Berlin - Queens, N.Y., Ortsteil Willets Point: Das im Volksmund „Iron Triangle“ (Eisernes Dreieck) genannte Viertel muss man sich als Alptraum deutscher Autoliebhaber vorstellen. Statt übersichtlicher Werkstätten empfängt einen das schiere Chaos. Geduckt unter einer Einflugschneise und eingezwängt von Autobahnen drängen sich zirka 250 Geschäfte, die im weiteren Sinne mit Fahrzeugen zu tun haben, vielmehr mit deren Überresten. 

Auf den ersten Blick wirkt der Ort wie eine gigantische Müllhalde, wie eine Stadt aus Schrott. Doch bald zeigt sich, dass hier nicht nur schwer gearbeitet wird, hier wird auch gekocht, gefeiert, gestritten und musiziert. Wurde – muss man wohl sagen. Denn dieser einzigartige urbane Melting Pot, wie er 2009 im Dokumentarfilm „Foreign Parts“ festgehalten wurde, gehört der Vergangenheit an. New York hat große Pläne mit dem Terrain, der „Schandfleck“ soll Einkaufs- und Kongresszentren weichen.

Ein Archiv für verschwundene Orte

Es ist das Verdienst des an der Harvard University in Neuengland ansässigen „Sensory Ethnography Lab“ (SEL), verschwindende Orte und Lebensformen zu erhalten. Unter der Leitung von Lucien Castaing-Taylor arbeitet dort seit 2006 eine Gruppe von Ethnografen und Regisseuren an einem filmischen Katalog, der verschwundene Orte archivieren will. Erstmals werden nun sechs Werke des SEL in einer Online-Werkschau des Berliner Filminstituts Arsenal präsentiert.

Einem größeren Kreis von Zuschauern zugänglich waren bislang nur zwei Arbeiten. Das Schafs-Epos „Sweetgrass“ (2009) entführte auf die Hochplateaus von Montana, wo die letzten großen Herden wie noch vor hundert Jahren gehalten wurden. „Leviathan“ (2013) gewährte Einblicke in die Hochseefischerei im Atlantik. Als zeitgenössisches Update von John Griersons Klassiker „Drifters“ (1929) tauchte die Kamera buchstäblich in die knochenharte Arbeit der Fischer ein.

Ein Wunder

Zwei im selben Jahr entstandene Filme finden an weit entfernten Orten verwandte Sujets. „Yumen“ zeigt eine verlassene Industriestadt im Norden Chinas, inszeniert in chernobylhaften Ruinen absurde Performances. „Makanama“ kreiert mit scheinbar einfachen Mitteln ein kontemplatives Gruppenporträt aus Nepal. Zwei Stunden lang blickt die statische Kamera auf Passagiere einer Seilbahn, begleitet sie auf ihrem Weg zu einem hinduistischen Heiligtum. Gerahmt vom Fenster der Kabine erleben wir Pilger, Musiker, Touristen, Rocker oder auch Ziegen. Wir schaukeln mit ihnen über die Wipfel, schwingen uns ein in eine fremde, doch plötzlich nahe Welt.

„Somniloquies“ (2017) schließlich erinnert an ein bizarres Kapitel der US-amerikanischen Musikgeschichte: Dion McGregor (1922-1994) wird gewürdigt, einst durch die Fähigkeit berühmt geworden, seine eigenen Träume simultan vor sich hinzusprechen. Die Mitschnitte erschienen 1964 auf LP. Auch als Songwriter war er aktiv. In der Version von Barbra Streisand wurde ein Stück zum veritablen Hit. Sein Titel „Where Is The Wonder?“ darf programmatisch verstanden werden. Es liegt gleich nebenan.

Tickets für die Filme des „Sensory Ethnography Lab“ (SEL) gibt es bis zum 31. März unter: www.arsenal-3-berlin.de

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