„Es war eine lange Zeit der Stille“, sagt Anastassiya Dranchuk. „Am Anfang wussten wir nicht, was das alles bedeutet. Jetzt sehe ich Kollegen, die alles verloren haben. Sie sind am Ende. Sie werden auch nicht wiederkommen.“ Anastassiya Dranchuk, 32, ist eine Pianistin, die es in die Weltelite der Musik geschafft hat. Trotz ihrer Erfolge ist sie unruhig. Sie spürt, dass sich etwas ändert. Dass es um mehr geht als nur um Corona.

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Die Wochenendausgabe

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Am 5./6. Juni 2021 im Blatt: 
Ein Porträt über Sven Marquardt: Wie der Künstler das Berghain verließ und sich im Lockdown als Fotograf neu entdeckte

Wahlen in Sachsen-Anhalt: Ein Besuch in der AfD-Hochburg Aken

Uns geht das Wasser aus! Wie Berlin und Brandenburg mit der drohenden Dürre umgeht

Die großen Food-Seiten: Eines der besten süddeutschen Restaurants in Kreuzberg. Und: Eine Portion Hass gegen den deutschen Spargel

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Dranchuk sitzt vor einem schwarzen Flügel in einer Charlottenburger Wohnung. Auch sie konnte über ein Jahr lang kaum öffentliche Konzerte geben – wie alle anderen Musiker. Die Folgen sind langfristig. Einer Umfrage des Landesmusikrats Berlin zufolge sehen 29 Prozent der befragten Musikerinnen und Musiker in der Stadt keine berufliche Perspektive mehr. Sie bereiten einen Ausstieg aus der Kunst vor oder haben bereits einen anderen Beruf ergriffen.

Corona hat offenbar eine Sinnkrise sichtbar gemacht

Der Lockdown wird für das Musikland Deutschland einen „Rattenschwanz von notwendigen systemischen Folgen“ nach sich ziehen, wie der Komponist und Gema-Aufsichtsrat Matthias Hornschuh vor einiger Zeit im Deutschlandfunk sagte. Hornschuh erwartet, dass „über den Tantiemenverlust für einen Teil der Branche die Krise jetzt erst beginnt, weil nämlich die Ausschüttungsproblematik dann ab dem Folgejahr jeweils erst greift“. Das bedeutet: Das Jahr der Stille hat vielen die Existenzgrundlage entzogen.

Zeit ist für Musiker ein streng begrenztes Gut: „Wir können nicht einfach sagen, ein Tag hat 25 Stunden, eine Woche acht Tage, ein Jahr 13 Monate“, sagt Anastassiya Dranchuk. Ein verlorenes Jahr ist weg. Es kann nicht wettgemacht werden. Die EU-Studie „Rebuilding Europe“ hat ergeben, dass die Kulturbranche in Europa allein im Jahr 2020 etwa 200 Milliarden Euro verloren hat. Der Verlust im Vergleich zum Vorjahr ist höher als in der Tourismus- und der Autoindustrie.

Im Überlebenskampf nach dem Corona-Lockdown verweist die Kulturbranche immer wieder auf ihre Bedeutung als Wirtschaftsfaktor, vor allem in Berlin: die Hotels, Restaurants, Geschäfte – sie alle profitierten von der vitalen Kulturlandschaft. Das Argument wirkt verzweifelt: Die Kunst will sich nicht um ihrer selbst retten. Der Restaurantbesuch danach erscheint gesellschaftlich wichtiger als das Musikerlebnis in einem Konzert oder einer Oper. Die Diskussion zeigt, dass es nicht weit her ist mit dem Selbstbewusstsein der Kulturszene. Corona hat offenbar eine Sinnkrise sichtbar gemacht, die sich in den vergangenen Jahren schon abgezeichnet hat.

Kunst ist das große Lagerfeuer, das alle zusammenbringt

Die politische Förderung – in Deutschland immer noch so üppig wie in keinem anderen Land der Welt – erfolgt routiniert, verlässlich und ohne Emotionen. Die staatlichen Stellen haben ihre Angestellten auch in der Krise anstandslos weiterbezahlt – obwohl es keine Aufführungen gab. Allerdings gibt es eine Zweiklassengesellschaft: Die Festangestellten schaffen es, die freien Musiker stürzen ab. Die Kluft zwischen den Privilegierten und den Habenichtsen ist tiefer geworden.

In anderen Ländern traf es sogar die Musiker, die sich in Sicherheit wähnten: An der Metropolitan Opera in New York wurden die Künstler fast ein Jahr lang in unbezahlten Urlaub geschickt. Die Oper begann, externe Musiker für Livestreams zu verpflichten. Der Konkurrenzkampf unter den Musikern verschärft sich wegen der Krise. Bisher erschien vielen jungen Musikerinnen und Musikern Deutschland als gelobtes Land. Doch mit der Krise könnte sich die Lage auch hier ändern. Corona ist eine Zäsur. Die Ursachen liegen tiefer als nur im Lockdown.

Als Anastassiya Dranchuk 2001 ihre Heimat Kasachstan verließ, ging sie bewusst nach Deutschland. Ihre Eltern sind beide Musiker, unterrichten Geige. Ihre Urgroßeltern waren von Stalin ins Exil getrieben worden. Die Familie stammt aus Österreich-Ungarn und aus St. Petersburg. Die europäische Kultur prägte auch in der Steppe ihre Identität, über die Musik hinaus. Dranchuk, die schon in ihrer Heimat als „Wunderkind“ gefeiert wurde, sieht in der Musik mehr als nur akustische Unterhaltung: „Eine Gesellschaft ohne Kunst wird nicht nur eine brutal andere Gesellschaft, sondern vor allem eine andere, brutalere Gesellschaft. Kunst ist das große Lagerfeuer, das alle zusammenbringt und mit ihnen die Erfahrungen, das Glück und das Leid dieser Schamanen der Neuzeit, der Künstler, die zwischen den Welten leben und Mittler zwischen den Welten sind, teilt. Das ist die ursprüngliche Medizin und die ursprüngliche Religion der ganzen Menschheit.“

Musik macht das Leben erträglicher

Die Abwesenheit von Kunst und Musik in der Pandemie, davon ist die Pianistin überzeugt, hat für die Gesellschaft Auswirkungen, die über das Wirtschaftliche hinausgehen: Kunst sei „immer der große Brückenbauer und Friedensstifter“, sie „erhebt den Menschen, sie veredelt ihn, sie inspiriert ihn und führt ihn zu neuen Zielen“. Diese Position müssten sich Musik und Kunst wieder erkämpfen – genauer gesagt, die junge Generation.

Auch deshalb will Dranchuk eine Akademie eröffnen, um jungen Musikern eine Perspektive zu geben, „höchstes musikalisches Niveau“ zu erreichen. Sie glaubt an die Kraft der Religion, will für das Projekt mit katholischen Schulen zusammenarbeiten. Sie sieht Defizite in der Musikerziehung, wo es oft an fachlicher Qualität mangelt. Dranchuk unterrichtet heute bereits 60 junge Leute und hat beobachtet, dass in der Krise mehr Eltern wollen, dass ihre Kinder ein Instrument lernen. Sie sagt: „Der Wunsch, im Zeitalter der Computerspiele auch etwas mit den eigenen Händen zu machen, ist groß.“

Die staatlichen Stellen müssten an einer Transformation des Musikbetriebs mitwirken und erkennen, dass Musik sehr wohl „systemrelevant“ sei, wenn man die europäischen Werte für die Zukunft neu interpretieren wolle. Doch vor allem müsse die Musik zu einem Anliegen in der Mitte der Gesellschaft werden, aus den kommerziellen Zwängen ausbrechen und sich von den staatlich alimentierten Milieus emanzipieren. Es könne durchaus sein, so Dranchuk, dass die etablierten Formen des Musiklebens ihren Zenit überschritten haben. Viele Musiker haben in der Pandemie ganz neue Erfahrungen gemacht.

So trat der weltberühmte Organist Cameron Carpenter mit seiner Orgel auf einem Lastwagen in den Höfen von Berliner Altersheimen auf und spielte Bachs Goldberg-Variationen. Das Programm hieß „Konzerte vor den Fenstern der Stadt“. Sein Publikum waren plötzlich nicht mehr die Schönen und Reichen, sondern Menschen, denen die Musik Lebendigkeit in ihre Isolation brachte. Anastassiya Dranchuk verhandelte mit mehreren Hospizen, um für die einsam Sterbenden spielen zu dürfen. Das Projekt scheiterte jedoch an den bürokratischen Hürden der Corona-Verordnungen.

Anastassiya Dranchuk spielt Tschaikowsky und Bach-Busoni

Die Pianistin, die im Herbst ein Konzert mit dem Star-Tenor Andrea Bocelli im Petersdom in Rom geben wird, das auch aufgezeichnet wird, sieht in der Kultur auch eine politische Dimension, die in Zeiten der globalen Krisen und Verunsicherung wichtig sei: „Wir müssen das Potenzial wiederentdecken, das in unseren Werten liegt, in der Kunst, der Kultur und der Religion. Diese drei sind doch der Boden, auf dem alles wächst, was uns lieb und teuer ist: unsere europäische Zivilisation, unsere freiheitlichen Werte, unsere Offenheit und Toleranz.“ Die Veränderung müsse bei den jungen Menschen selbst beginnen. Anastassiya Dranchuk sagt, Musik sei eine Frage von Disziplin und harter Arbeit. Die digitalen Illusionen können nicht ersetzen, was einen Musiker oder eine Musikerin wirklich ausmacht. Ähnlich wie Greta Thunberg appelliert sie an ihre Generation, die Bequemlichkeit aufzugeben, um der Welt einen Sinn zu geben. Die jungen Leute müssten den Musikbetrieb verändern, die Türen für das Neue öffnen.

Anastassiya Dranchuk spielt Tschaikowsky, Bach-Busoni und „Black Earth“ von Fazil Say – ein Stück des türkischen Komponisten und Pianisten, der vor einigen Jahren mit einem kritischen Tweet einen Wutausbruch bei Erdogan provoziert hat. „Fazil Say ist ein großartiger Musiker“, sagt Dranchuk. Sie wollte das Stück auf ihrer nächsten CD aufnehmen. Im Petersdom darf das Stück nicht erklingen. Der Vatikan ist noch nicht reif für muslimische Künstler.

Dranchuk steht auf und dämpft, so steht es in Says Partitur, die Saiten mit den Fingern der linken Hand. Die Tasten, die gleichzeitig mit der rechten Hand geschlagen werden, erzeugen einen dumpfen, metallenen Klang.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.