Die medialen Reaktionen auf Nemi El-Hassans Gastbeitrag sind erschreckend

Nemi El-Hassan hat sich in einem Gastbeitrag der Berliner Zeitung zum WDR-Skandal geäußert. Die medialen Reaktionen lassen einen ratlos zurück.

Nemi El-Hassan.
Nemi El-Hassan.WDR/Tilman Schenk

Berlin-Am Dienstag hat die Journalistin Nemi El-Hassan einen Gastbeitrag auf den Onlineseiten der Berliner Zeitung veröffentlicht, in dem sie den Wirbel um die Absage ihrer Beschäftigung als Moderatorin der WDR-Wissenschaftssendung „Quarks“ aus einer sehr persönlichen und intimen Perspektive kommentiert. Für die 28-Jährige waren es schwierige Wochen und Monate, seitdem diverse Medien und Twitteraktivisten (und insbesondere die Bild-Zeitung) die Journalistin wegen ihrer Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt zur Personifizierung des Antisemitismus stilisiert haben.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Es gibt gute Gründe, die Haltung von Nemi El-Hassan zu kritisieren. Auch in der Redaktion der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung, die die Publikation des Gastbeitrags von Nemi El-Hassan verantwortet, existieren unterschiedliche Meinungen, was El-Hassans politische und ideologische Ansichten betrifft. In unserer Redaktion können wir diesen Dissens jedoch friedlich ausdiskutieren. Der Blick in die sozialen Medien, ja auch in diverse Zeitungen lässt bezweifeln, ob das allerorts so möglich ist.

Man muss die Berichte der Bild-Zeitung nicht als Kampagne beschreiben

Hätten wir eine gesunde Debattenkultur, eine wehrhafte Demokratie, wie es in Sonntagsreden gerne heißt, dann würden wir uns an einen Tisch setzen und unsere unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt, wie kontrovers sie auch sein mögen, einander vorstellen – und bestenfalls die Chance ergreifen, ein Verständnis für die Position des anderen zu gewinnen. Doch stattdessen springen wir uns an die Gurgel und üben uns in Praktiken des digitalen Lynchmobs, in dem gewinnt, wer am lautesten „Canceln! Kündigen! Rausschmeißen!“ schreit.

Die mediale Berichterstattung über Nemi El-Hassan in der Bild-Zeitung folgt derart problematischen Imperativen. Und man muss sie nicht gleich als Kampagne beschreiben. Doch zweifellos lässt sich in der Erzählweise der Berichterstattung der Bild-Zeitung über Nemi El-Hassans Haltung zum Israel-Palästina-Konflikt eine (diplomatisch ausgedrückt) tendenziöse Sichtweise feststellen, die El-Hassan als Muslima an den Pranger stellt und die Diffamierung ihres Rufs als Journalistin in Kauf nimmt, indem die Journalistin – wie von Julian Reichelt bei Bild-TV geschehen – als Islamistin gebrandmarkt wird.

Der WDR hat sich dem Druck gebeugt

Der Druck auf sie war groß. Der WDR hat sich diesem Druck gebeugt und sich gegen eine Zusammenarbeit mit Nemi El-Hassan entschieden, auch weil die Journalistin in ihrem Gastbeitrag auf den Onlineseiten der Berliner Zeitung ihren Arbeitgeber kritisiert hat. Ich finde die Entscheidung des WDR falsch. Insbesondere mit Blick auf die Hintergründe der Diskussion und der diffamierenden Art und Weise, wie Nemi El-Hassan in der Bild-Zeitung und auf dem blutigen Marktplatz der sozialen Medien behandelt wurde. All das fand und finde ich als Journalist, aber einfach auch als Beobachter erschreckend.

Aber auch viele Kommentare nach der Veröffentlichung von Nemi El-Hassans Gastbeitrag auf den Onlineseiten der Berliner Zeitung haben mich entsetzt. Als besonders beklemmend empfand ich den Text „Ein großes Kündigungsschreiben“ von Laura Hertreiter, der in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde. Dort spricht die Autorin Nemi El-Hassan ihre journalistischen Qualitäten ab, weil El-Hassan, ja, was eigentlich tut? – nichts weiter, als sich zu verteidigen.

In dem SZ-Text wird von El-Hassan absurderweise verlangt, dass sie am Mittwoch nach dem Rausschmiss durch den WDR die Zustimmung des Zentralrats der Juden über diese Entscheidung als Position in ihren Gastbeitrag hätte mit einbringen (ja selbst begrüßen?) müssen, obwohl die Reaktion des Zentralrats (und auch der komplette Rauswurf durch den WDR) erst nach dem Erscheinen des Beitrags erfolgte. („Die Zweifel an den grundsätzlichen Positionen von Frau El-Hassan waren offenbar berechtigt“, sagte der Zentralrats-Präsident Josef Schuster der Jüdischen Allgemeinen.) Muss Nemi El-Hassan die Kunst der Zeitreise beherrschen, um als Journalistin arbeiten zu dürfen? Muss sie ihren Rauswurf selbst richtig finden?

Ein falscher Like bei Instagram

Der Kommentar schlittert nicht nur wegen dieses handwerklichen Fehlers an den Grenzen der Bösartigkeit entlang. Auch die Art und Weise, mit welchen Argumenten Nemi El-Hassan abgeurteilt wird, lässt mich ratlos zurück. Ein falscher Like bei Instagram – Nemi El-Hassan hat einen Instagram-Post eines jüdischen Accounts mit einem Herzchen versehen, in dem die Flucht von palästinensischen Terroristen aus einem israelischen Gefängnis bejubelt wird –, gilt in dem Text der SZ-Autorin als Beweis dafür, dass Nemi El-Hassan ihre Eignung als Journalistin komplett verspielt hat.

In dem SZ-Kommentar wird wie folgt argumentiert: „Bild hatte auch über El-Hassans aktuellere Social-Media-Aktivitäten berichtet, mitunter hatte sie auf Instagram Herzen verteilt für die Fotos verurteilter Terroristen, die aus einem israelischen Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen sind. Sie begründet das damit, dass ‚nicht ersichtlich war, weshalb diese überhaupt im Gefängnis saßen‘. Für einen Privatmensch lässlich, für eine Journalistin grotesk.“

Diskussion über journalistische Standards

Ernsthaft? Grotesk? Ich arbeite als Journalist und bin mir nicht sicher, ob jeder Tweet, jeder Instagram-Post, den ich in meinem bisher 37 Jahre währenden Leben geteilt oder geliket habe, allen Kriterien seriöser Berichterstattung entspricht. Würde man meine Profile scannen, könnte ich nach dieser Art von Berufseignungsprüfung ebenso Probleme bekommen. (Vielleicht habe ich mal einen Tweet der polnischen PiS-Parteizentrale bei Twitter geliket? Ich weiß es nicht.) Dass der SZ-Kommentar die Like-Polizei-Aktionen der Bild-Redaktion explizit legitimiert, hebt die Debatte auf eine Ebene, die uns in ihrer säuerlichen Doppelmoral allen nur schaden kann.

Am Ende heißt es noch aburteilend: „Insgesamt lässt sich Nemi El-Hassans ‚Deal with it‘“ – so war der Gastbeitrag auf den Onlineseiten der Berliner Zeitung betitelt – „als großes Kündigungsschreiben lesen. Nicht nur an den WDR, sie hat sich damit vom Journalismus verabschiedet.“ Das sitzt! Ein so eindeutiges Abstrafen durch eine SZ-Kollegin ist selbst schon von einer derart einseitigen Energie durchsetzt, dass man nun doch mal über journalistisches Arbeiten nachdenken will.

Haben Sie eine Meinung zum Text? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.