Die unerträgliche Einsamkeit eines „Querdenkers“

Unser Kolumnist trifft einen „Querdenker“ in Berlin. Nach und nach spürt er: Es handelt sich um einen Menschen, dem man nie zugehört, ja, den man verdrängt hat.

Moderator Thilo Mischke - Heiß & Fettig / Thilo Mischke empfängt in der Goldmarie illustre Gäste, die freimütig über ihr Liebesleben berichten.
Moderator Thilo Mischke - Heiß & Fettig / Thilo Mischke empfängt in der Goldmarie illustre Gäste, die freimütig über ihr Liebesleben berichten.imago/Thomas Lebie

Berlin-Und da steht er am Olympiastadion mit einem Megafon unter der Achsel, das Gesicht von großem Glück verändert. Er steht da, den Rücken durchgedrückt, spricht mit fester Stimme über das, was ihn bewegt. Im Hintergrund bauen sich Polizisten zu einer Mauer auf.

Leute bleiben stehen, hören ihm zu, schlagen ihm freundschaftlich, aber immer zu fest auf den Rücken. Jubeln ihm zu. Und sind seiner Meinung. Es ist einer dieser unsicheren Sonntage, die es in diesem Sommer oft gibt. Der Wechsel zwischen Funktionsjacke und T-Shirt ist so fließend wie zwischen Husche und Sonne.

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Am 14./15. August 2021 im Blatt: 
Wir Abgehängten. In 16 Jahren Merkel hat Deutschland bei der Digitalisierung riesige Chancen verpasst. Was sich nach der Wahl ändern muss

Gerhard Schröder kämpft für sie, wir testen sie: die Currywurst. Und hier gibt es die allerbesten!

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Der Graben, der durch unsere Gesellschaft geht

Ich beobachte ihn, professionell. Malte, der Freiburger aus Schleswig-Holstein, der extra die Fahrt aus dieser südwestdeutschesten Stadt nach Berlin auf sich genommen hat. Extra, um an dieser großen, für ihn wichtigen Demonstration teilzunehmen.

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Ich habe mich im vergangenen Jahr sehr viel mit dieser Bewegung auseinandergesetzt. Habe auf Facebook geübt, wie es sich diskutieren lässt, wenn man unterschiedlicher Meinung ist, und musste dort lernen, dass es nicht ums Diskutieren geht. Sondern ums Rechthaben.

Ich habe mich mit alternativen Medienmachern getroffen, mit traditionellen Medienmachern, mit Opfern von Hass und mit Menschen wie Malte. Ich war auf unzähligen Demonstrationen und wurde bedroht, beleidigt, bespuckt, aber auch in Schutz genommen und verteidigt. Weil es mein Beruf ist, habe ich mich in den Graben, der durch unsere Gesellschaft geht, begeben.

Malte fühlte sich leer

Besonders Menschen wie Malte haben mich fasziniert. Ich wollte verstehen, warum sie unsere Demokratie so verachten, warum sie Andersdenkende so furchtbar dumm finden. Ich wollte wissen, warum sie antisemitische Mythen reproduzieren, ohne dass sie es merken.

Ich habe viel mit ihnen geredet, Zeit mit ihnen verbracht, war mit ihnen spazieren, Mittag essen und ich war mit ihnen still. Und das ist möglicherweise der Weg zueinander gewesen. Still sein. Auch mit Malte, noch in seiner Wahlheimat. Nach einem fast dreistündigen Interview saßen wir beide erschöpft vor einer kleinen Waldkapelle. Und haben einander beobachtet. Ich war wütend auf ihn. Ich habe im Gespräch die Fassung verloren und mich danach bei ihm entschuldigt. Und er, er hat mich angesehen.

„Das ist schon okay“, sagte er. „Ich hätte mich auch besser auf das Gespräch vorbereiten können.“ Wir laufen nebeneinander und ich spüre, wie leer sich Malte führt. Das wollte ich nicht.

Wie es ist, ein Querulant zu sein

Viele dieser Menschen, die ich auf den Demonstrationen getroffen habe, in ihren Wohnungen, in Cafés, wurden durch unsere Gesellschaft, die sie so verachten, gebrochen. Diese Bewegung ist ein Produkt einer Gesellschaft, die anderen ständig und immer ihre Makel vorführt. Nun sind nicht nur unsere Freunde, Familienmitglieder an Corona erkrankt, sondern auch unsere Gesellschaft. Und es kommt nun zutage, was sonst unter der guten Laune einer Leistungsgesellschaft verdrängt wird: die Verdrängten.

Vielleicht ist es das, was sie so viel Hass spüren und sprühen lässt. Sie werden nicht geliebt, nicht gebraucht, nicht geschätzt. In den Sehnsüchten sind wir einander aber alle gleich, denke ich, als ich Malte auf einer Parkbank mit Blick über die anbiedernde Landschaft um Freiburg beobachte.

„Wurdest du in der Schule gehänselt?“, habe ich wütend gefragt während des Interviews. Und ich meine die Frage ernst. Und Malte will nicht antworten. Ein untersetzter Mann, den ich auf 45 Jahre geschätzt habe, bis er mir sagt, dass er 37 ist. Während wir Zeit verbringen, raucht er ein Päckchen Tabak am Tag, drückt die dünnen Zigaretten zwischen Daumen und Zeigefinger aus, hebt den Rest der Selbstgedrehten in seiner Hosentasche auf.

Nun ist Malte nur noch alleine in Berlin

Er lebt mit seiner Schwester zusammen, sollte eigentlich Historiker sein, nennt sich aber nur so. Dafür hat er schon jeden Job gemacht, den es gibt. Von Maurer bis Pizzalieferant. Er erzählt von seiner Schulzeit. Davon, wie es ist, der Querulant zu sein. Aber eigentlich erzählt er in den stundenlangen Gesprächen davon, wie es ist, einsam zu sein. Nicht gebraucht, nicht gewollt, nicht gesehen zu werden.

Es bedrückt mich. Nichts an Malte und mir passt zusammen, wir würden nie Freunde werden, ich würde Malte niemals fragen, ob er mit mir spazieren gehen würde, ob er mit mir nach Island käme. Malte und ich würden uns nicht kennen. Malte ist einsam. Er ist einer der einsamsten Menschen, die ich je getroffen habe.

Später wird Malte von der Polizei festgenommen werden, sie nehmen ihm sein Megafon ab. Die Menschen hören nicht mehr, was er sagt, sie schlagen ihm auch nicht mehr (immer zu fest) auf die Schulter. Nun ist Malte nur noch alleine in Berlin.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.