Leipzig - Als ich am Sonntag um vier Uhr in der Früh aufstehe, mir flüssige Energie aus der Dose einschenke und mich vor meinen Laptop setze, nehme ich mir vor, nicht zu ruhen, bis ich zusammenbreche. Ich logge mich auf lichess.org ein, meiner liebsten Schachwebsite, und werde in den kommenden 25 Stunden und elf Minuten nichts anderes tun, als Schach zu spielen. Ich werde eine Maschine sein, die Springer gegen Läufer abtauscht und die kurze Rochade gegen die lange Rochade abwägt.

Und wie komme ich überhaupt auf so eine bescheuerte Idee? Nun ja, ich will herausfinden, woran es eigentlich liegt, dass sich schon so viele große Spieler verloren haben zwischen den 64 Feldern. Kann Schach verrückt machen? Werde ich selbst wahnsinnig?

Berliner Verlag
Die Wochenendausgabe

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Samstag am Kiosk oder hier im Abo. Jetzt auch das neue Probe-Abo testen – 4 Wochen gratis

Am 19./20. Juni 2021 im Blatt: 
Wie Tag und Nacht: Warum der Gleisdreieckpark abends zur Gefahrenzone wird. Die große Reportage

Street-Style Berlin: die Kreuzberger Oranienstraße ist ein Showroom für Tattoos. Wir haben uns umgeschaut

Der Abgeordnete Marcel Luthe von den Freien Wählern fühlt sich als Berlins Politiker-Sheriff. Was treibt ihn an?

Die Springer-Medien sagen, Carolin Emcke sei antisemitisch. Wir sagen: Das ist hysterisch. Außerdem: die großen Food-Seiten. Unser Kritiker hat sich das Restaurant Borchardt angeschaut und findet es überschätzt

https://berliner-zeitung.de/wochenendausgabe

Paul Morphy etwa war einer der besten Spieler seiner Zeit. Im 19. Jahrhundert trieb er seine Gegner mit stürmischem Temposchach in die Ecke, bis er sich in seiner eigenen Paranoia verlor. Schon mit 21 musste er seine Karriere beenden. Wilhelm Steinitz, der erste Schachweltmeister, begann zu halluzinieren und versuchte ernsthaft, gegen Gott zu spielen, nachdem er den Weltmeistertitel verloren hatte. Der legendäre Carlos Torre erlitt auf dem Höhepunkt seiner Karriere einen Nervenzusammenbruch und zog sich in einem Bus auf der Fifth Avenue aus, bevor er in die Anstalt kam.

Ein Tag Schachspielen wird mich sicherlich nicht in die Psychiatrie bringen. Aber vielleicht, wenn ich lange genug auf diese Felder starre und die Schlaflosigkeit mein Gehirn weichgespült hat, vielleicht verstehe ich dann etwas besser, was mit diesen Männern passiert ist.

Großmeister berechnen ein Dutzend Züge im Voraus

Obwohl ich Schach liebe, spiele ich selbst mittelmäßig. Und an diesem Morgen spiele ich besonders unkonzentriert. Die ersten Partien eröffne ich wahllos: erst mit dem Nimzowitsch-Larsen-Angriff, dann mit der Ponziani-Eröffnung. Nach 20 Zügen gebe ich auf. Es ist meine fünfte Niederlage in Serie.

Im Gegensatz zu mir haben Großmeister oft ein fotografisches Gedächtnis, sie haben jeden einzelnen Zug von Tausenden Partien im Kopf und berechnen ein Dutzend Züge im Voraus. Sie können gegen mehrere Gegner gleichzeitig antreten und ganze Partien im Kopf spielen, ohne ein einziges Mal aufs Brett zu sehen. 2016 nahm es der usbekische Großmeister Timur Gareyev mit 48 Spielern auf und gewann 35 der Spiele. Gleichzeitig. Mit verbundenen Augen. Während er auf einem Ergometer strampelte. Im Gegensatz zu diesen Männern habe ich den Geist eines Pantoffeltierchens.

Wenn Helmut Pfleger, jahrzehntelang einer der besten deutschen Spieler und ehemaliger Psychotherapeut, auf eine Schachstellung blickt, dann erkennt er sofort Muster. So wie es Wörter in einer Sprache gebe, gebe es im Schach Motive, die ständig wiederkehren. Wer oft spiele, sehe das Brett mit anderen Augen, sagt Pfleger.

„Einer der Gründe, warum manche Männer viel Schach spielen, mag ein ödipaler Komplex sein“, sagt Pfleger. Mithilfe der Mutter, repräsentiert durch die Dame, versuche der Schachspieler, den Vater, also den König, zu töten. Etliche der besten Spieler der Welt seien vaterlos aufgewachsen, sagt Pfleger. Auch ich habe meinen Vater nicht kennengelernt.

Schachspieler können nur an sich selbst zweifeln, wenn sie verlieren

Aber macht Schach wahnsinnig? „Nein!“, ruft Pfleger, Schach sei sogar gesund: als Gehirnjogging. Mental belastend seien im Schach nur die Niederlagen, denn eine Partie Schach wird jedes Mal persönlich. Die Fußballerin kann sich immer trösten: die Mitspielerin, das Wetter, die Linienrichterin, der verschleppte Muskelfaserriss oder was auch immer. Aber der Schachspieler, der ganz allein vor dem Brett sitzt, kann nur an sich selbst zweifeln, wenn er verliert.

Und er wird sich für einen brillanten Kopf halten, wenn er gewinnt. In keinem anderen Spiel fühlt sich das Gewinnen so gut an. Der Verlierer kann nichts auf den Zufall schieben, der Sieger wird immer behaupten: Genau so habe ich es geplant. Und immer schwingt mit: Ich habe dich intellektuell überrumpelt. Dich in eine geometrische Falle gelockt. Deinen Plan erkannt, bevor du ihn ausführen konntest. Heute war ich klüger als du.

Wenn ich wissen will, was mit den irren Großmeistern passiert ist, muss ich mich mehr anstrengen. Ich konzentriere mich jetzt und spiele nur noch die italienische Eröffnung, mit der ich mich auskenne. Wenn ich früh im Spiel eine Figur verliere, dann werde ich nicht wütend, sondern kämpferisch. Ich habe eine Siegesserie.

Die Dame fesseln, den König schubsen

Gegen sechs Uhr in der Früh schleiche ich mich durch die WG, steige aufs Dach und spiele im Sonnenaufgang weiter. 22 Stunden bevor ich zusammenbrechen werde, glaube ich, bis in alle Ewigkeit weiterspielen zu können.

Ich berausche mich an meiner Siegesserie auf dem Dach. Wie ich die Dame des Lichess-Users ManFai in Zug 22 fessele und er sofort aufgibt. Wie ich den König des Users Br0nc0 in die Ecke schubse, ihn mit zwei Springern und der Dame umtänzele, bevor ich ihn hinrichte. Wie ich Hrach1949 mit meinem eigenen König und zwei Bauern matt setze. Großer Gott, fühlt sich das gut an. So spielt kein Pantoffeltierchen, so spielte der junge Bobby Fischer!

Von allen Schachspielern, die durchgedreht sind, ist Bobby Fischer der schillerndste. Als er 1972 für die USA gegen den Russen Boris Spasski um den WM-Titel spielte, beschimpfte er die Veranstalter und tauchte zur zweiten Partie des Duells gar nicht erst auf. Fischer war ein exzentrischer Choleriker, aber er spielte brillant. Im sechsten Spiel besiegte er Spasski mit einer solch schlichten Eleganz, dass Spasski vom Brett aufstand und Fischer applaudierte. Mitten im Kalten Krieg.

Fischer wurde weltberühmt und löste in den USA einen Schachboom aus, bevor er endgültig abdrehte. Später leugnete er den Holocaust und lobte die Anschläge vom 11. September. Fischer hatte Verfolgungswahn, wechselte ständig seinen Wohnort, und nachdem er die amerikanische Staatsbürgerschaft verloren hatte, fand er 2005 Asyl in Island, wo er drei Jahre später starb.

Heute sind Weltklassespieler höfliche und disziplinierte Herren

Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Ich sitze schon seit neun Stunden ununterbrochen vor dem Schachbrett, stopfe mich mit Kuchen voll und trinke Eiskaffee. Ich fühle mich großartig. Keine Spur von Wahnsinn. Vielleicht ist dieses ganze Wahnsinnigwerden einfach aus der Mode gekommen. Bobby Fischer war der letzte Großmeister, der so richtig durchgedreht ist. Heute sind Weltklassespieler höfliche und disziplinierte Herren – keine Skandale, keine Schachpartien gegen Gott.

Ich fange an, an meiner These zu zweifeln, also rufe ich André Schulz an, während ich eine Partie gegen math-lover spiele. Schulz ist Chefredakteur des Schachnachrichtenportals chessbase.com und hat ein Buch über Schachgeschichte geschrieben. Macht Schachspielen jetzt irre oder nicht?

Schachspieler würden nicht wahnsinnig, weil sie so viel Schach spielten, sagt er. Vielmehr interessierten sich überdurchschnittlich viele sonderbare Menschen für Schach. „Schach zieht Autisten an, die die logische Klarheit im Spiel lieben.“ Eigenbrötler können sich beim Schach stundenlang gegenübersitzen und müssen dabei kein Wort wechseln. Nerds können hier unter ihresgleichen bleiben. Aber sind das wirklich Wahnsinnige?

„Nein“, sagt Schulz, „aber wenn solche Leute dann auch noch blind Schach spielen, eine eigene Wissenschaft zu dem Spiel entwickeln und ihr ganzes Leben einem Brettspiel widmen, dann wirkt das auf Außenstehende wie Wahnsinn.“

Wenn Schach wie Kokain ist, dann ist Blitzschach wie Crack

Um 15 Uhr steht mein Schachfreund Daniel vor der Tür. Schon seitdem wir uns kennen, spielt Daniel besser als ich, und vor ein paar Monaten hat er mir gestanden, er sei schachsüchtig.

„Macht dich das Schachspielen manchmal irre?“, frage ich ihn.

„Manchmal sehe ich abends noch Schachbretter vor meinem inneren Auge, wenn ich viel Blitzschach spiele“, sagt er.

Wenn Schach wie Kokain ist, dann ist Blitzschach wie Crack: schneller, härter, aggressiver. Für die gesamte Partie hat jeder Spieler beim Blitz nur fünf Minuten Bedenkzeit. Beim Blitzen bilden sich unter meinen Achseln jedes Mal große Schweißringe. Aber heute spielen Daniel und ich ohne Uhr. Nach vier Partien steht es zwischen uns 2:2.

„Entscheidungsblitz?“, fragt Daniel mich schelmisch.

Fünf Minuten später gebe ich auf. In mir kocht die Wut, aber ich lächele. Dann bringe ich Daniel zur Tür, umarme ihn und setze mich wieder vor meinen Computer, wo ich meine Wut rauslassen kann. Fuck! Ich verliere – und wahnsinnig werde ich auch nicht.

Endlich bekomme ich ein bisschen Verfolgungswahn

Zum Abendessen genehmige ich mir eine entspannte Partie mit 30 Minuten Bedenkzeit. Läufer B5, einen Happen Butternutkürbis. Springer F3, ein Schlückchen Energie. Diese erholsame Partie werde ich brauchen. Jetzt kommen die harten Stunden: Ich will auf Crack umsteigen. Wenn mich 17 Stunden Schach noch immer nicht in den Wahnsinn getrieben haben, dann muss ich blitzen.

Während ich regungslos vor meinem Computer sitze, gewittert es in meinem Kopf. Ich will die Siege so sehr, aber ich werde immer dümmer. Mit jeder Niederlage werde ich ängstlicher. Droht mir da gerade ein Grundreihenmatt? Der hat es doch auf meinen Königsspringer abgesehen! Ich sehe Gefahren, wo keine sind. Am Brett werde ich immer paranoider, und wenn ich kurz die Augen schließe, dann sehe ich das Brett weiter vor mir. Endlich bekomme ich ein bisschen Verfolgungswahn.

Gegen zwei Uhr morgens fühle ich mich sonderbar leicht. Schwebe ich? Ein schrilles Plingen von meinem Computer holt mich zurück: Ich habe nicht geschwebt, sondern bin über meinem Laptop zusammengebrochen, habe ein paar Sekunden geschlafen und das Zeitlimit meiner Partie überschritten.

Der Wahnsinn scheint zum Greifen nahe

Schnell öffne ich die nächste Dose, gehe ins Bad, kaltes Wasser ins Gesicht. Das Schachbrett vor meinem inneren Auge wird immer deutlicher. Der Wahnsinn scheint zum Greifen nahe. Jetzt nicht nachlassen! Ich blitze weiter.

Klar, ich habe nicht nur 82 Partien Schach gespielt, sondern auch drei Liter Energydrinks in mich geschüttet und seit 24 Stunden nicht geschlafen. Hätte ich 24 Stunden lang Backgammon gespielt: Vielleicht würde ich jetzt Zackenmuster vor meinem inneren Auge sehen.

Schach allein führt sicher nicht in den Wahnsinn, aber dass auffällig viele Großmeister durchgedreht sind, kann auch kein Zufall sein: Vereinsspieler versuchen ständig, die Gedanken ihrer Gegner zu lesen. Kein Wunder, dass Steinitz irgendwann an Telepathie glaubte. Sie müssen kreativ sein, logisch denken, und das alles unter Zeitdruck. Schach ist kraftzehrend. Und dann ist da noch die ständige Angst vor der Niederlage, die immer auch eine intellektuelle Demütigung ist.

Obwohl Bobby Fischer der beste Spieler seiner Zeit war, hatte er panische Angst vor dem Verlieren und litt unter Verfolgungswahn. Und ich sitze mit zersetztem Gehirn vor meinem Computer, lasse mich von fremden Menschen aus dem Internet zerpflücken und könnte vor Wut heulen. Aber ich werde meinen Marathon nicht als Verlierer beenden.

Um 4.49 Uhr beginne ich eine Partie gegen mohapmahmoud. Ich verliere früh meinen Turm, aber egal: Ich konzentriere mich auf mein Bauernspiel. In Zug 52 bekomme ich einen Bauern durchgedrückt und verwandele ihn in eine Dame. Scheiße, JA! Zwei Züge später, um 5.11 Uhr, ist mohapmahmoud matt und ich bin erlöst. Ich falle ins Bett, überall Schachbretter. Keine Energie mehr.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.