Hongkong - Für Brandon Tai ist der Job, den er seit 30 Jahren macht und liebt, nicht mehr derselbe. Denn die Inhalte, die der Lehrer über seine Laufbahn erlernt und erprobt hat, darf er zum Teil nicht mehr weitergeben. „Heute bereite ich Lehrmaterialien für meinen Unterricht vor“, erzählt er mit besorgter Stimme per Videogespräch. „Darin geht es um die Wirtschaftsgeschichte von Hongkong und Festlandchina. Bisher war unser Verständnis so: In den 80er-Jahren, als sich Chinas Wirtschaft öffnete, kam aus dem wohlhabenderen Hongkong wichtige Unterstützung.“

Aus Hongkong wurden etwa Fachkräfte und Lehrer rübergeschickt, die die Menschen dort beim Aufbau einer liberalen Marktwirtschaft begleiten sollten. Der neue Lehrplan aber wünsche einen anderen Blick auf die Geschichte. Das Narrativ ist umgedreht. „Da steht jetzt, Hongkong sei erst durch Investitionen aus China zu dem Finanzzentrum geworden, das es heute ist.“ Die Lehrer wissen, so Brandon Tai, „dass das völlig absurd ist. Aber das ist, was sie von uns erwarten. Es ist eine Art Gehirnwäsche für die Schüler.“

Berliner Verlag/Stephanie F. Scholz
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Brandon Tai heißt in Wahrheit anders. Die Lage in Hongkong ist politisch so angespannt, dass er aus Vorsicht seinen Namen nicht in der Öffentlichkeit sehen will. Denn seit im Juli letzten Jahres für seine Heimat Hongkong das Nationale Sicherheitsgesetz in Kraft trat, ist vieles ungewiss geworden. Nur so viel ist klar: Dissens gegenüber dem Einparteiensystem aus China ist nicht mehr erlaubt und kann zu langen Gefängnisstrafen führen. Im Namen des seit einem Jahr gültigen Gesetzes hat es schon Tausende Verhaftungen gegeben.

Bisher ist man es in Hongkong gewohnt gewesen, seine Meinung frei auszudrücken. Der Stadtstaat an der Südküste Chinas war 99 Jahre lang britische Kolonie. Und als er 1997 erneut chinesisches Territorium wurde, sollten eigentlich für weitere 50 Jahre diverse liberale Freiheiten gelten. Auch allgemeine Wahlen waren vorgesehen. Doch bald stellte sich heraus, dass Chinas Regierung in Peking von diesen Versprechen nicht mehr viel hielt.

Lehrplan umgekrempelt, ganze Fächer werden „gekillt“

Mit dem Nationalen Sicherheitsgesetz von 2020 sind die liberalen Freiheiten in Hongkong nun abgeschafft. Das spürt man insbesondere im Bildungssektor, klagt Brandon Tai, der zwei jener Fächer lehrt, die jetzt am stärksten umgekrempelt werden: Geschichte und Gesellschaftskunde. „Das Fach Gesellschaftskunde haben sie im Prinzip gekillt.“ Bisher wurden da aktuelle politische Themen diskutiert und alle möglichen Standpunkte untersucht.

„Wir haben auch über die Proteste auf den Straßen gesprochen, die sich gegen die neuen Gesetze aus Peking richten.“ So hätten zu den Stadtbesetzungen Occupy Central von 2014 viele Lehrer mit ihren Schülern erörtert, warum die Studenten, die Polizei und die Ladenbetreiber unterschiedliche Einstellungen zur Lahmlegung der Innenstadt hatten. „Aber heute macht die Regierung dieses Fach dafür verantwortlich, dass die Proteste auf den Straßen so groß wurden.“

Auf die Lehrerschaft, und damit auf den Unterricht, hat das Sicherheitsgesetz große Auswirkungen, sagt auch Ip Kin-yuen. Der ehemalige Schulleiter und Politiker ist heute Co-Vorsitzender der größten Lehrergewerkschaft Hongkongs. Er beobachtet etwas, was er von seinen aktiven Lehrerjahren nicht kannte: „Wir erleben Selbstzensur. Das ist sehr ernst. Wenn du Angst hast, dich auszudrücken, obwohl du etwas lehren sollst.“

Zudem seien jetzt die Schulen dafür verantwortlich, dass das Nationale Sicherheitsgesetz eingehalten werde. „Das reicht vom Verhalten der Schüler bis zu den Worten an der Tafel. Nichts darf schiefgehen, denn die Schulen werden zur Rechenschaft gezogen.“ Auch Lehrer sind schon freigestellt worden. Vier Lehrkräfte haben bis jetzt ihre Lehrerlaubnis verloren, weil sie 2019 zu Protesten angestiftet oder daran teilgenommen haben sollen. Seit Mai 2020 verloren noch insgesamt zehn Lehrkräfte ihren Job. Mal ging es laut der Bildungsbehörde um Lehrmaterialien, die die „Nation diffamieren“. Mal um politische Lieder im Klassenraum.

Es zeichnet sich ab, dass keine kritische Auseinandersetzung mit Themen wie Zensur vorgesehen ist.

Ip Kin-yuen

Auch die Zahl von Disziplinarmaßnahmen gegen Lehrer hat zugenommen. Ip Kin-yuens Gewerkschaft Hong Kong Teachers Union hat Lehrerinnen dazu befragt, wie sie mit der Situation umgehen. Mitte Mai kam dabei heraus, dass rund 20 Prozent schon Pläne haben, ihre Jobs zu verlassen. Weitere 20 Prozent haben es noch nicht entschieden, aber überlegen es. Das nationale Sicherheitsgesetz könnte Hongkong also einen akuten Lehrermangel bescheren. Schon jetzt berichten Lehrkräfte, dass es auffallend viele Stellenangebote im Bildungssektor gibt.

Der Job wird denn auch nicht attraktiver. Das Fach Gesellschaftskunde, das Brandon Tai bisher besonders gern lehrte, wird in den nächsten zwei Jahren durch Staatsbürgerkunde ersetzt. Der Hongkonger Lehrer weiß noch nicht, was genau er dort wird lehren müssen. Aufgeben will er aber noch nicht, sagt er: „Es gibt bis jetzt grobe Richtlinien und ein paar Zeitungsberichte. Es zeichnet sich ab, dass keine kritische Auseinandersetzung mit Themen wie Zensur vorgesehen ist. Und es gibt einen Fokus auf nationalistische Werte.“

So kursierte eine Karikatur von Micky Maus als imperialistischer Figur, die sich gegen chinesische Werte richtet. „Trotzdem will ich in Hongkong bleiben, und das möglichst als Lehrer“, sagt Brandon Tai. „Es wird immer noch Dinge geben, die ich tun kann, auch wenn der Bewegungsradius kleiner wird. Die Lage ist natürlich sehr schlecht – aber die Schüler brauchen doch Lehrer.“

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.