Berlin - Carmen schuftet in einer Zigarrenfabrik. Ihre Beziehungen zu Männern sind pragmatisch. Leider hat sich Kurzzeitpartner Don José in die feurige Sintiza verliebt; sein Leben gerät deshalb bald aus den Fugen. Und weil spanische Männer bis in die Gosse hinein stolz bleiben, muss er Rache üben. Aus heutiger Sicht strotzt die von Prosper Mérimée Mitte des 19. Jahrhunderts in die Welt gesetzte Novelle nur so von ethnischen Klischees. Sie wurde unzählige Male für Oper, Ballett, Theater und Film adaptiert, 1918 auch von Ernst Lubitsch. Seine Version ist jetzt im Rahmen der UFA-Filmnächte auf der Museumsinsel zu sehen.

An drei Abenden werden stumme Klassiker mit zeitgenössischer Musikbegleitung aufgeführt. Sie trumpfen durchweg mit Exotismus. Das frühe Kino schöpfte noch voll aus dem Quell von Rummelplatz und Varieté. Die in Fabriken und Mietskasernen eingesperrten, blassen Deutschen waren ganz verrückt nach Attraktionen und Leidenschaften fremder Völker und nach gefährlich-schönen Begegnungen. Heute erscheint uns davon vieles unerheblich und manches bedenklich. Ohne Zweifel werden in „Carmen“ Ressentiments gegen Sinti oder Andalusier produziert. Und in Murnaus „Nosferatu“ (1922) mutieren die Karpaten zum dunklen Humus, aus dem Vampire nach Westen ziehen, um den vermeintlich zivilisierten Völkern das Blut auszusaugen.

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