New York in den Siebzigern, Studio 54. Auf bald jedem zweiten Bild aus dem legendären Nachtclub ist er zu sehen: Halston kichernd mit Liza Minelli oder rauchend mit Bianca Jagger; Halston, wie er eine übergewichtige Elizabeth Taylor mit Geburtstagskuchen füttert. Halston lästernd mit Andy Warhol, an der Seite seinen Lover, den Freddy-Mercury-Clon Victor Hugo. Hugo ist mit nichts angetan als mit weißen Jockstraps, Halston wie immer im schwarzen Rolli. Those were the days, und Halston war omnipräsent, ein Star unter den Stars seiner Zeit. Wie Sister Sledge sangen: „Halston, Gucci, Fiorucci, he looks like a still, that man is dressed to kill“.

Halston hat den Disco-Look maßgeblich geprägt, aber sein luftig-elegantes Design in Seidenjersey und Ultrasuede dürfte heute nur noch Mode-Geeks vertraut sein. So rückt Ryan Murphy in seinem Fünfteiler auch das Leben des 1990 verstorbenen Modemachers abseits von Nadel, Faden und Schere in den Vordergrund: Kippen und Kokain, Cruising and Crying begleiten Roy Halston Frowicks Aufstieg vom sensiblen Country-Boy, in dem der Redneck von Vater schon die „Schwuchtel“ erahnt, zum gefeierten Modemacher, einem so genialen wie gleichsam gebrochenen Narziss.

Wunderbar und mit klandestin-kontrollierter Miene von Ewan McGregor gespielt, wird Halston erst zum Modisten in New Yorks legendärem Kaufhaus Bergdorf Goodman und dann zu Beginn der Siebziger zum Designstar. Heute, mehrere Pandemien später, erscheint das alles so fantastisch leicht und unkonventionell, dass man weinen möchte, wenn sich Halston durch eine Stadt vögelt und feiert, deren finanzieller und struktureller Kollaps ein Biotop geschaffen hat für Freaks und Freigeister aller Art. Halstons New Yorker Leben ist das Vehikel für Netflix’ schamlose und liebevolle Verneigung vor dieser Zeit, der Aids so abrupt wie dauerhaft ein Ende bereitete.

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Am 22. Mai 2021 im Blatt: 
Das große Glücksspezial: Berlin macht die Türen auf. Wie ist die Stimmung in der Stadt nach dem Lockdown?

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Der Israel-Konflikt hat die Neuköllner Rütli-Schule erreicht. Unsere Reporterin hat die Schüler getroffen

Neues Gesetz zum autonomen Fahren: Ein Porträt eines deutschen Unternehmers, der die Technik dazu liefert

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Auch Halston wird ein Opfer dieser Pandemie. Als er stirbt, sind die meisten seiner Weggefährten der Immunschwäche längst zum Opfer gefallen. Trotz der Tragik will man keine Sekunde verpassen, denn Netflix hat ein Märchen produziert, in dem einfach alles stimmt: Ausstattung, Tempo, Darsteller. Gleichzeitig haben die Produzenten den Mut bewiesen, keine hysterische Karikatur über die Modewelt zu schaffen, deren Unterhaltungswert wohl ebenfalls groß, deren Nachhall aber nur von kurzer Dauer gewesen wäre.

Wertung: 5 von 5 Punkten

Halston, fünf Folgen, läuft bei Netflix.

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