Berlin-Mitte - Wie um alles in der Welt sieht sie aus, die prototypische Wohnung eines Berliner Kreativen? Die von Artdirector André Michel Wyst erfüllt die Basics geradezu musterhaft: 150 Quadratmeter in der Torstraße in Mitte, Altbau von 1918 mit Stuck und einer Palette historischer Originalböden, aber weit und breit kein Teppichboden. Passt.   

Nicht nur putztechnisch gesehen regieren hier Funktionalität und Realismus. „Die beiden schweren Buchregale stehen genau dort, wo früher die Altbau-Öfen standen − bei der Statik ging ich lieber auf Nummer sicher“, erklärt der 52-Jährige lachend. Und die Fenstervorhänge im Wandflächenformat, die in den drei Fronträumen oft auch tagsüber die Sicht auf die Torstraße verdecken − eine Hommage an Mies van der Rohe? „Mir ist es lieber, wenn ich die Rahmen der Schallschutzfenster nicht sehen muss“, sagt Wyst. Der Straßenlärm sei hier beträchtlich, den würden die massiven Fensterrahmen zuverlässig abblocken. „Schönheiten sind sie allerdings keine.“

Doch was sprach gegen normale Vorhänge links und rechts von jedem Fenster? „Solche Schals haben oft etwas Spießiges“, sagt Wyst. „Ich fand, eine einzige Wand aus Stoff wirkt abstrakter, fast wie Messebau.“ Aha, also doch Mies beziehungsweise Lilly Reich, die für die Textilien in dessen Projekten zuständig war.

Foto: Gregor Hohenberg
Schräge Pastelle: Das Schlafzimmer wurde in Altrosa von Farrow & Ball gestrichen, die flache Konsole im Memphis-Look entwarf Wyst selbst.

Apropos Männer und Frauen: Als André M. Wyst vor rund zwölf Jahren diese Wohnung übernahm, lebte er noch mit seiner Frau Ines zusammen. „Außer uns hatten sich noch ein Arzt und ein Anwalt um die Wohnung beworben, und wir dachten: Keine Chance. Aber wir kriegten sie trotzdem. Weil wir die Einzigen mit vollständigen Unterlagen waren, erklärte uns die Maklerin. Der Anwalt hatte wohl bloß ein Email geschrieben.“

Die Entscheidungen zur Grundgestaltung erfolgten gemeinsam, die lackierten Dielen etwa waren ein eigenhändiges Gemeinschaftswerk von Ines und ihm. „Das war von Anfang an klar: Der gruselige Honigton des Holzes musste verschwinden. Also abgeschliffen und angemalt. Vom deutschen Hersteller Caparol gibt es ja dieses clevere System mit der exakt gleichen Nuance als Wandfarbe, Boden- und Heizkörperlack.“ Inzwischen wohnt und arbeitet er allein in der Wohnung. „Gerade zuletzt fühlte ich mich schon sehr privilegiert“, sagt er. „Denn für mich hat sich kaum etwas geändert, als überall Homeoffice ausgerufen wurde.“ 

Foto: Gregor Hohenberg
André Wyst liebt technische Kuriosa wie dieses Modell eines Experimentalautos, das er in England entdeckte.

Die Möblierung ging von Anfang an auf sein Konto. Sie erzählt von unzähligen nächtlichen Sessions auf Ebay und diversen Auktionsportalen, immer auf der Jagd nach Stücken im Memphis-Look der 1980er. Von den an Holzspielzeug erinnernden Vintage-Tischleuchten von Olivier Villatte etwa, die Wyst besonders liebt, gibt es hier eine ganze Familie: „Jede ist einen Tick anders – ich habe sie nach und nach gekauft, mal für 60 und mal für 600 Euro. “

Eine der farbigen Lampen steht auf einer niedrigen Ablage gegenüber seinem Bett und wirkt wie der unernste Bodyguard eines Loewe-Röhrenfernsehers, der tatsächlich noch funktioniert. Überhaupt das Schlafzimmer. Trotz puderrosa Wandfarbe und Vorhängen wirkt es weniger boudoirhaft als schräg, ja fast punkig in seinem Clash aus femininer Grundstimmung und maskulinen Möbelkonturen, in denen immer wieder die Kugeln und Pyramiden des Memphis-Stils auftauchen.

Bewegliche Lichtquellen zählt man ganze 30 Stück in der Wohnung, von der poppigen Klemmleuchte im Zwergenformat  bis zu Richard Sappers acht Kilo schwerer „Tizio“ mit Standsäule. „Ich denke, das ist meine Rebellion gegen die zentrale Pendelleuchte in jedem Raum wie in konventionellen Wohnungen“, sagt Wyst lachend. „Ich mag es einfach, wenn ein Raum durch mehrere Lichtquellen eine angenehme Atmosphäre bekommt. Auch wenn einige bloß mit sieben oder elf Watt leuchten, wie Teelichter.“

Foto: Gregor Hohenberg
In Original-Fiberglas und mit dem schwarzen Gestell – Eames Chairs in vielen Farben flankieren den Esstisch von E15. „Nur das seltene ‚Sea foam‘ und ein komisches Rot fehlen mir noch“, sagt Wyst.

Neben einer XXL-Version der berühmten Eames-Garderobe von Vitra mit bunten Kugeln im Esszimmer („ein limitiertes Werk, das der Künstler Ruby Anemic mal aus Platzmangel bei mir eingelagert und nie mehr wieder abgeholt hat“) fallen vor allem die vielen Vintage-Gerätschaften aus dem technischen Bereich auf, die Wyst sammelt. Von Fadenzählern und Teilen astronomischer Apparate bis zu einem tatsächlich wunderbar gearbeiteten Fotostativ namens „Seeadler“ aus den 1950ern. „Als ich den Namen gelesen habe, gab es kein Halten mehr – ich musste es haben“, sagt er.

Den Sinn fürs Technische hat er wohl seiner ersten Ausbildung zu verdanken, einem Industrieberuf, den er –„immerhin bis zum Gesellenbrief!“ – ursprünglich erlernt hat. Durch Siebdruckkurse fand er schließlich zum Grafikdesign, zu Illustration und Layout. Heute gestaltet er Zeitschriften (etwa B History, das gar nicht verstaubte Geschichtsmagazin des Berliner Verlags) oder opulente Bildbände und tüftelt an Corporate-Publishing für Immobilienprojekte der Luxuskategorie.    

Foto: Gregor Hohenberg
Selbst ist der Mann, auch beim Verkabeln: Artdirector André M. Wyst.

Aber vielleicht ist ja auch das very Berlin: Dass Kreative, die ganz vorne dabei waren im technologischen Gamechange der Digitalisierung, so wie André M. Wyst als Artdirector an diversen Redaktionssystemen, sich privat dem Ende der mechanischen Produktkultur spielerisch verweigern. Und also Vintage-Leuchten sammeln, die Verarbeitung optischer Instrumente bewundern und sich an der mutigen Optik von Rosenthal-Keramik aus den 1960ern erfreuen. Und natürlich besitzt Wyst auch einen modernen Klassiker auf vier Rädern: einen BMW von 1973, den er selbst in Schuss hält.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo.