Berlin - Vergangenen Sonntag war ich beim Kommentatoren-Talk bei Radio 1 eingeladen. Als ich hinterher nach Hause fuhr, ging ich im Kopf die Runde nochmal durch. Es war etwas passiert, was ich so noch nie erlebt hatte. Unter den Gästen waren noch zwei weitere Ostler gewesen, der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit, gebürtig aus Pankow und die Journalistin Cerstin Gammelin, geboren im sächsischen Freiberg. Wir kamen mit dem Moderator und den anderen Gästen auf eine Quote auf über vierzig Prozent. Ich weiß nicht, ob es das schon mal beim Kommentatoren-Talk gegeben hat. 

So eine hohe Ost-Quote kommt sonst bei Gesprächsrunden im Radio und Fernsehen höchstens dann zustande, wenn es um Themen wie die Stasi oder die AfD geht. An diesem Tag aber ging es um die Pandemie.

Ich fuhr gut gelaunt durch die Stadt und verspürte ein Hochgefühl. Ich war kurz davor, dem Organisator der Runde, Blumen zu schicken. Und Schmidt-Chanasit und Gammelin wollte ich am liebsten gleich zur Teilnahme gratulieren. Mein Überschwang war mir gleichzeitig etwas peinlich. Es wirkte verzweifelt. Dabei sollten Ostdeutsche, Frauen zumal, doch bitte souverän und cool wirken, so wie Angela Merkel früher. Aber Ostdeutsche und die Medien, das ist eine komplizierte Geschichte. Eher nicht so souverän.

Vor kurzem bin ich gefragt worden, ob ich in den ARD-Presseclub möchte, Thema sei die Beziehung zu Russland. Ich war aufgeregt, ich bin mit dem Presseclub aufgewachsen, meine Oma hat die Sendung geliebt. Einmal lief Presseclub, als ich sie besuchte, ich hatte gerade meinen ersten Job als Redakteurin angefangen. „Wann wirst du endlich eingeladen“, hatte sie gefragt. Ich bat um Geduld.

Seitdem waren zwanzig Jahre vergangen, meine Oma lebt nicht mehr. Ostdeutsche sind nach wie vor eine Rarität im Presseclub, was damit zu tun hat, dass meist Chefredakteure oder Redakteure der Leitmedien eingeladen werden. In den Führungsetagen der wichtigen bundesrepublikanischen Medien sind aber so gut wie keine Ostdeutschen zu finden, konnte man erst kürzlich wieder in einem Bericht der Otto-Brenner-Stiftung lesen. Auch in den Chefetagen der ostdeutschen Regionalzeitungen und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind Ostdeutsche eher unterrepräsentiert. Gleichzeitig werden die Leitmedien der Bundesrepublik, wie SZ, FAZ, Spiegel, im Osten kaum gelesen. Das hänge mit ihrer Themenauswahl, der Perspektive und der Sprache zusammen, die abgehoben wirke und auf den Osten wie auf ein fremdes Land schaue. Da war nicht neu, aber es war nach 30 Jahren auch nicht so viel besser geworden. Ich hatte öfter darüber geschrieben. Die Herausforderung war, nicht verbittert zu werden.

Also verbreitete ich gute Laune und sagte freudig, ich käme gerne in den Presseclub. Am anderen Ende der Leitung in Köln saß eine energische Redakteurin, die fragte, ob ich denn auch die „ostdeutsche Linie“ vertrete. Die ostdeutsche Linie? Also eher Putin-freundlich, meinte sie. Ich sagte nein, ich halte Putin für gefährlich, dann versuchte ich zu erklären, dass es keine einheitliche „ostdeutsche Linie“ gebe, aber ich merkte, dass die Frau schon nicht mehr zuhörte. Sie suchte weiter, nach jemandem, der ihren Vorstellungen entsprach.

Ich schrieb ihr noch eine Mail hinterher, in der ich meine Liebe zu Russland, zur russischen Sprache und Kultur erläuterte, aber es nützte nichts. Ich war ostdeutsch, aber irgendwie schon wieder nicht ostdeutsch genug.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.