Berlin - Wenn Sofia Kourtesis erklären will, was für sie Berlin ausmacht, erzählt sie gerne von einem Erlebnis: Wenige Stunden vor ihrer Weisheitszahn-OP, es ist Montagfrüh, bewegt sie sich nach anderthalb Tagen Tanzerei im Berghain in Richtung Garderobe. Plötzlich stolziert ihr Zahnarzt aus dem Darkroom. Sein Outfit: unten ohne. In Peru, wo Sofia Kourtesis herkommt, wäre das ein Skandal sondergleichen. 

„What the fuck?“, sagt sie, mehr zu sich als zu ihm, „musst du mir nicht nachher noch meinen Weisheitszahn ziehen?“ Ein paar Stunden später treffen sich Sofia Kourtesis und ihr Zahnarzt pünktlich in der Praxis wieder. „Professionell! Er hat das Ding durchgezogen. Mir ging’s hinterher super!“ Als Sofia Kourtesis diese Story im Zoom-Videochat erzählt, vom Heimatbesuch in Perus aus, verschwindet die Melancholie aus ihren Augen nahezu, und sie strahlt euphorisch. „Ich liebe diese Stadt, Berlin, so sehr!“

Frausein in der Techno-Szene ist nicht selbstverständlich

Berlin, wo Sofia Kourtesis in Mitte, Nähe Weinmeisterstraße wohnt, wird sie sicher zurücklieben für ihre groovig-melodischen House-Tracks, die hier in der Stadt gerade noch so als Geheimtipp durchgehen, aber schon international für Furore sorgen, seit ihren ersten beiden EPs von 2019, „Sofia Kourtesis“ und „Sarita Colonia“: Die New Yorker Musikseite Pitchfork, wohl die einflussreichste der Welt, überschlägt sich in Lob für ihre Tracks; der britische Guardian bezeichnete sie 2020 als eine Künstlerin, die man unbedingt im Auge behalten müsse.

Und gerade erst war Kourtesis auf BBC6 zu Gast, anlässlich ihrer neusten, just erschienenen EP „Fresia Magdalena“. Dass Sofia Kourtesis als Frau in der Männerdomäne Techno so durchstartet, ist immer noch nicht selbstverständlich: „Vor ein paar Jahren musste ich noch dafür kämpfen“, sagt sie, „auf Festivals die gleichen Gagen wie Männer zu bekommen.“

„Ich wurde als Antichrist beschimpft“

Der Abschlusstrack „Dakotas“ auf der neuen EP ist mit seinen harten Bässen unverkennbar eine Hommage auf den Sound von Berlin: düster, labyrinthisch, technoid. Insgesamt ist die elektronische Musik von Kourtesis aber, nicht zuletzt dank ihrer warmen Synthesizer und funky synkopierten Beats, deutlich heller als das meiste, was auf dem Berghain-Mainfloor aufgelegt wird; im oberen Berghain-Stockwerk hingegen, in der Panorama Bar, kann man sich die zugänglichen Tracks von Sofia Kourtesis prima vorstellen.

Dass sie, wie kaum jemand sonst zurzeit, meisterhaft das Schwermütige und das Leichtfüßige fusioniert in ihren Klängen, das kommt nicht von ungefähr: „Du wirst immer wieder zu Boden geschlagen“, sagt Sofia Kourtesis im Videochat. „Das Leben hält kein Happy End bereit. Aber das Wichtigste ist, wie oft du aufstehen kannst. Wenn du den Tiefpunkt erlangst, musst du dich wieder hochschwingen!“ Der Aufschwung zum Tanz. Mit diesem hoffnungsvollen Grundton, dieser Energie zur Resilienz, ist die EP von Kourtesis genau der Soundtrack, den wir jetzt brauchen, um die Corona-Krise mental halbwegs heil durchzustehen.

Der Hintergrund zur Platte ist indes ein schmerzlich persönlicher: Am 31. August 2020 verstarb der Vater von Sofia Kourtesis an Leukämie. In den Track „Nicolas“ hat Sofia Kourtesis seine Stimme eingewebt: ein Sound-Sample seiner letzten Verteidigung als Anwalt, die er über Zoom gemacht hat, eine Woche vor dem Tod. Die Aktivität des Vaters gegen politische Korruption hat Sofias Leben von klein auf geprägt, wie sie erzählt: Als sie acht Jahre war, mussten sie und ihr Bruder erstmals von zu Hause weg, weil die Lage zu Hause zu brenzlig wurde, und der Weg führte sie nach Deutschland, wo die Familie Verwandtschaft hat, in Berlin und in Hamburg. 

Mit 13 ging es zurück nach Peru, wo Sofia allerdings bald von der christlich-konservativen Mädchenschule flog, nachdem sie ein Mädchen geküsst hatte. „Ich wurde als Antichrist beschimpft“, sagt sie, und man spürt immer noch Groll. „Das war ein strenger Laden, in dem die Röcke bis nach weit unten gehen mussten.“ Auch das bedeutet für Sofia Kourtesis Berlin: Dass man hier seine Sexualität relativ frei ausleben kann, auch wenn sie selbst sich zurzeit eher als hetero definieren würde.

Das Tanzen im Club fehlt

Mit 17 kommt Sofia Kourtesis also ein zweites Mal nach Deutschland, dieses Mal, um zu bleiben. An der Filmakademie („Ich wollte der nächste Fassbinder werden!“) lehnt man sie ab. Also studiert sie Kommunikation und jobbt an der Bar. Mit 18 will sie Rapperin werden. „Die Band war so schlecht, ich will überhaupt nicht mehr darüber reden“, lacht sie kokettierend. „So schlecht!“ Was ihr aber geblieben ist: die Liebe zu Soul und Funk, die sie über die Sample-Kultur des HipHop entwickelt hat.

Auch Sofia Kourtesis verwendet in ihren Tracks viele Samples - gerne auch Aufnahmen, die sie auf Spaziergängen durch Berlin oder Lima macht: Wenn etwa Frauen auf dem Balkon singen, fragt Kourtesis, ob sie das aufnehmen und verwenden darf. Erstmals singt sie auf dem EP-Opener „La Perla“ auch selbst. „Früher habe ich die Maschinen für mich reden lassen“, sagt sie. Inzwischen findet sie zu ihrer eigenen Stimme, auch um über Angst und Schmerz zu singen. „Nach dem Tod meines Vaters wurde bei mir ein Schocktrauma diagnostiziert“, sagt sie. „Doch seit ich die richtige Therapie bekomme, geht es mir sehr viel besser. Ich finde es wichtig, darüber offen zu reden.“

„Meine Musik hat das Herz von Peru“, sagt Sofia Kourtesis, „aber die Technik und das Funktionelle von Berlin.“ Das Tanzen im Club fehlt ihr natürlich sehr zurzeit. Deshalb tanzt sie zuhause Salsa und dreht die Musik laut auf, bis die Nachbarn klopfen. Aber eines nicht allzu fernen Tages wird sie sicher wieder ins Berghain gehen, und vielleicht läuft dann ja oben in der Panorama Bar ein Track von ihr, wenn sie ihren Zahnarzt wiedersieht im Fetisch-Outfit, das wär’s doch.

Sofia Kourtesis: „Fresia Magdalena“ (Technicolour/Ninja Tune)

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.