wissen mittlerweile nicht nur Fachleute, ist das Gebiet allemal. Ein wenig überraschend für mich war es dann doch, als ich vor einiger Zeit zufälligerweise erfuhr, dass ich mir mit Josef Kaiser nicht nur den Geburtstag teile.

Vor zwei Monaten bin ich in meine Heimat zurückgezogen, nach Eisenhüttenstadt (von 1953 bis 1961 Stalinstadt). Dort wohne ich nun in einem dieser – vergleichbar mit den prächtigen Bauten des I. Bauabschnitts der Karl-Marx-Allee, allerdings weniger pompös – bezaubernden Runderkergebäude des II. Wohnkomplexes, dessen ausgeklügelte Grundrissplanungen 1952 unter der Leitung des Chefarchitekten Josef Kaiser entworfen wurden. Die vollends durchdachte und lösungsorientierte Aneinanderreihung der Wohnfunktionen ist förmlich nachspürbar. Es beginnt mit dem Lauf der Sonne und endet mit einer Vorratskammer, die von zwei Räumen aus erreichbar ist.

Martin Maleschka
Ein Riesenpavillon für den Film: Blick auf das Kino International in Richtung Karl-Marx-Allee.

Kurz vor den Bauten in Eisenhüttenstadt plante Kaiser 1951 noch den imposanten Kulturpalast der Maxhütte in Unterwellenborn, zu dieser Zeit der Prototyp für Kulturhäuser in der noch jungen DDR, der am 1. Mai 1955 eröffnet wurde. Josef Kaiser schaffte, was nur wenigen Ost-Berliner Architekten in dieser Zeit gelang: Er realisierte Wohnbauten in Mannheim, Essen und in West-Berlin, wobei er gleichzeitig fachliche Einblicke in die westliche Bauweise und Technologie erhielt.

Die größte Bauaufgabe Kaisers und seines Kollektivs war fraglos der II. Bauabschnitt der Karl-Marx-Allee. Der führt einerseits die breit angelegte Magistrale des I. Bauabschnitts fort, verändert sein Gesicht im stadträumlichen Gefüge jedoch radikal durch die Anwendung der industriellen Großplattenbauweise. Die äußerlich als eher nüchtern zu definierenden Großplatten-Zeilenbauten gruppieren sich zu weitläufig durchgrünten Wohnhöfen mit innenliegenden Kindergärten und Schulen. Sie sind mit einer leichten Schrägstellung Nord-Süd ausgerichtet. Die Wohnblöcke selbst sind orthogonal zueinander gesetzt. Zu den bereits erwähnten Sonderbauten unserer „Kaiserlichen Achse“ gesellt sich eine zweite Achse in weitaus luftigerer Bauweise mit L-förmigen Grundrissen.

Die mittlerweile denkmalgeschützten fünf Ladenbauten – Schuhhaus Zentrum (heute Fahrrad Flöckner), Kosmetiksalon Babette (heute Salon Babette), Blumenhaus Interflor und Modesalon Madeleine (heute Camp4), die Mokka-, Milch- und Eisbar (zuletzt Albert’s Berlin) sowie der Pavillon Kunst im Heim (heute Galerie Capitain Petzel) – versammeln sich im Bereich zwischen der Schillingstraße und der Lichtenberger Straße. An der Vollendung der städtebaulichen Grundidee von Collein, Dutschke und Kaiser aus dem Jahr 1958 mit weiteren Pavillonbauten mit T-förmigem Grundriss wird bis heute gearbeitet. Nach der Fertigstellung des Wohngebiets, in dem Kaiser ab 1968 selbst in einem der Hochhäuser wohnte, realisierte er das Außenministerium der DDR am Marx-Engels-Platz (heute Werderscher Markt), das Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz und plante die Werner-Seelenbinder-Halle um.

Anfang der 70er-Jahre kehrte Josef Kaiser nach Weimar zurück und hielt als Professor Vorlesungen zu seinem Thema, der „Einheit von Funktion, Konstruktion und Gestaltung“. Am 1. Mai 1970 zeigte der Bund Deutscher Architekten anlässlich seines 60. Geburtstages eine umfassende Ausstellung seiner Bauten und Projekte in Berlin. 1973 ernannte ihn DDR-Generalbaudirektor Erhardt Gißke zum Chefarchitekten seines „Aufbaustabes Sonderbauvorhaben Berlin“. Als Berater Gißkes beeinflusste Kaiser viele der in den 70er-Jahren entstandenen öffentlichen Bauten Ost-Berlins, darunter auch den Palast der Republik und das Internationale Handelszentrum.

Der Architekt Josef Kaiser wurde vor 111 Jahren geboren. Was er in Berlin und andernorts hinterlassen hat, sind städtebaulich, architektonisch und baukünstlerisch funktionierende Gebäude und Ensembles. Wer diese näher studiert und dabei die Biografie dieses Architekten kennt, dem drängt sich ein Zusammenhang geradezu auf: Josef Kaisers Sensibilität für Proportionen und die Gestaltung von Räumen rührt wohl nicht zuletzt aus seiner langjährigen Bühnenerfahrung als leidenschaftlicher Sänger her.

Der Autor bedankt sich für die so freundlichen wie geduldigen Auskünfte des Sohnes Michael Kaiser und des Architekten Thomas Zill.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.