Berlin - Offenbar war Christian Dior auch mal persönlich in Berlin. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt ihn 1955 auf dem Kurfürstendamm. Den Mantel lässig über den Arm geworfen, im Gesicht ein mildes Lächeln läuft er beschwingt die Straße hinunter, im Hintergrund ragt die Gedächtniskirche empor – Monsieur scheint sich wohlzufühlen. Und wahrscheinlich hätte es Dior auch im Berlin der Gegenwart nicht schlecht gefallen.

Die Stadt ist schließlich bekannt als Produktionsort aufregender Kunst, und der 1957 verstorbene Couturier war ein großer Liebhaber dieser. Da passt es gut, dass die Wanderausstellung „Lady Dior As Seen By“ nach Shanghai, Düsseldorf, Mailand, Tokio und São Paulo in der Auguststraße Halt macht: Ab Samstag, den 12.Juni, ist sie in der Michael Fuchs Galerie zu sehen, unter den Exponaten sind nun auch neue Arbeiten dreier Berliner Kunstschaffender. Seit 2011 bittet die Modemarke immer wieder Künstlerinnen und Künstler, sich von dem ikonischen Taschenmodell „Lady Dior“ zu neuen Werken inspirieren zu lassen – rund 70 so entstandene Exponate umfasst nun die Berliner Schau. Und sie gleicht einer einzigen Materialschlacht.

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Taschen-Skulpturen aus Glas, Keramik, Plastik und Stahl

Eine „Lady Dior“ aus unzähligen Glaslinsen zusammengesetzt (Kohei Nawa, 2011), eine ins Comic-hafte stilisierte Taschen-Silhouette aus Polystyrol (Vincent Beaurin, 2010), eine aus lasierten Steingutstücken, die an Knochen erinnern (Martin & Youle, 2013). „Lady Dior“-Skulpturen aus Keramik, Plastik, Stahl – viele der gezeigten Künstlerinnen und Künstler experimentieren mit dem modefremden Material, ersetzen das butterweiche Dior-Leder kurzerhand durch einen kalten, harten Werkstoff.

Stefan Dotter
Michael Sailstorfers Taschen-Skulptur wiegt etwa 35 Kilogramm.

So wie Michael Sailstorfer. Seine etwa 35 Kilogramm schwere „Lady Dior“ ist aus Eisen gegossen, auch eine recht brachiale Performance ist Teil seiner Arbeit mit dem Titel „Heavy Bag“: Die eiserne Tasche ließ der Künstler aus hoher Höhe auf Beton und Glas fallen, in der Ausstellung wird neben dem Objekt auch eine Fotografie des zerstörten Bodenstücks gezeigt.

Sailstorfer ist einer von drei Kunstschaffenden aus Berlin, deren „Lady Dior“-Interpretationen ab jetzt Teil der stetig wachsenden Sammlung des Projekts sind. Neben ihm gehören Debora Mittelstaedt und Tomislav Topic dazu: Während sie sich von der sanftmütigen Lady Diana, die dem Taschenmodell seinen Namen gab, zu einer Fotografie von vier Frauen, die sich in den Armen liegen, inspirieren ließ, entwickelte er eine technisch anmutende Taschen-Skulptur.

Stefan Dotter
Aus Tomislav Topic Designertasche dringen 372 farbig lackierte Edelstahlstäbe empor.

372 farbig lackierte Edelstahlstäbe unterschiedlicher Längen dringen in Topics Arbeit aus der Designertasche empor. Je nach Perspektive zeichnet sich ein Moiré-Effekt ab – ein Effekt also, der bei Überlagerung regelmäßiger Raster entsteht und so ein eigenes periodisches Raster ergibt. Die Tasche, die sich durch ihren prägnanten halbrunden Henkel, Rattan-ähnliche Steppnähte und metallene Logo-Anhänger auszeichnet, ließ der Künstler völlig unberührt. Da gingen andere mit ihrer Form schon rücksichtsloser um.

Fotografien von Patrick Demarchelier und Steve McCurry

Die gläserne „Lady Dior“ der New Yorker Künstlerin Olympia Scarry zum Beispiel zerspringt rechts und links zu spitzen Ausformungen, die an kleine Eisberge erinnern. Und der spanische Bildhauer Arturo Berned hat sie gleich ganz zu einem grafisch-kastigen Objekt verfremdet, das so gar nichts mehr von Handtasche hat. So vielfältig und überraschend sind die Skulpturen, dass sie die fotografischen Interpretationen, die etwa die Hälfte der Schau ausmachen, beinahe in den Schatten stellen.

Dabei hängen gerade an den Galeriewänden die Arbeiten echter Schwergewichte, darunter Modefotograf Patrick Demarchelier und Fotojournalist Steve McCurry. Es ist aber ohnehin die Förderung junger, nicht immer bekannter Künstlerinnen und Künstler, die das Projekt „Lady Dior As Seen By“ so charmant machen: Man stelle sich nur vor, was so ein Engagement für einen aufstrebenden Kulturschaffenden auch finanziell bedeuten kann. Im Sinne des Markengründers wäre das sicherlich.

Stefan Dotter
Debora Mittelstaedts emotionale Fotografie ist von Lady Diana inspiriert.

Tatsächlich widmete sich Dior lange vor der Mode anderen Kulturdisziplinen, spielte in einer Band mit dem Maler Christian Bérard und dem Dichter Max Jacob, leitete irgendwann eine Gemäldegalerie in der Pariser Rue de la Boétie. Auch als Couturier war es später immer wieder die Kunst, die Christian Dior besonders bewegte. Eigene Entwürfe benannte er nach Kulturschaffenden oder Kunsteinrichtungen, ein Abendkleid aus weißem Organdy zum Beispiel hieß „Jean Cocteau“, ein Etuikleid taufte er „Musée du Louvre“. Mit der „Lady Dior“ hatte der Meister allerdings schon lange nichts mehr zu tun – sie wurde erst 1995 entwickelt.

Lady Dior As Seen By, 12. bis 27. Juni, Michael Fuchs Galerie, Infos unter berlin.ladydiorasseenby.com


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