Berlin - Auf meinem Handy leuchtete vor ein paar Tagen eine Nachricht. „Wie geht’s“, schrieb ein Bekannter aus New York, den ich seit mehr als einem Jahr nicht gesehen hatte. Sonst war er regelmäßig in Berlin gewesen. Wir hatten uns über WhatsApp ausgetauscht, telefonierten gelegentlich, aber seit ein paar Wochen hatten wir nichts voneinander gehört. Wie geht’s, stand auf dem Bildschirm. Ich war zu Hause, starrte ein paar Sekunden drauf, dann machte ich den Gesprächsverlauf zu. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.

Als ich in England lebte, wusste ich immer, was ich auf die Frage „How are you?“, „Wie geht’s“ antworten sollte. Man sagte „fine“, was alles mögliche bedeuten kann: gut, okay, nicht schlecht. Es gibt eine negative Steigerungsform: „not too bad“ (nicht soo schlecht), die verwendet man aber nur, wenn man sehr schwer krank ist, also mindestens Krebs im Endstadium.

Seitdem ich wieder in Deutschland lebe, weiß ich nie, was ich auf die Frage antworten soll. Ist es eine Begrüßungsfloskel oder mehr? Was wollte mein Bekannter wissen? Ich könnte „gut“ antworten: Denn das stimmte ja, zumindest auf dem Papier. Ich war gesund, hatte keine existenzielle Not.

Aber ein knappes „gut“ in einem Chatverlauf könnte gereizt wirken, schnippisch. Was gab es noch zu berichten? Das war ja das nächste Problem. Ich saß zu Hause, ich brachte die Kinder zur Kita, immerhin, dann ging ich zurück an meinem Schreibtisch. Ich war zu Hause, hatte keine Pläne. Sonst irgendwelche Highlights? „Ich habe einen Impftermin“ ist das neue „Ich stehe auf der Gästeliste“, schrieb eine Nutzerin auf Twitter. Ich hatte nur einen Zahnarzttermin. Ich war mir nicht sicher, ob das jemanden in New York interessierte.

Ein paar Tage später bekam ich ein Bild von meinem Bekannten aus New York geschickt. Von ihm mit seiner Mutter. Er war für 24 Stunden von New York nach Frankreich gereist und wieder zurück. Ein kleines ekliges Gefühl kam hoch. Er schrieb dazu: „Und wie geht’s?“ Sollte ich schreiben: „Ich sitze fest“. Ich war neidisch, wofür ich mich sofort schämte. Wenn schon nicht in der Pandemiebekämpfung, dann sind die Deutschen mindestens beim Neidischsein noch Weltmeister. Aber das konnte ich auch nicht schreiben.

Söder oder Laschet? Selbst die Nachrichten stehen auf der Stelle

Ich hatte mal einen Kollegen, mit dem ich ein Büro teilte. Er trug tagein, tagaus den gleichen grauen Pullover, die gleiche Frisur, ging mittags immer pünktlich um 12 in die Kantine, sprach wenig. Er las am liebsten den Reiseteil der FAZ, las von Reisen in die Fjorde, auf die Galapagos-Inseln, nach Sansibar. Er selbst fuhr höchstens an die Ostsee. Auf die Frage „Wie geht’s“, die ich ihm stellte, obwohl ich selbst nicht gern drauf antwortete, sagte er: „Muss ja. Und selbst?“ Schön berlinerisch.

Ich fühle mich inzwischen ein bisschen wie der Kollege, seit Wochen im gleichen Sweatshirt, sitze am gleichen Platz, lese Reisebücher. Jeder Tag ist wie der gleiche, selbst die Nachrichten scheinen auf der Stelle zu stehen. Söder oder Laschet, Baerbock oder Habeck? So geht das seit einem Jahr. Um den Mangel an Ideen zur Bekämpfung der Pandemie zu kaschieren, müssen Wellenbrecher und Brücken herhalten.

Mein alter Kollege hat eines Tages unvermittelt gekündigt, er trennte sich von seiner Frau, zog in die Alpen und fing in einem Tourismusbüro an. Ich frage mich, wie es ihm wohl geht. Muss ja, wahrscheinlich.