Berlin - Kann das funktionieren? Einen Comic über einen Superhelden zu zeichnen, der außergewöhnliche Kräfte entwickelt, wenn er Frauenkleider trägt? Wenn er sich schminkt und eine schwarze Augenbinde umlegt? So klingt jedenfalls die Grundidee hinter der Graphic Novel „Dragman“. In dem kürzlich erschienenen Werk des englischen Comiczeichners Steven Appleby ist der Held namens August Crump eine trans Person, die, sobald sie sich in Frauenkleider wirft, Superheldenkräfte entwickelt und sich anschließend in die Lüfte emporschwingt. Zusammen mit seiner Partnerin Dog Girl rettet Dragman so Menschenleben.

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Die Graphic Novel von Steven Appleby, der selbst als trans Person lebt, erzählt die Geschichte von Dragman nicht unbedingt als Heldinnensaga, sondern vor allem als Identitätsgeschichte, die die Herausforderungen eines trans Menschen in den Mittelpunkt rückt. Dabei spielen Etikettierungen gar keine so große Rolle, sondern vor allem das Bedürfnis, Identität als ein fluides Konzept zu begreifen und sie jenseits starrer Kategorien spürbar zu machen.

Ein queerer Superheld, der fliegen kann

Dragman sagt an einer Stelle, die konkrete Bezeichnung für sein Geschlecht sei irrelevant. Mann oder Frau? Ganz egal! „Wenn überhaupt, bin ich trans. Eigentlich versuche ich nur, ich selbst zu sein“, so heißt es in dem Comic. Die Graphic Novel zeigt Situationen, in denen Dragman auf seine Non-Konformität hingewiesen wird (in der Bar, bei der Arbeit, in der Familie), aber auch Momente, die die Bewusstwerdung seines queeren Ichs und des wachsenden Selbstbewusstseins nachvollziehbar machen. Man könnte sagen, Dragmans wahre Superkräfte bestehen darin, sich zu seiner Identität offen und ehrlich zu bekennen. Das allein erfordert überirdische Kräfte.

Teilweise arbeitet Steven Appleby, der 65 Jahre alt ist, in dem Comic mit Zeitsprüngen, um zu erklären, wie Dragman sein transgeschlechtliches Ich (und seine Superkräfte) entdeckte. So entsteht in dem Comic eine kontrastreiche Gegenüberstellung zwischen der früheren und späteren, also der schambefreiten trans Person. In einer Szene wird etwa Dragman alias August Crump als 16-Jähriger gezeigt, wie er aus Lust und Neugier einen Strumpf anprobiert und dabei zusehen muss, wie sein Körper an die Decke schwebt. Es ist die Geburtsstunde von Dragman als queerem, fliegendem Superhelden.

2007 hatte Steven Appleby sein Coming-out

Steven Appleby hat in dem Comic seine Erfahrungen nach seinem Coming-out und seine Identitätsgenese verarbeitet. So erzählt es der Londoner Comiczeichner der Berliner Zeitung am Wochenende in einem Videogespräch. Welche Passagen an dem Werk biografisch sind und welche nicht, das will der Künstler allerdings nicht sagen. Und doch kann, ja muss man die Graphic Novel als Spiegelung seiner Erlebnisse lesen. „Ich habe schon immer absurde Situationen in meinen Comics verarbeitet. Schon lange wollte ich ganz konkret thematisieren, wie es ist, wenn man als Mensch ein Geheimnis hütet.“ Applebys persönliches Geheimnis ist gelüftet. Seit 2007 trägt er auch öffentlich Frauenkleider. Seine Kinder, seine Exfrau, seine Freunde – sie alle haben es akzeptiert.

Filip Kolek
Zur Person

Steven Appleby wurde am 27. Januar 1956 geboren. Er ist ein Comiczeichner, Illustrator und Künstler und lebt in London. Er hat die britische und die kanadische Staatsbürgerschaft. Bekannt geworden ist er durch Cartoons für den Guardian. Sein letztes Werk heißt „Dragman“ und ist auf Deutsch im Schaltzeit Verlag in Berlin erschienen.

„Ich hatte kein Problem damit, mein Geheimnis herumzutragen. Aber irgendwann wurde ich immer unglücklicher. Ich fühlte mich unwohl, weil ich wusste, dass ich nicht ehrlich durchs Leben gehe.“ In der Graphic Novel wollte der Comiczeichner zeigen, wie es ist, die eigene Identität verstecken zu müssen – und welche Anstrengung dies kostet. „Als ich 2007 mein Coming-out hatte, wollte ich meinen Kindern gegenüber ehrlich sein und sicherstellen, dass sie mich als den Menschen kennenlernen, der ich bin.“ Zu diesem Zeitpunkt waren Applebys Söhne neun und elf Jahre alt. Beide Kinder und auch die Ehefrau zeigten Verständnis und waren glücklich, dass Steven Appleby den Mut hatte, zu seiner wahren Identität zu stehen.

Die Überlebensstrategie heißt Selbstironie

„Ich kleide mich als Frau, aber ich nehme keine Hormone. Also bin ich irgendwie zwischen Mann und Frau, und das ist okay für mich.“ Appleby sagt das ganz ruhig. Man spürt, dass es seine innere Ruhe ist, die ihn zu einem ausgeglichenen Menschen macht. Es ärgert ihn auch nicht, wenn Fremde ihn nicht als trans Mensch identifizieren oder mit seinen Vorstellungen und Gefühlen nichts anfangen können. „Insgesamt muss ich sagen, dass das Leben für trans Personen viel einfacher geworden ist.“ Die Gesellschaft habe sich an trans Identitäten gewöhnt. Wenn er auf der Straße als Frau gekleidet herumlaufe, erlebe er nur selten Diskriminierung, sagt er. „Das Einzige, was manchmal passiert, ist, dass mich ein Taxifahrer als Mann anspricht. Manchmal wird mir der Preis genannt mit dem Hinweis: ‚Bitte sehr, mein Herr, das macht zwölf Pfund.‘ Das irritiert mich zwar, aber es verletzt mich nicht.“ 

In der Graphic Novel „Dragman“ werden solche Momente der Diskriminierung verarbeitet, auf verspielte, nicht auf böswillige Art. Nirgends ist Zorn, nirgends Gehässigkeit zu spüren. Dragman versucht es stattdessen mit guter Laune. Er ist ein Superheld, der auf Ärger mit Humor antwortet. Seine Überlebensstrategie ist Selbstironie. Man sieht dem Comic an, dass Applebys Ruhe in die Figur eingeflossen ist.

Die Absurdität des Lebens, sagt Appleby, sei der zentrale Wesenskern, den er in seiner Arbeit vermitteln wolle. Daher seien seine Figuren so witzig und so skurril. Bei Dragman habe dem Zeichner gefallen, dass der Comic-Held ein Geheimnis hüte, das ähnlich verborgen sei wie die wahre Identität traditioneller Superhelden in amerikanischen Comics. „Superhelden müssen ihre geheimen Kräfte verstecken, also ihre wahre Identität. Bei Dragman ist es der Drang, sich Frauenkleider anzuziehen. Es gibt da interessante Parallelen“, sagt Steve Appleby schmunzelnd. Eigentlich sei er gar kein so großer Fan des Superheldengenres. Dennoch: „Es hat viel Spaß gemacht, sich ein wenig darüber lustig zu machen.“

Dieser Text ist in Kooperation mit Radioeins vom RBB, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels Berlin- Brandenburg und der Aktion „Bücherfrühling“ entstanden. Verlage und Buchhandlungen in der Region laden vom 23. bis 30. Mai dazu ein, neue Bücher zu entdecken und gemeinsam den Bücherfrühling 2021 zu feiern (https://stadtlandbuch.de/buecherfruehling/).

Infos zum Buch: Steve Appleby: „Dragman“, übersetzt von Ruth Keen, Schaltzeit Verlag, Berlin 2021, 336 S., 29 Euro.

Programmhinweis: Am Sonntag, den 30. Mai, spricht Tomasz Kurianowicz in der Radioeins-Büchersendung „Literaturagenten“ zwischen 18 und 20 Uhr mit Thomas Böhm und Marie Kaiser über die Graphic Novel „Dragman“ von Steve Appleby (übersetzt von Ruth Keen, Schaltzeit Verlag, Berlin 2021, 336 S., 29 Euro).

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.